Monthly Archives: October 2016

Mitte und Selbsttäuschung

In der aktuellen Zeit darf Slavoj Žižek wieder mal ran. Dem sollte man nicht alles glauben, aber neben dialektischen Gedankenspielchen wartet er mit der These auf, dass Clintons Politik Forderungen nach Gerechtigkeit für Frauen, Afro-Amerikaner, Homosexuelle und andere Minderheiten von der Frage nach sozio-ökonomischer Gerechtigkeit entkoppelt. Da ist was dran.

Nebenbei wollte der Kuno hier wiederum mit seiner These glänzen, nach der in den meisten Zeitungen außerhalb des Feuilletons sowieso wenig Sinnvolles zu lesen ist. Aber dann fand sich in der taz vom Wochenende ein interessanter Artikel zur Lage der Grünen. Bei denen kann man sich gerade ansehen, wie genau das passiert, was Žižek an Clintons Strategie (oder Denkweise, wer weiß das schon) kritisiert. Die Grünen suchen zur Zeit eine neue Parteispitze und vor allem suchen sie den heiligen Gral der politischen Parteien – die Mitte.

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Die Mitte ist orange.

Unter den grünen Kandidaten gilt Anton Hofreiter als der ,Linke‘ (allein schon wegen der Frisur, könnte man denken) und glänzt mit seinem Herz für Normalverdiener, die gerade mal 80000-100000 Euro im Jahr zur Verfügung haben: „Wer die Mieten in meiner Heimatstadt München kennt, weiß, dass da am Ende des Jahres für eine Normalverdienerfamilie nicht viel übrig bleibt.“ Traurig. Continue reading Mitte und Selbsttäuschung

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Ein alter Witz: der Altersvorsorgebericht

Dieser Tage erscheint der Altersvorsorgebericht der Bundesregierung. Darin wird vor „unzureichender eigener Altersvorsorge“ gewarnt, vor allem bei Geringverdienern: „Wird in diesem Einkommensbereich nicht zusätzlich für das Alter vorgesorgt, steigt das Risiko der Bedürftigkeit im Alter stark an“.

Das stand auch 2012 im Vorgängerbericht. Wortgleich, übrigens (Seite 25).

Außerdem hieß es damals (auf Seite 9): „Auffällig ist, dass insbesondere Bezieher geringer Einkommen noch zu wenig zusätzlich für das Alter vorsorgen. Rund 42 Prozent der Geringverdiener, das sind knapp 1,8 Mio. der gut 4,2 Mio. erfassten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit einem Bruttolohn von weniger als 1.500 Euro pro Monat, haben weder eine betriebliche Altersversorgung noch einen Riester-Vertrag.“

Da schau her! 1500 Euro brutto und keine private Rentenvorsorge, wie kann das passieren?

„,Man braucht aber offenbar ein gewisses Einkommen, um sich die Teilnahme an der Riester-Rente überhaupt leisten zu können, sagt FU-Ökonom König“ auf faz.net.

Ach so. Oder in von der Leyens Worten, wieder von 2012: „Altersarmut droht schon bei 2500 brutto.” Das konnte man sogar in der Welt lesen. Von der Leyen mahnte damals mit mütterlicher Milde an, „dass 40 Prozent der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Geringverdiener (1,8 Millionen) keine private Altersvorsorge betreiben.“

Schlimm, das. Aber was ist dann mit Mindestlöhnern, die (bei Vollzeit-Beschäftigung) auf gerade mal etwa 1500 Euro brutto kommen? Auch das weiß die Welt: Die müssen 45 Jahre ununterbrochen arbeiten, um die jämmerliche Grundsicherung im Alter zu beziehen. Bei heutigen Erwerbsbiografien eher unwahrscheinlich.

Und der Focus, der ja in solchen Belangen gerne mal unkritisch bis zum Hirntod ist, zitierte 2014 eine Studie, nach der man als Mindestlöhner um die 60 Jahre arbeiten müsse, um eine Rente auf Grundsicherungsniveau zu erhalten. Auch schön.

Den Kuno erinnert das alles an einen alten Cartoon, den er leider im Internet nicht findet. Deswegen muss der geneigte Leser jetzt digital detox betreiben und per Handkurbel seine imaginative Kompetenz anwerfen: In besagtem Cartoon fliegt ein Trapezkünstler im Zirkus auf seinen Partner zu und ruft in der Luft: „Fang mich! Fang mich auf!“ Sein Partner ist aber leider ein armloser Regenwurm und ruft: „Wie? Wie?“ Der Altersvorsorgebericht der Regierung ist viel länger, aber kaum lustiger, obwohl das Arbeitsministerium den Gag offensichtlich alle paar Jahre neu ausprobiert.

WLAN-Gönnung vs. digitale Bildungsangst?

Kuno hat mal wieder die Zeit gelesen und widersteht der Versuchung, sich über den Leitartikel „Falscher Gegner“ aufzuregen, in dem heiter Globalisierung und Freihandel sowie Trump-Anhänger und alle Gegner von TTIP oder CETA in einen Topf geworfen und links oder rechts herum zusammengerührt werden. Tenor wie immer: Wandel ist gleich Fortschritt, Fortschritt ist unaufhaltsam und wer das anders sieht, hat Angst. Gähn.

Das Thema Angst spielt auch im Artikel daneben eine Rolle: „Keine Angst vor dem Computer!“ Diese Angst wird vor allem Lehrkräften unterstellt, die Wankas Milliarden für geiles Internet in den Schulen nicht so hart feiern wie die Zeit: „Lehrer fürchten die Digitalisierung. Warum bloß?“ Gute Frage, wo doch wieder gilt: Digitalisierung ist Fortschritt, Fortschritt ist unaufhaltsam und wer das anders sieht, hat Angst.

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Ja, warum bloß diese Angst? Warum wollen manche Schulen lieber in Toiletten und Klassenräume investieren statt in Digitales? Hoffentlich, weil ein paar Lehrkräfte noch fähig sind, Fragen zu stellen, die auf dem affirmativen Level mancher ihrer Kollegen und sowieso des Zeit-Journalisten schon längst nicht mehr denkbar sind. Müssen wir die Kinder zwangsläufig alle vor digitale Geräte setzen, damit sie etwas über Digitalisierung lernen? Wenn Kinder in der Schule programmieren lernen, brauchen sie dafür zwingend WLAN? Ist Unterricht an digitalen Geräten wirklich „besser“? Was machen digitale Medien mit uns als Individuen und als Gesellschaft?

Wer will, kann sich hier die Stellungnahme eines Kölner Wissenschaftlers zu einem Antrag im Landtag Nordrhein-Westfalens ansehen, da findet sich auf gerade mal neun Seiten eigentlich alles, was der aktuellen Diskussion abgeht. (Zugegeben, Burchardt wurde schon im letzten Artikel zu einem ähnlichen Bildungsthema zitiert, aber egal.)

Gönnung statt Differenzierung

Statt der „schroffen Alternative von naiver Technikgläubigkeit vs. radikaler Maschinenstürmerei“, die auch der Zeit-Artikel anbietet (so etwas könnte man übrigens digitales Denken nennen, also die Unfähigkeit, über binäre Alternativen wie schwarz-weiß, schlecht-gut, dafür-dagegen etc. hinaus zu denken – nicht ganz untypisch für den Journalismus, wie der Kuno meint), rät der Bildungsphilosoph zu mehr Differenzierung. Aber wen interessiert das intellektuelle Gelaber, wenn die Zeit ihre #yolo-Argumente abfeuert: „Schnelles WLAN ist super“? Der intellektuelle Tellerrand des Artikels endet dann auch leider (wie so oft beim Thema Digitalisierung und Schule) genau da, wo die eigentlichen Fragen beginnen sollten.

„Wie wollen sie [die Lehrer] Schüler zur Aneignung einer Welt erziehen, in der intelligente Roboter nicht nur Bandarbeiter überflüssig machen, sondern auch Ärzte, Anwälte, Analysten?“ Und übrigens auch Journalisten, die – auf dem Niveau des Zeit-Artikels sowieso – schon bald problemlos durch Bots ersetzt werden könnten.

Angst, Lemminge und Fliegen

„Falsche Frage“, könnte man in Anlehnung an den Nachbarartikel dagegenhalten, denn sonst kann man sich ja gleich erkundigen, wann denn bitte endlich die digitalisierte KiTa oder das Uterus-Tablet kommt. Wie wäre es denn, Schüler und Schülerinnen dahingehend zu erziehen, dass sie den Austausch von Arbeitern, Ärzten, Anwälten, Analysten durch Roboter nicht einfach wie die Lemminge hinnehmen – sondern intellektuell in der Lage sind abzuwägen, welche Vor- und Nachteile technische Neuerungen und betriebswirtschaftliche Effizienz einerseits sowie Menschen in (guter) Arbeit andererseits für die Entwicklung einer Gesellschaft haben könnten?

Der Kuno hat nämlich auch Angst. Aber weniger vor der Digitalisierung als vor Menschen, die jede Entwicklung achselzuckend als „Fortschritt“ hinnehmen und sich stur und stumpfsinnig darauf beschränken, deren Folgen zu managen. Digitalisierung? Freihandel? Ärzte, Anwälte, Analysten als Foodoora-Fahrer? Ist halt so, kann man nichts machen. Doch, kann man. Aber dazu muss man zumindest fähig sein, Dinge zu hinterfragen, statt blind der Herde zu folgen, die ja schon wissen wird, wo es hingeht. Oder dem Schwarm, denn wie sagte Kunos Ethiklehrer seinerzeit? „Scheiße schmeckt gut, 10000 Fliegen können sich nicht irren.“

[Nachtrag: Der Zeit-Artikel endet übrigens mit dem gönnerhaften Hinweis, die Digitalverweigerer sollten sich doch von den Checkern im Silicon Valley agile management abschauen. „Einfach mal neugierig sein und ausprobieren.“ So wie man im Valley halt arbeitet: fun, fun, fun. Abgesehen von der Tatsache, dass so manche der dortigen agile manager ihre eigenen Kinder so lange wie möglich von Computern fernhalten, müsste jetzt noch jemand dem Zeit-Autoren verklickern, dass es (noch) Unterschiede zwischen der Prozesssteuerung im Unternehmen und schulischer Didaktik gibt. Wer darauf erst hingewiesen werden muss, sollte vielleicht zum Thema Bildung keine Artikel mehr verfassen.]