Monthly Archives: June 2016

Die kybernetische Schule

Heute mal ein Artikel, der sich vor allem an Eltern und solche, die es werden wollen, richtet.

Regelkreis
Das pädagogische Modell der Zukunft?

Würden Sie Ihr Kind an eine  „kybernetische Schule“ schicken? Natürlich nicht, das klingt ja auch schon so grauenhaft. Aber vielleicht ist Ihr Kind z.B. in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg längst an einer solchen Schule gelandet, nur dass die Bezeichnungen einfach besser klingen, wenn z.B. vom selbstgesteuerten Lernen im Rahmen einer neuen Lernkultur die Rede ist.

Kurz zusammengefasst werden im selbstgesteuerten Lernen die Lehrer zu Lernbegleitern, während Schüler selbstverantwortlich individuelle „Lernpakete“ abarbeiten, dabei Tempo und Lernstrategie selbst wählen, ihre Fortschritte selbst evaluieren, sich eigenständig motivieren und Probleme im Feedbackgespräch mit dem Lernbegleiter lösen. Als moralische Legitimation dienen die absolut sinnvolle Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems sowie die schöne Idee der Inklusion und das Ganze wird noch gewürzt mit ein wenig Reformpädagogik (also weniger Noten). Klingt fantastisch, oder?

Seltsamer Reformguru

So fantastisch, dass vor allem die rot-grüne Schulreform in Baden-Württemberg auf dieses Prinzip setzt. Aber während sich in den letzten Jahren besorgte Bürger um Frühsexualisierung („Dildo-Unterricht“ für Grundschüler) und ähnlichen AfD-Mumpitz Gedanken machten, gingen die eigentlichen Probleme dieser Reform ziemlich unter. Continue reading Die kybernetische Schule

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Mon dieu! Diese versauten Franzosen wieder!

Hallo Süddeutsche, du linksliberales Sturmgeschütz, ich hätte da mal zwei Fragen. Aber erst gleich, erst mal hübsch der Reihe nach, wie schreibst du so schön?

„Es ist Fußball-EM, die Franzosen streiken und alles nur, um Präsident Hollande zu erpressen. Gut, dass es so etwas in Deutschland nicht gibt.“

Anders ausgedrückt:

Wichtige_Frage

Wichtige Frage, das.

Im SZ-Artikel ist wieder alles drin, was auch die Gewerkschaftsfresser bei der FAZ oder sonstwo so gerne schreiben,¹ nur dass diese Haltung inzwischen zum guten Ton zu gehören scheint:

„Minderheiten“ „nehmen die Demokratie als Geisel“, „um die gewählten Institutionen der Demokratie zu erpressen und, wie jetzt, notwendige Reformen des Arbeitsrechts zu blockieren.“

Jenseits von Löws Eiern

So oder ähnlich steht das vielleicht auch in Ihrer Zeitung, wenn den Medien überhaupt noch Zeit bleibt, vor lauter Gejapse über die Fußball-EM und Jogi Löws Eierkraulen zur Besinnung zu kommen und über die Proteste in Frankreich zu berichten.

Die „notwendigen Reformen“ in Frankreich, das sind die üblichen „schmerzhaften“, die – leider, leider, sorry! – sein müssen: Mehr Flexibilität für die Unternehmen, damit die mehr Leute einstellen etc. pp.

Alles nicht ganz ohne Ähnlichkeiten zu den deutschen Agenda-Reformen und Präsident Hollande ließ sich ja schon vor längerer Zeit von Peter Hartz (76, vorbestraft) besuchen, aber natürlich keinesfalls beraten (z.B. zu Arbeitsmarktreformen oder in welchem Puff man am besten Firmengelder verjubelt).

Zwei simple Fragen

Jenseits der Diskussion über Sinn und Unsinn der französischen Arbeitsmarktreformen und der durchaus interessanten Diskussion darüber, ob politische Streiks erlaubt sein sollten oder nicht, kann man Journalisten wie dem Piper von der SZ (oder auch gerne mal sich selbst) zwei Fragen stellen:

1) Wenn Proteste über Monate anhalten, wenn 75.000 (oder doch eine Million?) Menschen an einem Tag in Paris auf die Straße gehen und wenn knapp zwei Drittel der Franzosen die Proteste für gerechtfertigt halten – hält da wirklich eine kleine, radikale Minderheit das Land im Würgegriff?

2) Wenn politische Streiks die Demokratie gefährden, was genau tut dann eigentlich eine französische Regierung, die das unliebsame Reformgesetz per Dekret am Parlament vorbei durchdrückt?²

Und wenn es „so etwas“ (sie sind halt versaut, diese Franzosen) wie die aktuellen Proteste in Frankreich im anständigen Deutschland nicht gibt, wie die SZ erleichtert aufatmet, dann auch, weil weite Teile der Presse in punkto Wirtschafts- und Sozialpolitik schon lange nicht mehr wissen wollen, wo oben oder unten ist.

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¹ Neulich beim Streik im öffentlichen Dienst war Frau Goebel wieder in Bestform: „Staatsplünderer“, alle Achtung.
² Die Regierung Valls nutzte dieses lupenrein demokratische Verfahren am 10. Mai 2016 übrigens schon zum vierten Mal.

Lothar Späth mit Radweg

Hallo, Grüne!
Vor allem die aus Baden-Württemberg mit der Jack Wolfskin-Jacke. Die Geschichte mit dem psychisch kranken Asylbewerber, der von einer Bürgerwehr an einen Baum gefesselt wird, hat sich ja inzwischen sicher auch südlich des Spätzle-Äquators herumgesprochen.

Schrecklich, oder? Bevor Ihr Euch jetzt aber überschlagt, wie schlimm das mit den Nazis in der Zone so sei und überhaupt, wieder Sachsen und „Bürgerwehr, Hallo? Geht’s noch“ usw. usf. – kurzer Hinweis.

Lest mal den Koalitionsvertrag Eurer grün-schwarzen Regierungskoalition, v.a. S. 60. Da steht, als eine von mehreren kleinen Schweinereien:

„Sichtbare Polizeipräsenz im öffentlichen Raum sorgt in besonderem Maße für ein gestärktes Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürgern [sic]. Polizeifreiwillige sind hier mit ihren individuellen Erfahrungen und Kompetenzen aus dem zivilen Leben eine unschätzbare Ergänzung der Arbeit der professionellen Polizei. Wir wollen deshalb im Rahmen eines Gesamtkonzepts für sichere öffentliche Räume eine neue Grundlage für den Einsatz von Polizeifreiwilligen schaffen.“

Gut, die Polizeifreiwilligen gibt es schon seit 1963, aber dass ausgerechnet mit den Grünen dieses bisher ziemlich unbedeutende Instrument aufgewertet wird und auch „Präsenzmaßnahmen zur Gewährleistung eines sicheren öffentlichen Raums“ umfassen soll,entbehrt nicht einer gewissen Komik.

Falls in Baden-Württemberg bald Polizeifreiwillige verdächtige Ausländer an den Baum binden, sind das aber natürlich keine wilden Bürgerwehren, sondern ausgewählte, honorige Bürger, denn im Ländle hat alles seine Ordnung. Auch das ist, neben Vorratsdatenspeicherung und vereinfachter Abschiebung, grüne (Landes-)Politik im Jahr 2016: „Verlässlich. Nachhaltig. Innovativ“. Also wie Lothar Späth, nur mit mehr Radwegen.

Wir halten das aus!

avantgarde-konservativ
Avantgarde-konservative Position (Symbolfoto)

In der Flüchtlingsfrage befindet sich Europa jetzt wieder genau da, wo es vor einem Jahr war: Nach ein paar krummen Deals in Anatolien und Nordafrika steht die Festung Europa wieder, im Mittelmeer ersaufen sie erneut zu Tausenden und um diejenigen, die ankommen, kümmern sich abermals die Länder an der Peripherie. Für Deutschland heißt das in diesen Tagen: Die Flüchtlingszahlen sinken, dafür müssen „wir jetzt einige Wochen ein paar harte Bilder aushalten“ aushalten, wie Thomas de Maizière sagt.

Immer wieder beeindruckend, wie wir Opfer dieses Bilderterrors werden und ihn so tapfer ertragen (zur Not auch im Live-Ticker).

Also alles wie immer, nur mit mehr Toten und mehr AfD. Und, das kommt noch hinzu, mit einer zunehmenden Absolution der Abschottungspolitik durch Intellektuelle oder andere Heilige. Das geht schon eine ganze Weile so und zeigt auch Wirkung. Willkürlich ausgewählte Beispiele sind Akademiker wie etwa Prof. Safranski, der schon letzten Herbst davon sprach, die Politik habe entschieden „Deutschland zu fluten“.

Oder Prof. Tibi, selbst Syrer, der im Mai (natürlich auch in der Welt) mit einigen Mottenlöchern im Argumentationskaftan über den gewaltbereiten arabischen Mann schrieb.¹

Philosophiebombe

Und natürlich Deutschlands Über-Philosoph Peter Sloterdijk, der schon vor Jahren mit Vokabeln wie „Elendsfruchtbarkeit“, „offensive Kampffortpflanzung“ und „Populationsbombe“ um sich warf sowie einfach mal der ganzen islamischen Welt „eine massive biopolitische Regie“ vorwarf, „die die aggressive Vermehrung der Nationalpopulation zum politischen Mittel erhoben hat.“ Continue reading Wir halten das aus!

One up (3)

One up, Halbmondedition. Die junge Kategorie kann sich ja noch nicht ganz entscheiden, wie ironisch sie sein will, aber heute gibt es das durchaus ernst gemeinte one up für einen Artikel, der in der Süddeutschen Zeitung am Wochenende erschien. Darin lieferte Frank Griffel, Professor für Islamwissenschaften in Yale und aktuell an der LMU München, einen kurzen historischen Abriss des vormodernen Islam ab etwa 1100.

one_up
Turban und viel Grün, aber wahrscheinlich nicht Mohammed.

Der Artikel räumt mit der heute allgegenwärtigen Einschätzung auf, der Islam sei so rückständig, weil er ja nie so spitzenmäßige Dinge wie Reformation und Aufklärung gekannt habe, die das christliche Abendland ja so awesome haben werden lassen.

Die Pointe ist, dass die nachklassische islamische Welt die meisten Probleme, die im christlichen Europa Reformation und Aufklärung erst nötig machten, gar nicht kannte, weil das Denken auf Synkretismus und das Handeln auf Pluralität ausgerichtet war.

Griffel vermeidet es, ein goldenes Zeitalter herbeizuphantasieren, in dem alles peace, love und happiness war. Trotzdem gewinnt man den Eindruck, dass die vormoderne islamische Welt nicht nur dem mittelalterlichen Abendland haushoch überlegen war, sondern in mancherlei Hinsicht vielleicht auch dem zeitgenössischen Europa. Warum das heute anders aussieht,  umreißt der Artikel übrigens ebenfalls.

Also: Wenn wieder jemand von der AfD oder von den Salafisten blökt, der Islam sei so und so, dann kann man nach der Lektüre dieses Artikels wenigstens wissen, dass es ,den Islam im Singular wohl kaum je gab und wenn doch, dass er zumindest die längste Zeit seiner Geschichte völlig anders war als die Premium-Denker von Beatrix Storch bis Pierre Vogel so glauben.