Die kybernetische Schule

Heute mal ein Artikel, der sich vor allem an Eltern und solche, die es werden wollen, richtet.

Regelkreis
Das pädagogische Modell der Zukunft?

Würden Sie Ihr Kind an eine  „kybernetische Schule“ schicken? Natürlich nicht, das klingt ja auch schon so grauenhaft. Aber vielleicht ist Ihr Kind z.B. in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg längst an einer solchen Schule gelandet, nur dass die Bezeichnungen einfach besser klingen, wenn z.B. vom selbstgesteuerten Lernen im Rahmen einer neuen Lernkultur die Rede ist.

Kurz zusammengefasst werden im selbstgesteuerten Lernen die Lehrer zu Lernbegleitern, während Schüler selbstverantwortlich individuelle „Lernpakete“ abarbeiten, dabei Tempo und Lernstrategie selbst wählen, ihre Fortschritte selbst evaluieren, sich eigenständig motivieren und Probleme im Feedbackgespräch mit dem Lernbegleiter lösen. Als moralische Legitimation dienen die absolut sinnvolle Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems sowie die schöne Idee der Inklusion und das Ganze wird noch gewürzt mit ein wenig Reformpädagogik (also weniger Noten). Klingt fantastisch, oder?

Seltsamer Reformguru

So fantastisch, dass vor allem die rot-grüne Schulreform in Baden-Württemberg auf dieses Prinzip setzt. Aber während sich in den letzten Jahren besorgte Bürger um Frühsexualisierung („Dildo-Unterricht“ für Grundschüler) und ähnlichen AfD-Mumpitz Gedanken machten, gingen die eigentlichen Probleme dieser Reform ziemlich unter.

Zum Beispiel, dass ein maßgeblicher Gestalter der Reformen ein Schweizer „Bildungsunternehmer“ namens Peter Fratton war. Dieser ist Lehrer und Unternehmer, hat von den relevanten Wissenschaften keine Ahnung und legte Konzepte vor, von denen er selbst nicht wusste, wohin sie eigentlich führen sollen. Weil er aber seine Ideen offensichtlich gut verkaufen konnte, setzte man ihn in die „Expertenkommission zur Weiterentwicklung der Lehrerbildung in Baden-Württemberg“ und hörte ihm zu.

Nachzulesen war das alles schon 2013 z.B. in der FAZ. Inzwischen sitzt Fratton nicht mehr in dieser Kommission, was soll also die ganze Aufregung hier? Na ja, die Autoren des FAZ-Artikels warnen drei Jahre später immer noch vor selbstgesteuertem Lernen und das hat auch gute Gründe, denn das Ganze ist der große Bildungstrend. Zeitungen sowie halb (und oft genug auch vollwertig) wissenschaftliche Aufsätze werden nicht müde, die Vorteile dieser „neuen Lernkultur“ in die Welt zu blöken. Eine Schule, die in NRW als „Zukunftsschule“ gelten will, kommt um das Thema nicht herum und Lehrende, Eltern und Schüler damit natürlich letztlich auch nicht. Darum dieser Artikel.

Gravierende Mängel, hohe Popularität

In der Praxis an den Modellschulen haben sich deutliche Mängel des Lernmodells gezeigt, z.B. dass manche Kinder mit autonomen Lernen besser klarkommen und andere eben weniger. So kommt es dann auch, dass an der Schweizer Schule des PR-Kaspers Fratton 40% der Schüler den Abschluss nicht schaffen. Wenn im selbstgesteuerten Lernen der Gemeinschaftsschule also wieder das „kulturelle Kapital“, von dem Burchardt in Anlehnung an Bourdieu spricht (vgl. SWR-Link), über den Lernerfolg entscheidet, ist die Idee der Inklusion schon gestorben.

Wer hinter die PR-Nebelkerzen des Gewäschs von Individualisierung, Freiheit und Eigenverantwortung blickt, erkennt bald, dass Lernen per se selbstständig ist, weil man eine Erkenntnis (auch im Frontalunterricht, auch im Klassenverband) immer selbst vollziehen muss. Es geht gar nicht anders.

In den empirischen Begleitstudien zu selbstgesteuertem Lernen hat sich zudem herausgestellt, dass die Lehrkräfte den Aufwand, für alle Kinder individuelles Lernmaterial bereitzustellen, nicht bewältigen können und dass die Leistungsbewertung der fertigen „Lernpakete“ aufgrund des Zeitmangels nur äußerst oberflächlich und damit mangelhaft erfolgte. Mehr noch: Der lehrergesteuerte Unterricht erweist sich als deutlich effektiver. An der Popularität des Modells scheint das wenig zu ändern.

Vor allem aber ignoriert das selbstgesteuerte Lernen die sowas von sicher belegte wissenschaftliche Erkenntnis, dass Erziehung, Bildung und Lernen sich sich immer in der Interaktion mit anderen vollziehen. Und eben nicht in der Isolation des Autodidakts, der alleine „Lernpakete“ durchnudelt.¹

Fragwürdige Grundsätze, weitreichende Konsequenzen

Also, Eltern in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, wo dieser Irrsinn Schule macht – seid Ihr Euch wirklich im Klaren darüber, was „Lernateliers“ und dieses ganze Neusprech von der neuen Lernkultur bedeuten?  „Keine Ahnung, was dabei herauskommt, aber schön falsch ist auch schön“, so argumentierte Fratton im baden-württembergischen Landtag. Nicht so ganz überzeugend, oder?

Was dabei herauskommt, lässt sich allerdings erahnen, wenn man sich dem Dogma des selbstgesteuerten Lernens (bildungs-)philosophisch nähert. Dann beschleicht einen sehr schnell das kalte Grauen, liegen diesem Ansatz doch (teilweise wortgleich) die sozialpsychologischen Konzepte der Kybernetik (im Sinne Norbert Wieners et.al.) zugrunde. Weiter grinst einen der „neoliberale“ homo oeconomicus an, der sich als Unternehmer seiner selbst mittels „Selbsttechniken“ (im Sinne Foucaults) reguliert und diesen Zwang auch noch als Freiheit versteht.

Anders ausgedrückt: Selbstgesteuertes Lernen, wie es gerade propagiert wird, bedeutet den Abschied nicht nur vom humanistischen, sondern letztlich auch von einem humanen Bildungsideal und die Hinwendung zu einem kybernetischen oder technisch-maschinellen Menschenbild, in dem Urteils- und Gestaltungskraft überflüssig und durch Anpassungsfähigkeit an Sachzwänge ersetzt wird.

Schlussfrage: Wer kann das wollen? Antwort: Natürlich alle, solange es nur hübsch nach Fortschritt und Zukunft klingt.

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¹ Von der Praxis, Bildung in Kompetenzraster zu pressen, soll hier gar nicht erst geredet werden.

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