Wir halten das aus!

avantgarde-konservativ
Avantgarde-konservative Position (Symbolfoto)

In der Flüchtlingsfrage befindet sich Europa jetzt wieder genau da, wo es vor einem Jahr war: Nach ein paar krummen Deals in Anatolien und Nordafrika steht die Festung Europa wieder, im Mittelmeer ersaufen sie erneut zu Tausenden und um diejenigen, die ankommen, kümmern sich abermals die Länder an der Peripherie. Für Deutschland heißt das in diesen Tagen: Die Flüchtlingszahlen sinken, dafür müssen „wir jetzt einige Wochen ein paar harte Bilder aushalten“ aushalten, wie Thomas de Maizière sagt.

Immer wieder beeindruckend, wie wir Opfer dieses Bilderterrors werden und ihn so tapfer ertragen (zur Not auch im Live-Ticker).

Also alles wie immer, nur mit mehr Toten und mehr AfD. Und, das kommt noch hinzu, mit einer zunehmenden Absolution der Abschottungspolitik durch Intellektuelle oder andere Heilige. Das geht schon eine ganze Weile so und zeigt auch Wirkung. Willkürlich ausgewählte Beispiele sind Akademiker wie etwa Prof. Safranski, der schon letzten Herbst davon sprach, die Politik habe entschieden „Deutschland zu fluten“.

Oder Prof. Tibi, selbst Syrer, der im Mai (natürlich auch in der Welt) mit einigen Mottenlöchern im Argumentationskaftan über den gewaltbereiten arabischen Mann schrieb.¹

Philosophiebombe

Und natürlich Deutschlands Über-Philosoph Peter Sloterdijk, der schon vor Jahren mit Vokabeln wie „Elendsfruchtbarkeit“, „offensive Kampffortpflanzung“ und „Populationsbombe“ um sich warf sowie einfach mal der ganzen islamischen Welt „eine massive biopolitische Regie“ vorwarf, „die die aggressive Vermehrung der Nationalpopulation zum politischen Mittel erhoben hat.“

Solchen Denkern muss natürlich eine Bühne bereitet werden und das passiert immer mehr, hat man den Eindruck. So schwadronierte Sloterdijk z.B. Anfang 2016 im Cicero von „Überrollung“, demonstrierte sein beeindruckendes historisches Halbwissen und raunte vom „Lügenäther der Medien“.

Es ist genau diese (gewollte oder ungewollte) Schützenhilfe, mit der die AfD auch für das Bürgertum wählbar wird. Denn dort glaubt man allzu gerne, wenn Akademiker das erzählen, was man sowieso immer schon wusste.

Der Hausphilosoph der AfD ist übrigens Sloterdijks ehemaliger Schüler Marc Jongen, der „avantgarde-konservative Positionen“ vertritt. Im Interview, das er letztens der Zeit gab (noch nicht online), wurde dermaßen harmlos gefragt, dass die Hamburger lieber noch einen Gastartikel zur Einordnung nachgeschoben haben. Wer noch mehr über die geistigen Sphären wissen will, in denen Jongen so schwebt, kann sich auch hier ein Bild davon verschaffen.

Heiliges Sahnehäubchen

Und als Sahnehäubchen kommt dieser Tage der Dalai Lama an, gibt der FAZ ein Interview, kichert albern herum und verzapft Unsinn. Das macht er ja immer und vielleicht muss auch das ausgehalten werden. Allerdings darf man gespannt sein, ob seine kreuzdumme Interpretation des Irakkriegs vielleicht einige Hobby-Buddhisten und Lama-Fans endlich mal erleuchtet. Wichtiger für das deutsche Publikum ist natürlich die Absegnung der Abschottungspolitik durch seine Heiligkeit, der nun mal als moralische und geistige Autorität gilt.

Wenn also Akademiker, Philosophen und zertifizierte Heilige sagen, es sei in Ordnung, aus reinem Selbstschutz auf Abschottung zu setzen, dann ist es vielleicht auch in Ordnung, wenn die Flüchtlinge wieder im Mittelmeer verrecken. Nach „Wir schaffen das“ ist die Devise nun wieder „Wir halten das aus“.
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¹ Falls es jemanden interessiert, hier vier kurze Anmerkungen zu Bassam Tibi, auf den auch die Begriffe „Leitkultur“ und „Parallelgesellschaft“ zurückgehen. Ersterer erweist sich in der politischen Diskussion als ähnlich gut greifbar wie frische Schweinskopfsülze, bei letzterem winken Migrationsforscher nur müde ab.

Kurze Vorrede: Ich bin mir sicher, dass viele arabische und/oder muslimische Migranten ein frauenfeindliches Gesellschaftsbild mitbringen. Ich bin mir auch sicher, dass viele davon aus einer gewalttätigen Umgebung kommen und manche davon deshalb vielleicht auch vermehrt zu Gewalt neigen. Vielleicht. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das für alle oder auch nur für die Mehrheit der arabischen Männer gilt, wobei es „den arabischen Mann“ wohl kaum geben dürfte.

1) Tibi spricht davon, dass Deutsche oft „die Gewalt, die in der Tradition einer orientalisch-patriarchalischen Kultur gegen Frauen steht, nicht […] verstehen“. In Syrien „vergewaltigen schiitisch-alawitische Soldaten der syrischen Armee Frauen der sunnitischen Opposition als Mittel der Kriegsführung“ und die Sunniten desgleichen. Vergewaltigung als „Mittel der Kriegsführung“ taugt aber nicht als Beleg für die besondere arabische Gewalttätigkeit, weil sie keine zeitgenössische syrische Erfindung ist, sondern ungefähr so alt wie der Krieg selbst.

2) „Die Silvesternacht in Köln ist nur ein Beweis hierfür und kein Einzelfall.“ In Köln waren keine Syrer am Werk wie der Text suggeriert und der Satz ist eine Meinung, kein Beweis.

3) Früher klappte es in Syrien besser und man „lebte mit einer Vielzahl von religiösen und ethnischen Minderheiten in gegenseitigem Respekt.“ Heute ist es anders, aber warum Konflikte wie der in Syrien spezifisch arabisch und Ausdruck (oder Ursache, Folge?) einer „Kultur der Gewalt“ sein soll, erklärt Tibi nicht.

4) Die Eroberung Byzanz’ durch die Osmanen mit einer Eroberung des heutigen Europa durch Islamisten zu vergleichen, wirkt nicht nur angesichts der folgenden kulturellen Blütezeit am Bosporus ziemlich armselig. Aber Tibi unterbietet das noch: Die Byzantiner wurden besiegt, weil sie nur „über magische und religiöse Formeln“ debattierten und den „deutsche[n] Gutmenschen“ droht heute Ähnliches, weil sie „über Toleranz und das Elend der Flüchtlinge“ diskutieren. Diese Analogie ist dann nur noch hilflos.

 

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