Lobby Dick

Hans-Werner Sinn (Abb. ähnlich)
Sinn, Hans-Werner (Abb. ähnlich)

ZEIT-online: „Ahab will weißen Wal abschaffen.“ Bzw. und ähnlich überraschend: „Sinn will Mindestlohn abschaffen.“ Umgekehrt klänge die Idee natürlich deutlich pfiffiger, aber immerhin. Kuno hilft Sinns Pointenversuch etwas auf die lahmen Beine, indem er ihn mit dem Lieblingswitz aller Deutschen verbrämt, den Kunos Fans hier fast jede Woche abfeiern:

Sitzen also Hans-Werner Sinn, ein ZEIT-Leser und ein Flüchtling an einem Tisch, auf dem 20 Kekse liegen. Stopft sich der arbeitgebernahe Ökonom² 19 davon in den Mund, stupst den ZEIT-Leser an, zeigt mümmelnd auf den Flüchtling und sagt: „Der will deinen Keks.“ Urkomisch.

„Oha!“, denkt sich dann der ZEIT-Leser, zückt den Füllfederhalter, den er für 870€ im ZEIT-Shop geschossen hat und schreibt sich das Ansinnen (Kalauer-Alarm) des „Top-Ökonomen“ (BILD) hinter die Ohren: Länger arbeiten und Mindestlohn wieder abschaffen, sonst packen wir das mit den Flüchtlingen nicht.¹

Pst, pst, liebe ZEIT-Leser und alle anderen, die in den nächsten Tagen und Wochen hören und lesen, dass die deutschen „Weltmeister der Hilfsbereitschaft“ (Göring-Eckardt) wegen der Flüchtlinge – leider, leider – den Gürtel enger schnallen müssen und dass jetzt auch noch Unterkünfte fehlen, weil die Asylanten einfach zu wenig in den sozialen Wohnungsbau investiert haben: Wo könnten denn die Kekse sein? Hat die alle der Flüchtling weggefressen, der ja „erstaunlicherweise das Geld“ hat, um Taxi zu fahren (de Maizière), anstatt vorschriftsmäßig arm zu sein?

Deutschland ist Exportweltmeister in Europa

Trotz seines komödiantischen Dilettantismus muss man Sinn allerdings selbigen für gutes Timing zugestehen. Letzte Woche hat sogar die WELT ihre Leser widerwillig darauf aufmerksam gemacht, dass Deutschlands niedrige Löhne („gemäßigte Lohnpolitik“) und hohe Exportüberschüsse („Deutschland […] ist Exportweltmeister in Europa.“ So gehen Pointen, Sinn!) für andere Staaten der EU schon seit längerer Zeit ein Problem darstellen. Überschuss hier gleich Defizit da.

Diese Woche hat die EU mit nur ein paar Jahren Verzögerung die Steuervermeidung durch transnationale Unternehmen brutalstmöglich abgeschafft. Na ja, fast. Also eigentlich eher gar nicht. Von den Vorschlägen der OECD zum Thema ist in Brüssel nicht sonderlich viel übrig geblieben und vermögende Individuen hat man (Achtung, Neiddebatte!) in all der Aufregung ganz vergessen.

Ein trauriges Missverständnis

Dazu noch ein Witz, der so gut ist, dass er beinahe einen Bart tragen könnte: Die Behörden in Deutschland wissen ganz genau, ob ein ‚Hartzer‘ zwei oder drei Paar Schuhe in seinem gammeligen Schrank hat. Ob ein Leistungsträger der Gesellschaft zwei oder drei Milliarden Euro auf der hohen Kante hat, können Fiskus und Wirtschaftsinstitute dagegen nur schätzen.

Wenn Deutschlands meistzitierter Ahab-Darsteller genau jetzt Lobby Dick aus der Asservatenkammer holt und über den guten alten Keks-Witz Lohnsenkungen fordert, ist das, zumindest dramaturgisch gesehen, eine bravouröse Leistung. Leider wissen Journalisten dies nicht zu würdigen und verwandeln Sinns größte Brüller mit gnadenloser Regelmäßigkeit in stumpfe und bierernste Zeitungsartikel. Traurig.
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¹ Beruhigenderweise ist das Interview mit Sinn in der ZEIT mit „Wir werden leichter an eine Putzkraft kommen“ überschrieben. Gott sei Dank, dann bleibt ja alles im Lot. Wer sich den ganzen Text antut, fragt sich übrigens vielleicht auch, warum Deutschland nur die qualifiziertesten Arbeitskräfte ins Land lassen soll, wenn die dann alle im Niedriglohnsektor arbeiten sollen oder warum die ZEIT Sinn den bemerkenswert schrägen Vergleich von Volkswirtschaften und seinem Privathaus durchgehen lässt.

² Zusatzaufgabe: Zählen Sie die Antonomasien in diesem oder einem beliebigen anderen Text, teilen Sie ihre Anzahl durch Pi und drehen Sie die Zahl auf den Kopf. Sie werden nicht glauben, was Sie sehen!

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