Der Deutsche hat die Hosen an

Bevor Deutschlands meistzitierter Ökonom Hans-Werner Sinn in den Ruhestand geht, begibt er sich nochmal auf Interview-Abschiedstournee und stattet sogar den Wirtschaftsfeinden bei der taz einen Besuch ab. Es lohnt sich, dieses Interview zu lesen, weil Sinns Argumentation stellvertretend für die einer ganzen Politiker- und Ökonomengeneration stehen dürfte.

Interessant ist dabei zuerst die Haltung zum Lohnniveau: „Nachfrageseitig dürfen die Löhne hochgezogen werden, aber man darf sie nicht hochzwingen.“ Das verstehen nicht nur die Interviewer nicht so ganz, es deckt sich auch nicht mit Sinns üblichen Forderungen nach Lohnsenkungen. So wie im Interview mit der Zeit im Oktober 2015, als Deutschlands Über-Ökonom den Mindestlohn (dieses Mal wegen der Flüchtlinge) abschaffen und „das Rentenalter heraufsetzen“ wollte (was nichts anderes als eine Lohnsenkung ist).

Die Kunst, in jedem Fall Recht zu haben

Ist da also jemand altersmilde geworden? Nicht ganz, denn Sinn liefert erstmal eine fulminante Verteidigung seiner Ablehnung des Mindestlohns: Ohne diesen hätte es 900000 Arbeitsplätze mehr gegeben. (Wohlgemerkt, 900000 Arbeitsplätze, bei denen man in Vollzeit mit 1360€ im Monat nach Hause geht – brutto, versteht sich. Wie viel die vier Millionen Betroffenen wohl vorher so verdient haben?) Diese These ist natürlich absolut wasserdicht, weil sie weder beleg- noch widerlegbar ist und im Zweifelsfall die Prognose ja sowieso nicht von Sinn stammt. Recht haben ist vor allem eine rhetorische Kunst, das weiß auch der Ökonom.

Als nächstes schlägt Sinn den mittelgroßen historischen Bogen zu den Hartz-Reformen, die seinen Vorschlag aufgegriffen hätten, „[d]er Staat sollte weniger Geld fürs Wegbleiben und mehr fürs Mitmachen zahlen.“ Der erste Teil wurde bekanntlich bravourös umgesetzt, der zweite leider vergessen (passend hier die Implikatur in „Wegbleiben“, mit der Arbeitslosigkeit als persönliches Versäumnis daherkommt). Dazu nochmal:

Loehne_Europa

Deutschland zu billig

Dem naheliegenden Vorschlag, die niedrigen deutschen Löhne hätten die viel zu großen Exportüberschüsse verursacht, will Sinn natürlich nicht folgen, konzidiert aber: „Deutschland ist heute in Relation zu Südeuropa zu billig.“ Dazu zitiert er eine Goldman-Sachs-Studie, nach der Deutschland um 31% teurer werden müsse, um den Rest der Eurozone wieder wettbewerbsfähig zu machen. 31%! Eigentlich müssten hier 31 Ausrufungszeichen stehen. Auf die Frage, ob er denn nun für eine Erhöhung der deutschen Löhne plädiere, antwortet Sinn: „Wer sich anpasst, Südeuropa oder wir, ist noch offen.“

Europa nicht billig genug?

Und jetzt die Preisfrage: Wer wird sich wohl anpassen? Deutschland? Da fordert Schäuble ein höheres Renteneintrittsalter (also eine Lohnsenkung, aber hey, wir leben ja auch länger), der Staat bietet den Arbeitnehmern im öffentlichen Dienst aktuell eine Lohnerhöhung, die unterm Strich eine Lohnsenkung bedeutet (falls sich noch jemand an das Thema Streik erinnert, siehe auch hier), in der Presse liest man in loser Folge die übliche Arbeitgeberprosa von der gefährdeten Wettbewerbsfähigkeit etc.pp.

Angepasst, sprich gespart, wird in Südeuropa bekanntermaßen schon oberhalb der Schmerzgrenze und im Westen will Hollande jetzt auch seine „Agenda“ haben, nachdem ihn Peter Hartz natürlich nicht beraten, sondern nur informell getroffen hat. (Der Peter Hartz übrigens, der, das sei hier genüsslich eingeschoben, zu zwei Jahren auf Bewährung verknackt wurde, weil er Firmengelder veruntreut und im Puff angelegt hat.)

Und wenn wir schon auf der europäischen Ebene sind, denken wir doch auch daran, wie der beliebteste Finanzminister aller Zeiten das Sparen zum Gebot sowie Deutschland zum Vorbild erklärt hat und jetzt – alle sparen kräftig mit und die Deflation grüßt – versucht, der EZB die Schuld für die niedrigen Zinsen in die Schuhe zu schieben.

Der Italiener in der Unterhose

Schäuble und Hans-Werner Sinn sind nur zwei prominente Vertreter eines (neoklassischen) Ökonomieverständnisses, das die gesamte deutsche und europäische Politik prägt und deren Arroganz, Widersprüchlichkeit und Folgen offensichtlich zutage treten – wenn man mal hinschaut.

Ohne dieses Hinschauen spart der Durchschnittsdeutsche halt stolz weiter, wundert sich, warum die private Rentenvorsorge immer noch schlechter funktioniert oder der Nachbar trotz Beschäftigung auf Hartz-IV aufstocken muss, ärgert sich, wenn es wieder jemand wagt zu streiken, wo er doch selbst miserabel verdient und schiebt die Schuld immer fleißig auf andere, die alle nur sein Geld wollen. Am liebsten auf Arbeitslose und/oder faule Südländer; der Draghi ist zwar nicht Grieche, aber immerhin Italiener und fürs Klischee („In Unterhose zur Stechuhr”) reicht das allemal.

Fazit: Der Deutsche hat – im Gegensatz zum Italiener oder sonstigen arbeitsscheuen Südländern – die Hosen an. Über einen erstarkenden Rechtspopulismus sollte man sich da nicht allzu laut wundern.

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