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WLAN-Gönnung vs. digitale Bildungsangst?

Kuno hat mal wieder die Zeit gelesen und widersteht der Versuchung, sich über den Leitartikel „Falscher Gegner“ aufzuregen, in dem heiter Globalisierung und Freihandel sowie Trump-Anhänger und alle Gegner von TTIP oder CETA in einen Topf geworfen und links oder rechts herum zusammengerührt werden. Tenor wie immer: Wandel ist gleich Fortschritt, Fortschritt ist unaufhaltsam und wer das anders sieht, hat Angst. Gähn.

Das Thema Angst spielt auch im Artikel daneben eine Rolle: „Keine Angst vor dem Computer!“ Diese Angst wird vor allem Lehrkräften unterstellt, die Wankas Milliarden für geiles Internet in den Schulen nicht so hart feiern wie die Zeit: „Lehrer fürchten die Digitalisierung. Warum bloß?“ Gute Frage, wo doch wieder gilt: Digitalisierung ist Fortschritt, Fortschritt ist unaufhaltsam und wer das anders sieht, hat Angst.

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Ja, warum bloß diese Angst? Warum wollen manche Schulen lieber in Toiletten und Klassenräume investieren statt in Digitales? Hoffentlich, weil ein paar Lehrkräfte noch fähig sind, Fragen zu stellen, die auf dem affirmativen Level mancher ihrer Kollegen und sowieso des Zeit-Journalisten schon längst nicht mehr denkbar sind. Müssen wir die Kinder zwangsläufig alle vor digitale Geräte setzen, damit sie etwas über Digitalisierung lernen? Wenn Kinder in der Schule programmieren lernen, brauchen sie dafür zwingend WLAN? Ist Unterricht an digitalen Geräten wirklich „besser“? Was machen digitale Medien mit uns als Individuen und als Gesellschaft?

Wer will, kann sich hier die Stellungnahme eines Kölner Wissenschaftlers zu einem Antrag im Landtag Nordrhein-Westfalens ansehen, da findet sich auf gerade mal neun Seiten eigentlich alles, was der aktuellen Diskussion abgeht. (Zugegeben, Burchardt wurde schon im letzten Artikel zu einem ähnlichen Bildungsthema zitiert, aber egal.)

Gönnung statt Differenzierung

Statt der „schroffen Alternative von naiver Technikgläubigkeit vs. radikaler Maschinenstürmerei“, die auch der Zeit-Artikel anbietet (so etwas könnte man übrigens digitales Denken nennen, also die Unfähigkeit, über binäre Alternativen wie schwarz-weiß, schlecht-gut, dafür-dagegen etc. hinaus zu denken – nicht ganz untypisch für den Journalismus, wie der Kuno meint), rät der Bildungsphilosoph zu mehr Differenzierung. Aber wen interessiert das intellektuelle Gelaber, wenn die Zeit ihre #yolo-Argumente abfeuert: „Schnelles WLAN ist super“? Der intellektuelle Tellerrand des Artikels endet dann auch leider (wie so oft beim Thema Digitalisierung und Schule) genau da, wo die eigentlichen Fragen beginnen sollten.

„Wie wollen sie [die Lehrer] Schüler zur Aneignung einer Welt erziehen, in der intelligente Roboter nicht nur Bandarbeiter überflüssig machen, sondern auch Ärzte, Anwälte, Analysten?“ Und übrigens auch Journalisten, die – auf dem Niveau des Zeit-Artikels sowieso – schon bald problemlos durch Bots ersetzt werden könnten.

Angst, Lemminge und Fliegen

„Falsche Frage“, könnte man in Anlehnung an den Nachbarartikel dagegenhalten, denn sonst kann man sich ja gleich erkundigen, wann denn bitte endlich die digitalisierte KiTa oder das Uterus-Tablet kommt. Wie wäre es denn, Schüler und Schülerinnen dahingehend zu erziehen, dass sie den Austausch von Arbeitern, Ärzten, Anwälten, Analysten durch Roboter nicht einfach wie die Lemminge hinnehmen – sondern intellektuell in der Lage sind abzuwägen, welche Vor- und Nachteile technische Neuerungen und betriebswirtschaftliche Effizienz einerseits sowie Menschen in (guter) Arbeit andererseits für die Entwicklung einer Gesellschaft haben könnten?

Der Kuno hat nämlich auch Angst. Aber weniger vor der Digitalisierung als vor Menschen, die jede Entwicklung achselzuckend als „Fortschritt“ hinnehmen und sich stur und stumpfsinnig darauf beschränken, deren Folgen zu managen. Digitalisierung? Freihandel? Ärzte, Anwälte, Analysten als Foodoora-Fahrer? Ist halt so, kann man nichts machen. Doch, kann man. Aber dazu muss man zumindest fähig sein, Dinge zu hinterfragen, statt blind der Herde zu folgen, die ja schon wissen wird, wo es hingeht. Oder dem Schwarm, denn wie sagte Kunos Ethiklehrer seinerzeit? „Scheiße schmeckt gut, 10000 Fliegen können sich nicht irren.“

[Nachtrag: Der Zeit-Artikel endet übrigens mit dem gönnerhaften Hinweis, die Digitalverweigerer sollten sich doch von den Checkern im Silicon Valley agile management abschauen. „Einfach mal neugierig sein und ausprobieren.“ So wie man im Valley halt arbeitet: fun, fun, fun. Abgesehen von der Tatsache, dass so manche der dortigen agile manager ihre eigenen Kinder so lange wie möglich von Computern fernhalten, müsste jetzt noch jemand dem Zeit-Autoren verklickern, dass es (noch) Unterschiede zwischen der Prozesssteuerung im Unternehmen und schulischer Didaktik gibt. Wer darauf erst hingewiesen werden muss, sollte vielleicht zum Thema Bildung keine Artikel mehr verfassen.]

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Nur keine Angst

Nur keine Angst“, tröstet die aktuelle Zeit ihre Mittelschichts-Leser auf der Titelseite. „Die Löhne stagnierten zwar ein paar Jahre, zuletzt aber sind sie in fast allen Bereichen gestiegen.“ Atmen! Und der Mittelschicht gehe es nicht so schlecht, weil der Industriearbeiter heute keine Hausfrau, sondern eine Teilzeitkraft an seiner Seite habe. Ob die jetzt arbeiten will oder arbeiten muss, weil sonst die Kohle nicht reicht, liegt schon wieder jenseits des Tellerrands. Lächeln!

Heutzutage könne man für Geld mehr kaufen und dieser Konsumdruck fühle zu subjektiver Unzufriedenheit, weil man die Mittelschicht eben nicht alles leisten könne. Aha. Also: alles halb so schlimm und sicher kein Vergleich mit den USA.

Doch lieber Angst?

Im Wirtschaftsteil der Ausgabe findet sich ein Interview mit dem Ökonomen Branko Milanović, der zum Thema Ungleichheit forscht und über die Entwicklung der letzten 25 Jahre sagt:

„Die Unterschiede sind in Amerika sicher besonders ausgeprägt. Aber das Muster ist in anderen westlichen Volkswirtschaften ähnlich. Es gibt kein Land, in dem die Ungleichheit zurückgegangen ist.“ Jetzt klingt der Leitartikel wie das Pfeifen im Walde. Continue reading Nur keine Angst

Die Mitte ist immer ideologiefrei. Is’ so!

Früher war mehr Mitte. Bernie Sanders beim Plakate kleben.
Früher war mehr Mitte. Bernie Sanders beim Plakate kleben.

Die aktuellen Entwicklungen in Deutschland schreien ja geradezu nach Erklärungsversuchen und die Presse gibt sich alle Mühe. Der passendste Artikel dazu stand kürzlich in der Zeit und argumentiert, mehr oder weniger, dass sowohl Linke („Hyperkritik“) als auch Rechte („Ressentiments“) die Schuld tragen und anständige Konservative heutzutage „politisch mindestens bis zur AfD auswandern“ müssten, weil der Mainstream so nach links gerückt sei. Kann man so sehen, muss man aber nicht.¹ Die entscheidende Rolle spielt hier aber ohnehin, dass der ganze Artikel auf der Annahme basiert, der Rechtsruck in Deutschland sei auf keinen Fall wirtschaftlich zu erklären. Zitat:

„Und was haben wir heute? Dem Land ging es noch nie so gut – und es war noch nie so zerrissen. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig, wie sie es seit 1992 nicht mehr war. Der Finanzminister kann sich vor Überschüssen kaum retten. Die Renten erreichen Rekordhöhen, und selbst die Binnennachfrage, deren Schwächeln bisher immer als Beweis angeführt wurde, dass vom Wohlstand, der vom Exportweltmeister oben erwirtschaftet werde, unten nichts ankomme, selbst diese Binnennachfrage brummt nicht nur zur Weihnachtszeit dank kräftig gestiegener Löhne. Dies müssten eigentlich die klassischen Rahmenbedingungen für ein mit sich selbst zufriedenes Land sein, das den Wahlkampfslogan der CDU aus den achtziger Jahren wieder hervorkramen könnte: ,Weiter so, Deutschland!

Weiter so? Kann man das nicht auch anders sehen? Continue reading Die Mitte ist immer ideologiefrei. Is’ so!

Zu Sanders

Donald Trump. Oder Ted Cruz. Bei Unklarheit einfach mal den Kleber vom heute-Jounal fragen.
Donald Trump. Oder doch Ted Cruz?

Die USA sind ja schon schrill. Der Deutsche an sich und seine Leitmedien gruseln sich mit großem Vergnügen vor Trump und all den anderen Verrückten da drüben. Dabei können sich die Alpha-Journalisten natürlich immer darauf verlassen, dass ihr eigener „politischer Kompass“ (wie man so sagt) zuverlässig eingenordet und ihr Urteilsvermögen ungetrübt objektiv ist.

So mal wieder zu bewundern bei Claus Klebers Anmoderation der US-amerikanischen Vorwahlen im heute-Journal des vergangenen Sonntags: „Die Welt könnte vernünftige Führung brauchen. Doch morgen könnte die erste Vorwahl eine vertrackte Alternative einleiten, zwischen einem linken Träumer namens Bernie Sanders und einem größenwahnsinnigen Immobilienmogul namens Donald Trump.“

Rassisten, Fundamentalisten, Linke: Alles Spinner

Wie man eine vertrackte Alternative einleitet, weiß wahrscheinlich auch nur Kleber, aber wie man eine tendenziöse Berichterstattung einleitet, das weiß sogar der Kuno. In die gleiche Kerbe wie Kleber schlug übrigens auch die Süddeutsche Zeitung am Wochenende, als sie den rassistisch hetzenden Trump, den Tea-Party-Fundamentalisten Cruz und den „demokratischen Sozialisten“ Sanders ganz selbstverständlich in einen Topf warf. Tenor im heute-Journal und bei der SZ: Sind alle Spinner. Continue reading Zu Sanders

Sind die Journalisten verrückt?

Sicher ist es immer einfacher, zu kritisieren als selbst etwas zu schreiben und man soll ja auch nicht jeder Kleinigkeit übermäßige Bedeutung zumessen. Der Titel der aktuellen Zeit lässt einen aber schon arg ins Grübeln kommen.

ZEIT_02-28-16

Kleine Lesehilfe: „Sind die Deutschen verrückt? Oder ist es der Rest der Welt, der keine Flüchtlinge aufnimmt? Warum Angela Merkel mit ihrer Flüchtlingspolitik so allein steht – und wie sie die anderen Europäer auf Linie bringen und sich selbst retten will.“

Der Rest der Welt nimmt keine Flüchtlinge auf? Eulen nach Athen – aber bitte sehr:

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Wer Zahlen bevorzugt:

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Die Zahlen stammen aus dem Halbjahresbericht des UNHCR für das Jahr 2015. Demnach ist Deutschland zwar auf dem Weg, einen persönlichen Rekord aufzustellen, von der Weltspitze jedoch noch sehr, sehr weit entfernt.

Wie um alles in der Welt kommt man auf diese Schlagzeile?

Wir gehen mir auf den Geist

Heute heißt es stark sein und kämpfen, denn der Artikel ist lang. Für alle Ungeduldigen hier die Kurzversion: Kuno geht dieses omnipräsente ,Wir‘ gehörig gegen den Strich. So wie alle, die gerne zum Bildungsbürgertum gehören wollen, sucht natürlich auch Kuno Halt und Orientierung bei der ZEIT, die immer alles so schön erklärt.

Quelle: ikiosk.de

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Lobby Dick

Hans-Werner Sinn (Abb. ähnlich)
Sinn, Hans-Werner (Abb. ähnlich)

ZEIT-online: „Ahab will weißen Wal abschaffen.“ Bzw. und ähnlich überraschend: „Sinn will Mindestlohn abschaffen.“ Umgekehrt klänge die Idee natürlich deutlich pfiffiger, aber immerhin. Kuno hilft Sinns Pointenversuch etwas auf die lahmen Beine, indem er ihn mit dem Lieblingswitz aller Deutschen verbrämt, den Kunos Fans hier fast jede Woche abfeiern:
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Jeremy im Wunderland

Kuno hat mal wieder die ZEIT gelesen und freut sich über Khuê Phams Leitartikel zum neuen britischen Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn. Titel: „Marke Hoffnung“. Untertitel: „Auch in Großbritannien elektrisiert ein Linker die Menschen. Doch der ärgste Gegner bleibt die Realität.“ Tenor: Sind ja ganz nette Ideen, aber leider völlig realitätsfremd. Was ist das eigentlich für eine „Realität“, die für Linke wie den Briten Corbyn, den US-Amerikaner Bernie Sanders, den Spanier Pablo Iglesias oder den Griechen Alexis Tsipras (der inzwischen „gezähmt“ ist, wie ich weiter hinten in der Zeitung lese) ein solch hartnäckiger Gegner zu sein scheint? Continue reading Jeremy im Wunderland

Austerität schlürfen mit Joffe

Huhu Joffe, lange nichts gehört von Ihnen. Anscheinend war der Herausgeber der ZEIT im Urlaub und landete als überzeugter Europäer in Portugal. Welche Erkenntnisse er wohl mitgebracht hat? Muscheln und Fisch sind teuer da unten, aber dem Land geht es immer besser, weil es so brav alle Sparauflagen der Troika durchgesetzt hat – anders als dieses aufsässige Griechenland.

Und woran erkennt Joffe das? Portugals Exporte wachsen momentan schneller als die Griechenlands (was auch immer der Vergleich soll) und das Land habe mehr getan, „um den Staatssektor zu verkleinern, die Arbeitsgesetze aufzulockern und Wettbewerbsbarrieren abzusenken.“ Deshalb stehe Portugal jetzt im Weltbank-Ranking der Unternehmerfreundlichkeit auf einem ganz tollen Platz. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Wiederholen, bis es stimmt

Weitere Argumente? „Portugals Arbeitslosigkeit fällt (von 17% auf 14 %) und: „Nach drei Jahren Minuswachstum registriert Portugal ein Plus von fast einem Prozent.“ Sagenhaft. Das war’s dann aber schon. Und das ist auch die Kurzversion der Schönfärberei, die der deutsche Pressekonsument tagtäglich aufs Auge gedrückt bekommt: Spanien, Irland, Portugal? Alles gut da, die haben ja gespart und reformiert. Wir wiederholen das solange, bis es stimmt! Continue reading Austerität schlürfen mit Joffe

Guten Tag, ich bin Deutscher, wir kriegen das schon hin

Ich schreibe ja öfter über die ZEIT. „Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen…“ – nein, ich tue das, weil die ZEIT eines der einflussreichsten deutschen Medien ist und ich es eigenartig, aber leider symptomatisch, finde, was sich in diesem Flaggschiff des deutschen Journalismus so tut. Zugegeben, die ZEIT ist pluralistisch genug, verschiedene Meinungen zuzulassen, aber die von der Blattlinie abweichende Sicht findet sich dann doch meist als Gastartikel hinten im Feuilleton, während Politikteil und vor allem Leitartikel eher einseitig ausfallen. Den aktuellen Leitartikel findet man passenderweise auch auf ZEIT-online, die beiden Gegenpositionen aus dem Feuilleton (noch) nicht. Also, wer wissen möchte, wie in diesem Artikel stellvertretend für so viele andere bewusst oder unbewusst manipuliert wird, der folge mir in meiner kleinen Textexegese. Zur Entspannung erst ein Bild, aber dann kommen ziemlich viele Buchstaben. Sorry, aber es lohnt sich.

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Lassen Sie mich durch, ich bin Deutscher

„Am liebsten würde man [zu den Griechen] hingehen und sagen: Guten Tag, ich bin Deutscher, wir kriegen das schon hin.“ Klingt ja erst mal aufmunternd. Weiter heißt es: „Rührend und historisch beispiellos ist aber auch die kühle Fürsorge, mit der sich achtzehn andere Staaten der EU seit fünf Jahren immer wieder und seit fünf Monaten unentwegt mit dem Schicksal der elf Millionen Griechen befassen.“ Das wirkt jetzt schon deutlich paternalistischer, oder? Schließlich: Merkel, die „zu Beginn der Krise wohl einige Vorurteile hegte“ (dank NSA und Wikileaks wissen wir, dass Merkel keine Vorurteile, sondern schlicht keine Ahnung hatte) sei nun so drin in der Materie, dass „sie in Athen jederzeit mitregieren könnte.“ Ulrich ist natürlich intelligent genug, sich nicht offen zu wünschen, dass Mutti in Athen aufräumt, aber seine Folgerung ist auch nicht ganz ohne. Für ihn ist durch Fürsorge und Merkel-Kompetenz bewiesen: „Enger, intensiver, ja solidarischer kann Europa kaum sein.“ Kurz: „Guten Tag, ich bin Deutscher, wir kriegen das schon hin“, klingt dann doch eher nach jovialer Herablassung als nach Solidaritätsbekundung, aber vielleicht bin ich auch zu misstrauisch.
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