Kuno wundert sich über die Unterschicht

„Schantall, tu ma die Oma winken!“ Brüller. Bestseller! Cindy aus Marzahn! Fast so geil wie Mario Barth! Überhaupt, irre komisch dieses Gesocks. Aber wie entstehen eigentlich Stereotype von einer „Unterschicht“ (Harald Schmidt)? Von „Florida-Rolf“ (BILD), Sozialschmarotzern, Hartz-Betrügern, von arbeitsscheuen, fetten, dummen, promiskuitiven Assis? Von „Parasiten“ (Wolfgang Clement), die sich in „spätrömischer Dekadenz“ (Guido Westerwelle) in der „sozialen Hängematte“ (Helmut „Birne“ Kohl) ausruhen? Woher kommt diese Verachtung und welche Funktion erfüllt sie in Politik, Journalismus, Unterhaltungsindustrie und Gesellschaft? Was hat das alles mit dem deutschen Blick auf „Pleite-Griechen“ (BILD) oder aktuell auf „Wirtschaftsflüchtlinge“ (von Otto Schily bis AfD, CSU und Pegida heute) zu tun?

Diese und andere Fragen beantwortet direkt oder indirekt ein ziemlich guter Beitrag des Bayrischen Rundfunks mit dem Titel Prolls, Assis und Schmarotzer Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet“. An immer neuen Variationen des alten Witzes mit den Keksen zeigt sie auf, dass die „Verachtung der Armen der ideologische Kitt“ einer Gesellschaft ist, die lieber nicht einsehen will, wer eigentlich die ganzen Kekse wegfrisst, die „wir“ dann zahlen müssen.

Quelle: bildblog.de

Entweder erfolgreich oder selbst schuld

Bei Interesse an den politisch-philosophischen Hintergründen des Phänomens und wenn man erfahren möchte, inwiefern der heutige Begriff von Freiheit und Eigenverantwortung die Selbstschuld im Falle mangelnden Erfolgs (wie auch immer dieser definiert sei) aufgrund mangelnder Selbstoptimierung einschließt und so zur „aktiven Selbstgefangennahme“ mittels „Selbsttechniken“ (Foucault) wurde, sei noch ein weiterer Hörfunkbeitrag empfohlen: „Pathologien der Freiheit“ (WDR) konzentriert sich zwar auf das Internet, bietet aber ab etwa einer Viertelstunde einen interessanten Einblick darin, warum Foucault schon Ende der 1970er den „neoliberalen“ Menschen als den eminent manipulier- und so regierbaren Menschen definierte. Lohnt sich.

Such die Kekse!

Um auf den Witz mit den Keksen zurückzukommen: Wer frisst denn nun die ganzen Kekse weg und zeigt dann mit vollem Mund auf Arbeitslose, Wirtschaftsflüchtlinge und andere Schmarotzer, weil die soviel Geld kosten und die Sozialsysteme überlasten?

Kleiner Tipp: Schon 2012 wusste die kapitalismuskritische FAZ zu berichten, dass der EU jährlich eine Billion Kekse Euro an Steuereinnahmen verloren gehen. Wie Unternehmen das anstellen (vermögende Individuen gibt’s ja auch noch) und wer ihnen dabei hilft, ist spätestens seit den Lux-Leaks bekannt und was man mit der entgangenen Kohle so alles anstellen könnte, hat ZEIT-online letztens am Beispiel Apples vorgerechnet. Steuersparen mit institutioneller Hilfe ist übrigens keine luxemburgische Erfindung, sondern dürfte in Deutschland mindestens seit Schröders Zeiten bekannt sein. Dessen rot-grüne Regierung ließ sich von einem ehemaligen Bayer-Abteilungsleiter, der mal eben ins Finanzministerium gewechselt war, ein Gesetz schreiben, durch das große Unternehmen – wie, sagen wir mal, Bayer – plötzlich wenig oder auch gar keine Steuern mehr zahlten, wenn sie nicht sogar Geld vom Fiskus zurückbekamen.

Zirkusreif: 200 000 Firmen in einem Gebäude

Weltweit liegen stattliche 20-30 Billionen Dollar in Steueroasen, während die meisten westlichen Staaten auf gigantischen Schuldenbergen sitzen und die Steuerknete eigentlich ganz gut gebrauchen könnten, um in marode öffentliche Infrastrukturen zu investieren. Wie und warum Steuervermeidung so gut funktioniert, zeigte schon vor zwei Jahren sehr anschaulich diese arte-Reportage, in der man auch viele praktische Tipps bekommt, u.a. wie man 200 000 Unternehmen in ein Gebäude quetscht.

Moral hilft leider nicht, eine bessere Gesetzgebung schon

Es ist natürlich schwierig, weltweit konzertiert gegen Steuerflucht vorzugehen, aber ohne den wirklichen politischen Willen kann man es gleich ganz vergessen. Moralinsaure Vorwürfe an böse Manager sind dabei leider eher nutzlos, weil Unternehmen im Konkurrenzkampf wahrscheinlich gar nicht anders können, als die Tricks der Konkurrenz im Sinne ihrer Anteilseigner zu kopieren oder zu übertreffen. Auf dem Weg zu besseren Gesetzen könnte es aber durchaus hilfreich sein, gängige Vorstellungen von Assis und Schmarotzern zu dekonstruieren oder (wenn man schon nicht ohne Sterotype auskommt), zu erkennen, dass diese eher Nadelstreifen als Unterhemden tragen – und den Mund meistens voller Kekse haben.

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¹ Richtig ulkig wird’s natürlich, wenn ausgerechnet ein SPD-Ratsherr der Stadt Leverkusen schüchtern darauf hinweist, dass Bayer in der chronisch klammen Stadt zu wenig Steuern zahle.

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