2:0 für das Tentakel-Ungeheuer

Über die Pariser Anschläge wird jetzt mehr oder weniger dasselbe geschrieben wie über den Anschlag auf Charlie Hebdo. Vieles ähnelt sich, vieles ist das übliche, wohlfeile Geschwafel, vieles durchaus in Ordnung und manches lässt einen wieder ziemlich ratlos zurück. Am schlimmsten ist wie immer der Boulevard, wo man wahrscheinlich noch nicht einmal versteht, was an einer solchen Schlagzeile irritieren könnte:

Quelle: suedkurier.de
Quelle: suedkurier.de

Eigentlich ist der Titel ja ziemlich gut, weil in seiner Beschränktheit unfreiwillig ehrlich. „Länderspiel am Rande des Terrors“ oder, noch besser, eine Schlagzeile ohne Fußball wäre vielleicht passender gewesen. Aber das nur zum Aufwärmen.

Schon verloren

Stellvertretend für viele andere entmutigen mich zwei Kommentare in der FAZ. Der erste vom 14. November, indem er zwar feststellt, dass die (nicht nur in Frankreich massiv ausgeweitete) Überwachung nicht recht funktioniert, aber schon mal kapituliert: „Ob wir wollen oder nicht: Das Überwachungssensorium wird rasch weiter ausgebaut und verfeinert werden.“ Widerstand zwecklos, da kann man leider nichts machen.

Cool bleiben und durchdrehen

Die im Artikel befürchteten Konsequenzen für die deutsche Innenpolitik finden sich dann schon einen Tag später in der Sonntagsausgabe desselben Blatts. In vielsagender sprachlicher und logischer Hilflosigkeit findet sich da einerseits die Forderung nach einem harten Gesicht an der Spitze der deutschen Regierung (wohlgemerkt, nach einem Anschlag in Frankreich) neben derjenigen, sich bloß nicht einschüchtern zu lassen – flankiert von einem Vokabular, das jeden Psychoanalytiker in Partylaune versetzen dürfte: Mit dem IS „kroch“ ein „Ungeheuer“ aus irgendeinem „Schoß“, „Tentakel“ „schlingen“ sich um die Welt und die Terroristen verrichten „Teufelswerk“. So klingt jemand, der mal so richtig cool geblieben ist.

Intellektueller Tiefflug über feindlichem Territorium

Flankiert wird der intellektuelle Tiefflug über dem feindlichem Territorium des Anderen von den üblichen Warnungen vor Parallelgesellschaften und dem Hinweis auf die Situation in den französischen Vorstädten: „Die sind so verschlossen, dass es selbst den wenig zimperlichen französischen Sicherheitsbehörden nicht gelingt, sie in der nötigen Weise zu durchleuchten und zu kontrollieren.“ Mag sein, aber warum die Banlieues eigentlich voll von „leicht radikalisierbaren und von Gewalterfahrungen geprägten zornigen jungen Männern“ sind, interessiert ebenso wenig wie im Januar nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo. Ist halt so.

Wenn man dann in der FAZ zum visionären Fazit ansetzt und darin Sicherheit als wichtigsten vierten Wert, „ohne den alles andere nichts ist“, über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stellt, sind die Lichter der Aufklärung schon längst ausgegangen und es steht Mitte der zweiten Halbzeit 2:0 für das „Ungeheuer“.

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