Wir gehen mir auf den Geist

Heute heißt es stark sein und kämpfen, denn der Artikel ist lang. Für alle Ungeduldigen hier die Kurzversion: Kuno geht dieses omnipräsente ,Wir‘ gehörig gegen den Strich. So wie alle, die gerne zum Bildungsbürgertum gehören wollen, sucht natürlich auch Kuno Halt und Orientierung bei der ZEIT, die immer alles so schön erklärt.

Quelle: ikiosk.de

Wir sind der Feind“ ist der Leitartikel überschrieben. „Cool müssen wir bleiben“ und „Nervenstärke“ zeigen, schreibt er und nennt „Fragen, die uns spätestens seit dem 11. September 2001 quälen“. Da geht’s schon los. „Leisten wir uns zu viel Datenschutz? Spionieren wir zu wenig, daheim und im Ausland?“ Und: „Verkennen wir die wahre Bedrohung für unsere liberale Gesellschaft?“ Ja, das tun ,wir‘. Vor allem, wenn eine liberale Zeitung außer diesen drei Fragen keine weitere einfällt. Auf Seite 8 erklärt dann irgendein  Geheimdienstexperte, es sei schlicht unmöglich, alle potentiellen Terroristen zu überwachen. Trotzdem haben sich Deutschland und Frankreich dieses Jahr die Vorratsdatenspeicherung gegönnt.

Alle sagen, was sie immer sagen

Dann lieber schnell ab ins Feuilleton. Hier erklärt Professor Münkler aus Berlin, dass Demokratien nach Terrorangriffen unter größerem Handlungsdruck stehen als repressive Staaten wie z.B. Russland (vgl. „Und was jetzt zu tun ist“ auf der Titelseite). Deshalb rufen ,wir‘ auch den „Weltkrieg“ (FAS, Handelsblatt) aus. Kann man anscheinend nicht ändern.

Ach so, der Artikel heißt übrigens „Wie wir kämpfen müssen“. Direkt daneben ein Beitrag mit dem Titel „Warum angesichts des Terrors alle sagen, was sie immer sagten“. Gemeint sind zwar die Schwätzer Söder und Matussek, aber bei der ZEIT könnte man sich auch mal an die eigene Nase fassen:

Mutig: Tattoos gegen den Terror

Zugegeben, die Artikel im Feuilleton und zumindest einer im Politikteil („Jetzt also Krieg“, S. 10) sind deutlich reflektierter als die nach den Anschlägen im Januar und stellen nicht alle den Terrorismus einfach als reines Problem der Anderen dar, die halt einen an der Waffel haben. Da darf als Vorzeiger-Linker auch mal Slavoj Žižek ran und die „pathetische Solidarität“ mit den Pariser Opfern als „pseudoethische Obszönität“ geißeln, wenn sie die globale Perspektive der Solidarität von Ausgebeuteten und Unterdrückten ausspart. Zwanghafte Schweigeminuten, Trikoloren, Hashtags, Tattoos gegen den Terror – sowas halt. Schade, dass die meisten ZEIT-Leser beim Stichwort „Klassenkampf“ in der Überschrift schon abgeschaltet haben dürften.

,Wir‘ sind keine Muslime, Frauen keine Professoren und Islamisten tragen gefälligst Tentakel und keine Hüte!

Die ZEIT kommt in ihren Artikeln leider nicht ohne dieses unglaublich nervtötende ,wir‘ aus. Ich dachte immer, dass nur die BILD so dermaßen penetrant sei. Weiter geht es im Feuilleton mit „Wir sind alle Geiseln“ von Professor Balibar (Paris), der dankenswerterweise darauf hinweist, dass Religionskriege ihre Ursache nie in der Religion haben,  und mit „Lasst sie nicht gewinnen“ von Eva Illouz aus Jerusalem. Die ist zwar auch Professorin, aber nun mal nur Frau und deshalb in der ZEIT „Soziologin“ ohne akademischen Grad. Vielleicht sind ,wir‘ also auch keine Frauen?

Jedenfalls gilt: „Wir müssen unser Verhältnis zu den Muslimen grundlegend ändern“ (Unterüberschrift, Seite 3). ,Wir‘ sind also zumindest schon mal keine Muslime, so viel ist klar. Die FAZ weiß: „Das christliche Heilsversprechen ist ja wohl nicht schwächer als die irren Vorstellungen jener verblendeten Todesschwadronen.“ Wäre ja gelacht. Und wie immer sind ,wir‘ angemessen irritiert, wenn sich herausstellt, dass irre islamistische Terroristen früher ,normale‘ Jugendliche waren. Oder Hüte trugen. Vielleicht sollten die Hüte aber nur Tentakel oder Hörner kaschieren, wer weiß das schon?

Kampf der ,Werte‘?

Auch ,unsere‘ dauernd beschworenen ,Werte‘ (noch besser: ,unsere‘ weltberühmte deutsche Lebensfreude) sind im Zusammenhang bzw. im Kontrast zum Terrorismus nicht unproblematisch und argumentativ nicht weit entfernt vom Geschwätz über einen „Kampf der Kulturen“: „Die Rede von ,Werten‘, die den logischen Schatten von Pluralismus und Relativismus verleugnet, den sie voraussetzt, läuft Gefahr, in einen Glaubenskrieg zu münden.“ Gut gebrüllt, Löwe.

Und in der ZEIT freue ich mich über die Demonstration genau dieses „logischen Schatten[s]“. Da kämpft Josef Joffe für die Ausdrucksfreiheit US-amerikanischer Studenten, sich dumpf, aber fröhlich als Mexikaner, ,Indianer‘ oder Schwarze zu verkleiden. Auf derselben Seite bekommt Jochen Bittner Schnappatmung, weil Julian Assange die Toten durch westliche Kriegsführung in Irak und Syrien gegen die Opfer in Paris aufgerechnet hat und attestiert dem WikiLeaks-Gründer daraufhin einfach pathologischen Zynismus aufgrund dessen seelischer Belastung. Sind ,wir‘ also auch keine psychisch Kranken?

Anstrengender als Anführungszeichen

Für einen ausreichend legitimierten Krieg sind absolute Vorstellungen und völlig wasserdichte Kategorien wie ,wir‘ (funktioniert am besten über den Ausschluss bestimmter Gruppen) und ,sie‘ (funktioniert am besten über Projektion) ziemlich praktisch. Für Terroristen sind sie sogar lebensnotwendig. ,Wir‘ haben aber die Freiheit, den ganzen Schmarrn, den ,wir‘ denken, sagen und tun zu hinterfragen. Das ist zwar noch anstrengender als Anführungszeichen setzen oder Hashtags erfinden, aber diese Freiheit können Terroristen nicht zerstören – das können ,wir‘ nur selbst.

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