Von Kuchen, Keksen und Kürzungen

Letztens kam ja Hans-Werner Sinn wieder einmal mit der Forderung aus der Deckung, das Renteneintrittsalter zu erhöhen und den Mindestlohn zu schleifen, worauf Kuno den alten Witz mit den Keksen hervorkramte. So wie Flüchtlinge Sinns aktuelle Modebegründung für Kürzungen sind, muss ansonsten meist die demografische Entwicklung als Sündenbock herhalten, wenn der „üppige Sozialstaat“ (FAZ) wieder mal zurechtgestutzt werden muss.

Demografische Entwicklung, Fachkräftemangel, Arbeitslosenzahlen – alles falsch

Letzte Woche bin ich dann über ein Zeitungs-Interview mit dem Statistik-Professor Gerd Bosbach gestolpert, der früher mal für das Statistische Bundesamt arbeitete und seit Jahren durch die deutschen Medien zieht, um vor genau solchen, völlig unhaltbaren Statistiken zu warnen, mit denen in Deutschland Politik betrieben wird.

Demografische Entwicklung, Arbeitslose, Fachkräftemangel – kurz gesagt, alles falsch. Und leider scheint sich niemand groß dafür zu interessieren, dass vor allem auf der wackeligen Basis der Demografiezahlen dann die immer gleiche Forderung fußt: Kürzungen.

Wohlstand durch weniger Arbeit

Bosbach bezweifelt die Alternativlosigkeit dieser Kürzungslogik und weist darauf hin, dass der deutsche Staat immerhin seit beinahe 150 Jahren das immer gleiche Phänomen kennt: Die Lebenserwartung steigt und die Geburtenrate sinkt. Diese Entwicklung war vor hundert Jahren noch wesentlich extremer als heute, aber nicht nur blieb der totale Zusammenbruch aus, den man aus heutiger Sicht prognostizieren müsste, sondern es wurden über Jahrzehnte hinweg die Arbeitszeiten gekürzt, das Renteneintrittsalter herabgesetzt und die Sozialsysteme ausgebaut. Die Folge war massiv zunehmender Wohlstand.

Kekse und Kuchen

In der heutigen Denkweise allerdings muss die demografische Entwicklung als Ursache für das Gaunerstück namens Privatisierung der Renten, ein höheres Renteneintrittsalter und was weiß ich sonst noch was herhalten. Und selbst wenn sich die Kaffeesatzleserei, mit der die Bevölkerungsentwicklung über 50 Jahre und noch mehr statistisch „vorhergesagt“ bzw. hochgerechnet wird, könnte man vor dem üblichen Gekrähe nach Kürzungen über Kunos Witz vom Keks auch über Bosbachs Kuchen-Allegorie nachdenken:

„Wenn unsere Wirtschaft auch nur schwach weiter wächst, wenn gleichzeitig die Menschen in Deutschland weniger werden, was bleibt dann für jeden Einzelnen übrig? Ein größeres Stück Kuchen. Wenn nicht jemand vorher ein Stück vom Kuchen klaut.“

Bevölkerung schrumpft? Kürzen! Sie schrumpft nicht? Auch kürzen!

In der Argumentation, die Hans-Werner Sinn stellvertretend für viele andere in die Welt setzt, heißt es jedoch: Wir werden weniger und müssen deshalb kürzen. Und wenn wir (etwa aufgrund von Flüchtlingen) doch nicht weniger werden, dann müssen wir auch kürzen. Diese Logik ist so bestechend, dass die Politik sicher gerne folgt.

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