Zu Sanders

Donald Trump. Oder Ted Cruz. Bei Unklarheit einfach mal den Kleber vom heute-Jounal fragen.
Donald Trump. Oder doch Ted Cruz?

Die USA sind ja schon schrill. Der Deutsche an sich und seine Leitmedien gruseln sich mit großem Vergnügen vor Trump und all den anderen Verrückten da drüben. Dabei können sich die Alpha-Journalisten natürlich immer darauf verlassen, dass ihr eigener „politischer Kompass“ (wie man so sagt) zuverlässig eingenordet und ihr Urteilsvermögen ungetrübt objektiv ist.

So mal wieder zu bewundern bei Claus Klebers Anmoderation der US-amerikanischen Vorwahlen im heute-Journal des vergangenen Sonntags: „Die Welt könnte vernünftige Führung brauchen. Doch morgen könnte die erste Vorwahl eine vertrackte Alternative einleiten, zwischen einem linken Träumer namens Bernie Sanders und einem größenwahnsinnigen Immobilienmogul namens Donald Trump.“

Rassisten, Fundamentalisten, Linke: Alles Spinner

Wie man eine vertrackte Alternative einleitet, weiß wahrscheinlich auch nur Kleber, aber wie man eine tendenziöse Berichterstattung einleitet, das weiß sogar der Kuno. In die gleiche Kerbe wie Kleber schlug übrigens auch die Süddeutsche Zeitung am Wochenende, als sie den rassistisch hetzenden Trump, den Tea-Party-Fundamentalisten Cruz und den „demokratischen Sozialisten“ Sanders ganz selbstverständlich in einen Topf warf. Tenor im heute-Journal und bei der SZ: Sind alle Spinner.

Bei Cruz und Trump ist das ja einigermaßen offensichtlich, aber was treibt denn diesen „Träumer“ Sanders eigentlich um? Die proletarische Revolution? Wenden wir uns hilfesuchend an die FAZ: Dieses Thema weiß er mit glaubwürdiger Schärfe zu artikulieren: Der Absturz der Mittelklasse, die himmelschreiende Ungleichheit, die wachsende Macht der Milliardäre.“

Die Forderungen eines Träumers

Aha. Und was genau hat Sanders vor? „Eine Billion Dollar für die Infrastruktur, freien Zutritt zu Universitäten und eine erschwingliche Kinderbetreuung, Mutterschutz, Erziehungsurlaub.“ Interessanterweise zweifelt die FAZ weder an den Problemen noch an Sanders’ Lösungen, sondern bemängelt lediglich, dass seine Rezepte „altbacken“ wirkten. Fun fact: Mindestens drei dieser Forderungen sind hierzulande übrigens nicht „altbacken“, sondern politische Realität. Bei der Süddeutschen weiß man noch zu berichten, dass Sanders „das Vermögen in einem Ausmaß umverteilen will, wie es das Land noch nie erlebt hat“ (Vermutung: die SZ meint von unten nach oben) und hat so schon den Beleg geliefert, dass der Irre Sanders mit Trump und Cruz in eine Gummizelle gehört.¹

Sanders und Corbyn: Sehen alle gleich aus

Bernie Sanders wird momentan auf ähnliche Weise dargestellt wie im Herbst letzten Jahres der neue Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn (das heute-Journal war damals auch schon mit dabei). Die Forderungen der beiden nach sozialer Gerechtigkeit werden nach wie vor nonchalant als unrealistisch beiseite gewischt. Sanders sei ein „Träumer“ (heute-Journal) und Corbyns „ärgster Gegner die Realität“ (Zeit). So einfach ist das.

Radikale These: Soziale Entwicklungen und Politik hängen zusammen

Der Vergleich mit Gestalten wie Trump oder Cruz ist dabei ebenso armselig wie lächerlich, aber nicht das eigentliche Problem. Dieses besteht darin, dass Sanders und Corbyn offensiv soziale Ungleichheit anprangern, zu der aber in der Berichterstattung über diese Politiker einfach keine Stellung bezogen wird. Berichte über die Auswirkungen dieser Ungleichheit – in den USA oder in Europa – finden sich auch in den erwähnten Medien zuhauf, sie werden aber gerne als singuläre Ereignisse beschrieben. Sanders und Corbyn hingegen sind auf die irre radikale Idee gekommen, dass soziale Entwicklungen und Politik irgendwie zusammenhängen könnten und wollen Maßnahmen ergreifen, die man in Deutschland vor Schmidt, Schröder und Konsorten schlicht und ergreifend sozialdemokratisch genannt hätte (die Zerschlagung zu großer Banken bei Sanders und den NATO-Austritt bei Corbyn vielleicht ausgenommen). Heute nennt man sie einfach radikal, realitätsfern oder veraltet und spart sich so jegliche Diskussion.

Auch vertrackt: Verschiedene Realitäten

Schlusspointe (vgl. fun fact eins): Seit 2015 darf der Kleber an der Universität Tübingen als Honorarprofessor ran und dort erklären, wie guter Journalismus funktioniert. Die Studenten, die diesem Premium-Denker lauschen, müssen für ihr Studium übrigens nichts bezahlen. Und wenn Kleber ein Kind in die Welt setzt, hat seine Partnerin Anspruch auf Mutterschutz und er auf Elternzeit. Finanziert durch Umverteilung. Was hier zur Realität gehört, sind dort realitätsferne Phantasien des „linken Träumers“ Bernie Sanders. Aber so vertrackte alternative Realitäten auseinanderzuhalten, kann man wohl nicht von allen Journalisten verlangen.

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¹ Wer sich bspw. die Entwicklung des US-amerikanischen Spitzensteuersatzes einmal im Leben angesehen hat, wäre mit dem historischen Superlativ „wie es das Land noch nie erlebt hat“ mal ganz vorsichtig.

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