Nur keine Angst

Nur keine Angst“, tröstet die aktuelle Zeit ihre Mittelschichts-Leser auf der Titelseite. „Die Löhne stagnierten zwar ein paar Jahre, zuletzt aber sind sie in fast allen Bereichen gestiegen.“ Atmen! Und der Mittelschicht gehe es nicht so schlecht, weil der Industriearbeiter heute keine Hausfrau, sondern eine Teilzeitkraft an seiner Seite habe. Ob die jetzt arbeiten will oder arbeiten muss, weil sonst die Kohle nicht reicht, liegt schon wieder jenseits des Tellerrands. Lächeln!

Heutzutage könne man für Geld mehr kaufen und dieser Konsumdruck fühle zu subjektiver Unzufriedenheit, weil man die Mittelschicht eben nicht alles leisten könne. Aha. Also: alles halb so schlimm und sicher kein Vergleich mit den USA.

Doch lieber Angst?

Im Wirtschaftsteil der Ausgabe findet sich ein Interview mit dem Ökonomen Branko Milanović, der zum Thema Ungleichheit forscht und über die Entwicklung der letzten 25 Jahre sagt:

„Die Unterschiede sind in Amerika sicher besonders ausgeprägt. Aber das Muster ist in anderen westlichen Volkswirtschaften ähnlich. Es gibt kein Land, in dem die Ungleichheit zurückgegangen ist.“ Jetzt klingt der Leitartikel wie das Pfeifen im Walde.

Milanović stellt außerdem die Beziehung zwischen dieser ökonomischen Entwicklung und dem Aufstieg rechtspopulistischer Parteien in westlichen Ländern her, die in hiesigen Erklärungsversuchen zum Phänomen AfD so oft fehlen: „Der Aufstieg [der Populisten] geht einher mit dem Niedergang der Mittelschicht in praktisch allen Industrieländern.“

Laut Milanović ist die Ungleichheit „auf den technologischen Fortschritt, auf die Politik der Deregulierung und auf die wachsende Konkurrenz durch Länder wie China oder Indien“ zurückzuführen. Laut z.B. Zeit-online sind die Arbeitnehmer selbst schuld. Der Staat könne zwar mehr Steuern erheben, aber das sei keinesfalls ausreichend (warum eigentlich nicht?). In der Pflicht stünden also die Arbeitnehmer, die einfach selbstbewusster ihre Rechte einfordern müssten.

Ohne gute Presse geht’s nicht

Das ist vielleicht nicht ganz falsch, aber dazu braucht es bei Lohnforderungen auch die entsprechende Intensität, sonst gehen diese entweder völlig unter (aktuelle Beispiele: der jämmerliche Tarifabschluss im öffentlichen Dienst oder die Situation bei Amazon, das Streiks seit Jahren einfach ignorieren kann). Wenn dann mal richtig gestreikt wird, wie das Lokführer und KiTa-Personal taten, aber die Presse regelrechte Kampagnen führt und große Teile der Bevölkerung nach dem Motto „Ja, aber ich verdien’ doch auch nicht mehr. Hallo?“ nicht kapieren, worum es eigentlich geht – dann wird’s schwierig.

Ähnliches gilt beim Thema Steuern. In der aktuellen Zeit-Ausgabe antwortet Gesine Schwan auf einen Aufruf der Zeitung an linke Politik, doch mal in die Puschen zu kommen. Ihre Bitte an die Verfasser des Artikels: Die Presse solle doch Forderungen nach gerechteren (und damit für Vermögende und große Unternehmen: höheren) Steuern wenigstens einigermaßen wohlwollend begleiten, weil sich an diesem Thema schon viele die Zähne ausgebissen hätten.

Man kann also gespannt sein, wann die Presse anfängt, vehement höhere Löhne und gerechtere Steuern einzufordern, statt grosso modo weiter das Hohelied der gelungenen Agenda-Reformen zu singen und sich zu wundern, wo die AfD-Wähler alle herkommen.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s