Mut zu Deutschland, zur Dyslexie und zur Diffamierung

„Die Politischen Leitlinien der AfD sind fertig!“, tönt die Webseite der AfD. Ja, fein gemacht! Und so übersichtlich:

alternativefuer_de-05-16-2016

Ah, hier geht’s weiter. Die Ergebnisse der Abstimmung waren „Ja“, „Nein“ und „Entaltung“, wobei letzteres eine Mischung aus „Enthaltung“ und „Entartung“ sein müsste.

„Die Politischen Leitlinien sind von 3.297 Mitgliedern in nur knapp vier Tagen abgestimmt worden. Davon haben 92,6% den Leitlinien zugestimmt.“ Die Leitlinien sind vier Tage lang so was von abgestimmt worden. Wurde auch über sie abgestimmt? Ja, von knapp vier Tagen haben 92,6% zugestimmt. Glückwunsch!

„Damit erfreuen sich die Politischen Leitlinien einer sehr belastbaren Legitimation durch die Mitgliedschaft.“ Man spürt förmlich, wie sich da jemand abgerackert hat, all diese komplizierten Wortkombinationen in die Tasten zu hacken.

Die Bundesrepublik Deutschland hat nach dem zweiten Weltkrieg eine politisch, wirtschaftlich und sozial überaus erfolgreiche Entwicklung durchlaufen.“ Leider ging irgendwann mitten in der Politik die Tinte aus (s. S. 5). Ist aber auch egal, denn es sind die Leitlinien aus dem Jahr 2015.

Fertig!
Das neue Grundsatzprogramm ist nun ebenfalls fertig und offensichtlich wurde darauf Wert gelegt, Formulieren und Redigieren nicht dem Personal der AfD-Webseite zu überlassen. Clever.

Ich überfliege mal die Abschnitte zu Kultur, Sprache, Identität und Islam. Der Rest ist mit zu anstrengend und wurde ja bereits von der FAZ abgenickt

Leitkultur
„Die Ideologie des Multikulturalismus, die importierte kulturelle Strömungen auf geschichtsblinde Weise der einheimischen Kultur gleichstellt und deren Werte damit zutiefst relativiert, betrachtet die AfD als ernste Bedrohung für den sozialen Frieden und für den Fortbestand der Nation als kulturelle Einheit.“

„Mut zu Deutschland“ wird eingangs gefordert und dafür zimmert sich die AfD „geschichtsblind“ eine einheitliche „deutsche Leitkultur“ zusammen, die auf „der religiösen Überlieferung des Christentums“, „der wissenschaftlich‐humanistischen Tradition, deren antike Wurzeln in Renaissance und Aufklärung erneuert wurden“ und „dem römischen Recht“ fußt. Wenn man davon „importierte kulturelle Strömungen“ wieder abzieht, bleibt allerdings wenig übrig.

Sprache
„Das zentrale Element deutscher Identität ist die deutsche Sprache.“ Deshalb sprechen alle Deutschen von Friesland bis Oberbayern genau diese eine deutsche Sprache und beherrschen sie so gut wie der Poggenburg.

Quelle: Spiegel-online auf Twitter
Quelle: Spiegel-online auf Twitter

„Die AfD fordert: Schluss mit „Politischer Korrektheit“. Was wahr ist, kann nicht “unkorrekt” sein.“ Außerdem scheint sie noch neue Regeln für Anführungszeichen zu fordern, die sie in völlig undeutscher Verwahrlosung mal oben und mal unten setzt. Frage: Wenn Wahres nicht unkorrekt sein kann, wie wahr sind dann eigentlich Begriffe wie „Neger“, „Zigeuner“, „Fotze“, „Krüppel“ oder „Kameltreiber“?

Islam
„7.6.1 DER ISLAM GEHÖRT NICHT ZU DEUTSCHLAND. Die AfD bekennt sich uneingeschränkt zur Glaubens‐, Gewissens‐ und Bekenntnisfreiheit.“ Aha. Diesen Spagat muss man auch erstmal ohne Schmerzen hinkriegen. Weiter: „Viele Muslime leben rechtstreu sowie integriert und sind akzeptierte Mitglieder unserer Gesellschaft.“ Hier arbeiten und Steuern zahlen ist also okay, aber zum Beten soll der Moslem dann doch besser ins Ausland fahren:

„Das Minarett lehnt die AfD als islamisches Herrschaftssymbol ebenso ab wie den Muezzinruf, nach dem es außer dem islamischen Allah keinen Gott gibt. Minarett und Muezzinruf stehen im Widerspruch zu einem toleranten Nebeneinander der Religionen, das die christlichen Kirchen in der Moderne praktizieren.“

Minarett und Muezzinruf sind also Herrschaftssymbole, Kirchturm und Glockengeläut hingegen sind praktiziertes tolerantes Nebeneinander. Dieses Nebeneinander zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass weder neben der Kirche noch sonstwo ein Minarett stehen soll. Dass der christliche Gott identisch mit Allah ist (und ähnlich herrschsüchtig, siehe Zweites Gebot), hätten die  Premium-Denker der AfD z.B. in Lessings Nathan der Weise nachlesen können – wo ihnen doch die Aufklärung als Teil der deutschen Leitkultur so am Herzen liegt. Wie das Ganze zur „wissenschaftlich‐humanistischen Tradition“ dieser Leitkultur passen soll, weiß auch nur die AfD.
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¹ Wobei zugegeben werden muss, dass die AfD eine Reihe allzu offensichtlicher Idiotien aus dem Entwurf gestrichen hat. Vergleiche auch hier.

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