Tag Archives: Griechenland

Volksfeinde und nationale Anstrengungen

Bei der Überschrift ist die Aufmerksamkeit doch garantiert. Nach einer kleinen Pause meldet sich der Kuno mit drei kurzen Kommentaren zu beliebten Themen der Nation zurück: Flüchtlinge, Inflation und Schulden. Da ist doch für jeden ein Lieblingsfeind dabei!

Dieses Jahr hat sich Kuno zu den Ereignissen in Köln erstmal zurückgehalten und abgewartet, bis das Gebrüll leiser geworden ist. Könnte sich gelohnt haben, denn nachdem die Polizei erst behauptete, dass die meisten der über 600 Verhafteten Nordafrikaner seien, korrigiert sie sich nun. Schlappe zwei Wochen wurde offenbar tapfer gezählt und das Ergebnis: Unter den Verhafteten waren 17 Marokkaner und 13 Algerier.* Continue reading Volksfeinde und nationale Anstrengungen

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Die Theatralisierung des Abendlandes

Tragödien, überall Tragödien. Wenn ein Politiker (wahrscheinlich) Drogen nimmt, ist das eine Tragödie, letztes Jahr gab es die griechische Tragödie zu bestaunen, dieses Jahr die Fluchtlingstragödie und jetzt sogar beides zusammen. Frisst das Theater die Realität, also das Abendland? Und was für ein Stück wird da eigentlich aufgeführt?
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Deutschlandradio Kultur weiß: „Unsere Bundeskanzlerin durchlebt im wahrsten Sinne des Wortes ein griechisches Drama. Homer hat es erzählt. Eine Herkulesaufgabe hat Angela Merkel zu bewältigen.“ Im politischen Feuilleton zu behaupten, Homer habe Dramen erzählt, klingt auch irgendwie dramatisch, aber dann doch eher nach Komödie. Und während in der attischen Tragödie gute und böse Charaktere ihrem Schicksal entgegengehen, ist für Witzfiguren das Format der Komödie reserviert.

Kurz
Der österreichische Außenminister Kurz etwa, der noch vor einigen Jahren mit dem „Geilomobil“ durch Österreich tourte (Motto: „Schwarz macht geil!“, inklusive fescher Hostessen, Kondomverteilung und was seriöse Politik sonst so ausmacht), passt da recht gut. Heute will der Mann sich ja als harter Hund (oder, um auf dem Niveau des Deutschlandradio-Feuilletons zu bleiben, als erymanthische Wildsau) profilieren und stellt klar, sein Land sei mit der Aufnahme von 90 000 Flüchtlingen im Jahr 2015 „schlicht und ergreifend überfordert“. Ergo: Grenzen dicht bis runter nach Mazedonien, sollen die Griechen doch alleine klarkommen. Continue reading Die Theatralisierung des Abendlandes

Jeremy im Wunderland

Kuno hat mal wieder die ZEIT gelesen und freut sich über Khuê Phams Leitartikel zum neuen britischen Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn. Titel: „Marke Hoffnung“. Untertitel: „Auch in Großbritannien elektrisiert ein Linker die Menschen. Doch der ärgste Gegner bleibt die Realität.“ Tenor: Sind ja ganz nette Ideen, aber leider völlig realitätsfremd. Was ist das eigentlich für eine „Realität“, die für Linke wie den Briten Corbyn, den US-Amerikaner Bernie Sanders, den Spanier Pablo Iglesias oder den Griechen Alexis Tsipras (der inzwischen „gezähmt“ ist, wie ich weiter hinten in der Zeitung lese) ein solch hartnäckiger Gegner zu sein scheint? Continue reading Jeremy im Wunderland

Austerität schlürfen mit Joffe

Huhu Joffe, lange nichts gehört von Ihnen. Anscheinend war der Herausgeber der ZEIT im Urlaub und landete als überzeugter Europäer in Portugal. Welche Erkenntnisse er wohl mitgebracht hat? Muscheln und Fisch sind teuer da unten, aber dem Land geht es immer besser, weil es so brav alle Sparauflagen der Troika durchgesetzt hat – anders als dieses aufsässige Griechenland.

Und woran erkennt Joffe das? Portugals Exporte wachsen momentan schneller als die Griechenlands (was auch immer der Vergleich soll) und das Land habe mehr getan, „um den Staatssektor zu verkleinern, die Arbeitsgesetze aufzulockern und Wettbewerbsbarrieren abzusenken.“ Deshalb stehe Portugal jetzt im Weltbank-Ranking der Unternehmerfreundlichkeit auf einem ganz tollen Platz. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Wiederholen, bis es stimmt

Weitere Argumente? „Portugals Arbeitslosigkeit fällt (von 17% auf 14 %) und: „Nach drei Jahren Minuswachstum registriert Portugal ein Plus von fast einem Prozent.“ Sagenhaft. Das war’s dann aber schon. Und das ist auch die Kurzversion der Schönfärberei, die der deutsche Pressekonsument tagtäglich aufs Auge gedrückt bekommt: Spanien, Irland, Portugal? Alles gut da, die haben ja gespart und reformiert. Wir wiederholen das solange, bis es stimmt! Continue reading Austerität schlürfen mit Joffe

Warum mag uns bloß keiner?

Die deutsche Regierung drückt Griechenland ein ökonomisch völlig irrsinniges Programm aufs Auge und nimmt die Demokratie in den Schwitzkasten, deutsche Politker und Zeitungen pöbeln seit Monaten in einem Ton, wie man ihn seit ’45 in Deutschland nicht mehr erleben musste – und dann wird gejammert und gemeckert, dass uns keiner mag und alle #ThisIsACoup twittern. Wo wir doch so sympathisch sind! Und unser Sinn für Humor erst! Hallo?
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Nachdem die Europäische Union unter deutscher Federführung am 13. Juli 2015 endgültig alle Ideale beerdigt hat, für die sie vielleicht einmal stand, geht genau das Spielchen los, das ich gestern schon befürchtet habe. Es gibt einige sehr kritische Stimmen in Politik und Medien, aber so langsam wird schon wieder zur Tagesordnung übergegangen und neben den üblichen Widerwärtigkeiten geht auch die subtile Schönfarberei munter weiter wie gewohnt. Beispiele gefällig? Continue reading Warum mag uns bloß keiner?

Isch over?

So, Griechenland-Krise vom Tisch und Deutschland feiert nach Export- und Fußballweltmeisterschaft nun auch den Sieg über die gierigen Griechen. Ergebnis: Eins zu minus eine Fantastilliarde (im Elfmeterschießen). Sind aber auch Luschen.

Nur, wie schrieb sogar SPIEGEL-Online gestern erstaunt zu den Forderungen der europäischen Finanzminister? „[D]as Papier liest sich, als wollten sie eine Einigung um jeden Preis verhindern.“ Ja, da schau her! Beim britischen Guardian nennt man das Kind beim Namen und bezeichnet die Euro-Zone unverblümt als „a loan-sharking conglomerate that cares nothing for democracy“. Aber Kredithaie sind natürlich nur pragmatisch und keine verblendeten Ideologen – das sind immer die Griechen, wir erinnern uns. Echte Pragmatiker wie Wolle Schäuble hingegen erreichen ihre Ziele und wer trifft, hat Recht. Continue reading Isch over?

Guten Tag, ich bin Deutscher, wir kriegen das schon hin

Ich schreibe ja öfter über die ZEIT. „Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen…“ – nein, ich tue das, weil die ZEIT eines der einflussreichsten deutschen Medien ist und ich es eigenartig, aber leider symptomatisch, finde, was sich in diesem Flaggschiff des deutschen Journalismus so tut. Zugegeben, die ZEIT ist pluralistisch genug, verschiedene Meinungen zuzulassen, aber die von der Blattlinie abweichende Sicht findet sich dann doch meist als Gastartikel hinten im Feuilleton, während Politikteil und vor allem Leitartikel eher einseitig ausfallen. Den aktuellen Leitartikel findet man passenderweise auch auf ZEIT-online, die beiden Gegenpositionen aus dem Feuilleton (noch) nicht. Also, wer wissen möchte, wie in diesem Artikel stellvertretend für so viele andere bewusst oder unbewusst manipuliert wird, der folge mir in meiner kleinen Textexegese. Zur Entspannung erst ein Bild, aber dann kommen ziemlich viele Buchstaben. Sorry, aber es lohnt sich.

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Lassen Sie mich durch, ich bin Deutscher

„Am liebsten würde man [zu den Griechen] hingehen und sagen: Guten Tag, ich bin Deutscher, wir kriegen das schon hin.“ Klingt ja erst mal aufmunternd. Weiter heißt es: „Rührend und historisch beispiellos ist aber auch die kühle Fürsorge, mit der sich achtzehn andere Staaten der EU seit fünf Jahren immer wieder und seit fünf Monaten unentwegt mit dem Schicksal der elf Millionen Griechen befassen.“ Das wirkt jetzt schon deutlich paternalistischer, oder? Schließlich: Merkel, die „zu Beginn der Krise wohl einige Vorurteile hegte“ (dank NSA und Wikileaks wissen wir, dass Merkel keine Vorurteile, sondern schlicht keine Ahnung hatte) sei nun so drin in der Materie, dass „sie in Athen jederzeit mitregieren könnte.“ Ulrich ist natürlich intelligent genug, sich nicht offen zu wünschen, dass Mutti in Athen aufräumt, aber seine Folgerung ist auch nicht ganz ohne. Für ihn ist durch Fürsorge und Merkel-Kompetenz bewiesen: „Enger, intensiver, ja solidarischer kann Europa kaum sein.“ Kurz: „Guten Tag, ich bin Deutscher, wir kriegen das schon hin“, klingt dann doch eher nach jovialer Herablassung als nach Solidaritätsbekundung, aber vielleicht bin ich auch zu misstrauisch.
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So ein Otto! Voll der Lappen!

Nachtrag, 6. Januar 2015: Kuno ist hier leider einem Aprilscherz aufgesessen und trägt schwer an dem Bären, den der WDR ihm aufgebunden hat (vgl. Kommentar unten).

„Heute brauchen wir die Eiserne Kanzlerin“ titelte die BILD-Zeitung gestern.

Quelle: Bildblog
Quelle: Bildblog

Inhalt: geschenkt. Referenz: interessant. Ich frage mich, wie lange es dauert, bis der Bismarck-Groupie an sich folgende Anekdote mitbekommen hat (historisch-dramatische Guido-Knopp-Musik setzt ein).

Der Bismarck-Otto lieferte sich am 1. April des Jahres 1860 ein Duell mit dem späteren SPD-Gründer Ferdinand Lasalle. Hergang: Duell mit Pistolen auf 20 Schritt, Bismarck schießt zuerst und verfehlt. Bevor Lasalle schießen kann, geht dem Landjunker der Arsch auf Grundeis und er verschwindet elegant im Gebüsch. Nach dem damaligen Ehrbegriff wäre Bismarcks Karriere damit lange vor seiner „eisernen“ Kanzlerschaft beendet gewesen (Knopp: epic fail). Aber der Fuchs ließ die Polizeiakten zum Duell verschwinden und Lasalle wiederum begnügte sich damit, seinem Intimfeind ganz lässig jedes Jahr einen Waschlappen zur Erinnerung zu schicken. So hat über 150 Jahre lang keiner was davon mitbekommen (steht auch nix bei Wikipedia) und die Deutschen konnten fleißig am Mythos Bismarck stricken, der bis heute als Inbegriff des schneidigen Preußen mit Potenz-Pickelhaube gelten dürfte.

Also BILD, die richtige Schlagzeile hätte gelautet: „Heute brauchen wir die Lappen-Kanzlerin“.

Auf Referendum folgt Addendum

Jawohl, heute geht es gebildet zu. Eine mediokre Überschrift, aber immerhin reimt sie sich, es sind komische Fremdwörter drin und sie passt sogar zum Artikel, der wirklich nur ein kurzer Nachtrag ist. Die Griechen haben also in ihrem Referendum mit Nein gestimmt und damit den Forderungen der Gläubiger eine Abfuhr erteilt. Leider müssen sich Politiker und Medien jetzt einen neuen Lord Voldemort suchen, weil Varoufakis zurückgetreten ist. Aber nicht weinen, Tsipras ist ja auch noch da.

Ein Ja zum Ausscheiden der Griechen aus dem Euro war das natürlich nicht und ich warte immer noch auf den Tag, an dem jemand vor allem den deutschen Grexit-Fans erklärt, dass es mal so richtig teuer wird, wenn Griechenland tatsächlich aus der Gemeinschaftswährung aussteigt (und dass es mit dem Rausschmeißen rechtlich schwierig werden könnte). Von 50 oder sogar 90 Milliarden Euro, die Deutschland dann flöten gehen, liest man so im hiesigen Blätterwald.

Zweimal Nachschlag, bitte

Weniger im Blätterwald, aber zumindest in diesem Internet liest man dann, dass es ja durchaus möglich zu sein scheint, über Schuldenschnitte nachzudenken, wenn das betroffene Land nicht Griechenland heißt. Da schau her.

So richtig erfrischend im Abgang ist dann diese Reuters-Meldung. Einige Länder der Eurozone haben offensichtlich versucht, die Veröffentlichung einer IWF-Analyse der Schuldensituation in Griechenland zu verhindern, in der die irren Positionen der Polit-Rocker aus Athen in entscheidenen Punkten bestätigt werden.¹ Ja, aber wer macht denn so was? Hm, der Artikel bezeichnet die IWF-Erkenntnisse als „politically anathema“ in Deutschland. Also, was auch immer das bedeutet – sicher irgendeine griechische Schweinerei wie oxi – ich setze mal fünf Euro auf Berlin.

Täusche ich mich eigentlich, oder ist den hiesigen Medien dieses kleine Detail irgendwie entgangen?²

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¹ Noch mehr IWF-Selbstkritik hier.
² So wie die mindestens eigenwilligen Interpretationen der Verhandlungen mit Griechenland, die Merkel, Gabriel, Schulz und Juncker in deutschen Medien  verbreiten durften? Und wenn wir schon wild durchs Unterholz der Fußnoten trampeln – huhu, ZEIT, wie wär’s denn mal mit vertrauensbildenden Maßnahmen?