Die Mitte ist immer ideologiefrei. Is’ so!

Früher war mehr Mitte. Bernie Sanders beim Plakate kleben.
Früher war mehr Mitte. Bernie Sanders beim Plakate kleben.

Die aktuellen Entwicklungen in Deutschland schreien ja geradezu nach Erklärungsversuchen und die Presse gibt sich alle Mühe. Der passendste Artikel dazu stand kürzlich in der Zeit und argumentiert, mehr oder weniger, dass sowohl Linke („Hyperkritik“) als auch Rechte („Ressentiments“) die Schuld tragen und anständige Konservative heutzutage „politisch mindestens bis zur AfD auswandern“ müssten, weil der Mainstream so nach links gerückt sei. Kann man so sehen, muss man aber nicht.¹ Die entscheidende Rolle spielt hier aber ohnehin, dass der ganze Artikel auf der Annahme basiert, der Rechtsruck in Deutschland sei auf keinen Fall wirtschaftlich zu erklären. Zitat:

„Und was haben wir heute? Dem Land ging es noch nie so gut – und es war noch nie so zerrissen. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig, wie sie es seit 1992 nicht mehr war. Der Finanzminister kann sich vor Überschüssen kaum retten. Die Renten erreichen Rekordhöhen, und selbst die Binnennachfrage, deren Schwächeln bisher immer als Beweis angeführt wurde, dass vom Wohlstand, der vom Exportweltmeister oben erwirtschaftet werde, unten nichts ankomme, selbst diese Binnennachfrage brummt nicht nur zur Weihnachtszeit dank kräftig gestiegener Löhne. Dies müssten eigentlich die klassischen Rahmenbedingungen für ein mit sich selbst zufriedenes Land sein, das den Wahlkampfslogan der CDU aus den achtziger Jahren wieder hervorkramen könnte: ,Weiter so, Deutschland!

Weiter so? Kann man das nicht auch anders sehen?

Rente

Oben sieht man einen weiteren Slogan der CDU aus den achtziger Jahren, den man „wieder hervor kramen könnte“. Heute sieht auch Blüm das mit der Rente übrigens anders. Man kann vielleicht bei einigen Rentnern über „Rekordhöhen“ sprechen, könnte aber ebenso immer mehr arme Rentner erwähnen. Oder überschuldete Rentner, sucht man sich halt was aus. Besser wird’s wohl auch nicht unbedingt werden:

Quelle: bpp.de

Arbeitslose

Die offizielle Arbeitslosenzahl liegt bei 2 920 421. Jubel! Eigentlich liegt sie bei 3 653 317, was sich mit zwei Mausklicks und fünf Minuten Zeit recherchieren lässt. (Wenn man Arbeitslosigkeit bzw. Unterbeschäftigung „im weiteren Sinne“ mit einrechnet, also Aktivierungs-, Weiterbildungs- oder Fördermaßnahmen, Arbeitslose über 58 Jahren, krankgeschriebene Arbeitslose etc., siehe hier, S. 71.) Über atypische Beschäftigungsverhältnisse oder Scheinselbstständigkeit haben wir dann immer noch so wenig geredet wie über Armut.

Überschüsse

„Der Finanzminister kann sich vor Überschüssen kaum retten.“ Darunter sind z.B. die Exportüberschüsse, mit denen Deutschland seit zehn Jahren gegen geltende EU-Verträge verstößt und anderswo in Europa für entsprechende Bilanzdefizite sorgt. Zudem profitiert der Bundeshaushalt auch noch massiv von der Eurokrise. Falls Schäuble nicht weiß, was er mit der ganzen Kohle machen soll, kann er ja mal bei den Kommunen nachfragen (Stichwort: Investitionsrückstand).

Löhne

Die Binnennachfrage könnte auch auf Pump „brummen“ (man beachte die beinahe identische Einleitung beim Spiegel), aber konzentrieren wir uns auf die Löhne. „Kräftig gestiegen“ seien die, weiß die Zeit.²

Genauer gesagt: In 20 Jahren (1994-2014) sind die deutschen Reallöhne um sagenhafte 1,1% gestiegen (siehe hier, S. 5). Um diese Entwicklung mal in einen ungefähren Kontext zu setzen:

Loehne_Europa

Trotzdem steigen die deutschen Löhne natürlich „zu schnell“, unkt die Welt. Tusch! Nebenbei gesagt, steigen die Löhne auch nur oben, während sie unten sinken

Die ideologiefreie Mitte

„Was heute das Blut regelmäßig zur Wallung bringt, sind samt und sonders Fragen der Weltanschauung, der diskursiven Symbolpolitik, des ideologischen Lifestyles“, schreibt die Zeit.

Gemeint sind damit eigentlich „Straßennamen, Geschlechtskategorien an Klokabinen“ and ähnliches. Die gesellschaftliche Mitte jedoch, zu der sich etablierte Journalisten zählen, kennt solche Wallungen nicht und geriert sich völlig ideologiefrei. Trotzdem verbreitet sie immer und immer wieder das eine Narrativ: Deutschland geht es gut, die Lage am Arbeitsmarkt ist bombastisch, Rentner gehen auf Kreuzfahrt, kurz: der Laden läuft. Das ist aber nur eine Sichtweise und noch nicht mal eine sonderlich schlüssige.

Es wäre verwunderlich und auch falsch, wenn Zeitungsartikel dauernd mit dem Alarm „Dem Land ging es noch nie so schlecht!“ hausieren gingen. Wenn allerdings in 1000 Variationen geschrieben und gesendet wird: „Dem Land ging es noch nie so gut.“ – dann ist das nicht viel richtiger, wird aber als selbstverständlich hingenommen. Klingt ja auch besser. Wenn aufgrund einer solchen fragwürdigen Prämisse gesellschaftliche Entwicklungen beurteilt werden sollen, kann das halt auch mal schiefgehen.

The pot calling the kettle black

Ob der Deutsche an sich wegen wirtschaftlicher Sorgen, aufgrund seiner Xenophobie oder durch andere Gründe nach rechts driftet, weiß auch der Kuno nicht. Das Wegbrechen der Mitte, das der Zeit-Artikel postuliert, wird allerdings als ausschließlich politisches Phänomen dargestellt, obwohl Teile dieser Mitte ja auch ökonomisch „wegbrechen“ oder zumindest sehr große Angst davor haben. Wenn man diesen Teil der Wirklichkeit einfach ausblendet – dann ist auch das, liebe Zeit, ein „ideologischer Lifestyle“, den die besonnene Mitte doch angeblich so ablehnt. Aber dogmatisch sind immer nur die Linken und die Rechten. Is’ so!

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¹ Die Gleichsetzung von Links und Rechts passt auch recht gut zu der seltsamen Berichtertattung über den US-amerikanischen Wahlkampf, in der Donald Trump und Bernie Sanders gerne als jeweiliges „Äquivalent“ beschrieben werden. Auch dort wird die Mitte, also Hillary Clinton, als pragmatisch und also undogmatisch beschrieben. (Sie folgt ja auch brav der Marktlogik, der einzig wahren und dabei völlig ideologiefreien Lehre.)

² Gemeint sind wahrscheinlich die 2,4%, die durch die Presse geistern, die sich nur auf den Vergleich des jeweils dritten Quartals der Jahre 2014 und 2015 beziehen.

³ Und die Bertelsmann-Stiftung stellt fest, dass die wachsende Lohnungleichheit mit den Agenda-Reformen zusammenhängt, die sie selbst auf den Weg gebracht hat. Glückwunsch!

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2 thoughts on “Die Mitte ist immer ideologiefrei. Is’ so!

  1. Interessanter Artikel. Ich denke, die Medien sind Teilschuld. Schon als Pegida neu war, waren die Medien im Verdacht, verantwortlich zu sein – sie wehrten sich natürlich tüchtig, maßgeblich mit Verunglimpfung, Polemisierung und krasser Zensur (wir haben Demos aus 2015 erlebt und waren über die spätere Berichterstattung milde gesagt “erstaunt”…die mussten von einer anderen Demo als der, der wir aus purer “Bild dir deine Meinung” – Ideologie, beigewohnt hatten).
    Ich bin erstaunt, wie sehr Medien schaffen, Emotionen zu produzieren. Ebola: Es war ein Drama, bis sie es nicht mehr erwähnten. Alle hatten Angst vor einem Ausbruch, bis die Medien Ebola totschwiegen. Das ist eines von vielen Beispielen. Medien: Sie produzieren Angst – und auch Hassbilder, wie etwa der letzte Spiegel mit seinem “Hassprediger” Titelbild (was ich sehr heftig fand, wenn man fair spielen will, sollte man sich an die Regeln halten – ich glaube nicht, dass das gesetzmäßig war/ist) oder dem Titelbild mit Donald Trump und der brennenden USA Flagge. Man erlebt auch, dass die Politiker versuchen, verzweifelt gegen das Bild und Phänomene in der Medienlandchaft anzureden: Es hilft nicht. Wenn die Medien eine Reportage bringen, halten sich die Aussagen hartnäckig in den Köpfen. Man nehme die Klimakrise. Es gibt so viele kritische Stimmen, fast alle werden totgeschwiegen. Die berühmte Hockeyschläger-Kurve hat sich als Farce herausgestellt: Das Klimadrama ist nach wie vor vollkommen unkritisch da. Vorhanden. Unglaublich, wie unkritisch mit den Aussagen zur “Gesundheit der Welt” umgegangen wird.
    Russland weiß um die Macht der Medien, weshalb es sie auch nutzt. Wir wissen nicht, wer das noch tut, ich bezweifle allerdings stark, dass Russland das einzige Land ist, dass dies tut. Wir stehen zwischen all den Informationen und wissen nicht, wohin, wissen nicht, wem oder was wir vetrauen sollen. Was wenn nicht radikale Ansichten bringen Klarheit? Ehrlich: Wenn ich verwirrt, irritiert & misstrauisch wäre und mich zunehmend betrogen/belogen fühlte, würde ich nicht auch Klarheit suchen? Nach einfachen Regeln und einfachen Antworten? Egal ob links oder rechts, oben oder unten: Letztlich geht es um Klarheit. Und je wirrer und verworrener die Emotionen, Meinungen und Aussagen sind, desto verständlicher finde ich es, wenn die Menschen sich an den Extremen positionieren. Wie siehst du das?

  2. Hey June, danke für Deinen Kommentar.

    Wie ich das so sehe? Hm, den Wunsch nach einfachen Antworten hegen, glaube ich, alle Menschen. Okay, etwas weniger salbungsvoll: Man sollte sich (als Bürger, als Blogger und vor allem als etablierter Journalist) darüber im Klaren sein, dass die eigene Wahrheit nicht “die Wahrheit” ist. Klingt immer noch sehr staatstragend. Egal, in diesem Sinne: Mit Sicherheit führen nicht nur wirtschaftliche Faktoren zu Fremdenhass (so soll mein Post auch nicht verstanden werden) – aber man kann sie nicht einfach so entspannt ignorieren wie es im ZEIT-Artikel geschieht.

    Den Wunsch nach Klarheit finde ich so verständlich wie du – leider sind einfache Antworten selten richtig und extreme Positionen nicht ganz ungefährlich. Wenn die Suche nach Klarheit nur Sündenbocke zutage fördert (Muslime, “Ausländer”, Lügenpresse, Bänker, Politiker, Arbeitslose, “Zigeuner”, Juden etc. pp.), die als Gruppe an allem schuld sind, hat es sich jemand zu leicht gemacht. Die deutschen Medien (Boulevard- und Klatschpresse ausgenommen) lügen auch eher selten, sie veröffentlichen sowohl sehr gute als auch weniger gute und völlig idiotische Artikel. Die Frage ist, ob die Medienkonsumenten den Willen, die Zeit und die Fähigkeit haben, zu hinterfragen, was man so vorgesetzt bekommt.

    Amen.

    PS: Wenn ich an einer Antwort auf Deine Frage vorbeigelabert habe, sag an.

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