Wirtschaften, das

Wer heute die Wirtschaftsseiten von faz.net, zeit.de und sueddeutsche.de nach Artiklen zur Eurokrise durchforstet, bekommt einen ziemlich guten, stellvertretenden Eindruck dessen, was in der deutschen Presse schiefläuft.

Auf sueddeutsche.de/wirtschaft: kein Wort.

Auf faz.net/aktuell/wirtschaft: zwei Artikel

Der eine befasst sich mit den „Haushalts-“ bzw. „Defizitsündern“ Spanien und Portugal. Beide bis vor kurzem übrigens noch Berlin’s darling, weil sie so fleißig gespart haben. Gebracht hat es offensichtlich nichts wie hier schon letztes Jahr nachzulesen war.

Der andere erwähnt tatsächlich „den deutschen Leistungsbilanzüberschuss“, wischt ihn aber etwas kryptisch beiseite: „Die Vorhaltung gegenüber Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss stammt aus dem Fiskalpakt“, fertig.

Auf zeit.de/wirtschaft/index: ein Artikel

In diesem Kommentar heißt es geradezu exemplarisch: „Eine Währungsunion mit weitgehend souveränen Mitgliedsstaaten kann ohne ein Mindestmaß an Regelbindung nicht funktionieren. Wenn jeder nur noch an sich selbst denkt, ist der Euro bald Geschichte.“ Gemeint sind damit natürlich alle anderen und nicht Deutschland.

Mal abgesehen davon, dass Deutschland selbst oft genug gegen die Defizitkriterien verstoßen hat, verletzt es auch andauernd die seit 2011 geltenden Regelungen zum Außenhandelsüberschuss. Sprich: „Deutschlands Netto-Kapitalexport wird somit im laufenden Jahr voraussichtlich auf 8,4 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung steigen, nach 7,5 Prozent im Jahre 2014. Die EU hält maximal sechs Prozent für langfristig tragfähig […]“.

Seit Einführung der Regeln im Jahr 2011 ist Deutschland also „Bilanzsünder“, um mal im religiösen Jargon der FAZ zu bleiben (davor ging das mit der Bilanz übrigens schon fünf Jahre so).

Es entbehrte nicht einer gewissen Komik, dass ausgerechnet Hans-Werner Sinn mittels einer Goldman Sachs-Studie darauf hinwies, „dass Deutschland im Vergleich zur restlichen Eurozone um 31 Prozent teurer werden müsste, um Italien & Co. wieder wettbewerbsfähig zu machen.“

Anders ausgedrückt:

Leistungsbilanzsalden europäischer Länder (1997-2013); Quelle: OECD, zitiert nach wikipedia.org

Gut, das sind jetzt absolute Zahlen und keine relativen, aber die Grafik illustriert ganz gut, was in Europa seit der Agenda-Zeit passiert ist.

Und was macht Deutschland im Jahr 2016? Der Staat könnte z.B. als Arbeitgeber entscheidende Impulse bei den Löhnen im öffentlichen Dienst setzen, aber knausert – sekundiert von einer sparwütigen Presse – lieber weiter.

Wenn man deutsche Zeitungen liest, sind statt struktureller Probleme wahlweise einfach EZB oder Ölpreis schuld daran, dass die EU ihre Zielinflation von 2% meilenweit verfehlt. Und Fehler machen immer nur die anderen (wie jetzt eben Spanien oder Portugal), aber niemals, niemals Deutschland!

Annual_Inflation

Wer darf in Europa die Regeln aufstellen, wer darf sie verletzen und wer nicht? Welche Folgen hat das? Woher rührt das wirtschaftliche Ungleichgewicht in Europa und welche Folgen hat es? Was passiert, wenn alle sparen? Warum sind Zinsen und Investitionsquoten so niedrig und was könnte (außer Ölpreis und EZB) noch in die Deflation geführt haben? Diese und andere Fragen spielen in weiten Teilen der hiesigen Presse und mithin der politischen Diskussion leider keine große Rolle. Das sollte sich dringend ändern.

 

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