Jeremy im Wunderland

Kuno hat mal wieder die ZEIT gelesen und freut sich über Khuê Phams Leitartikel zum neuen britischen Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn. Titel: „Marke Hoffnung“. Untertitel: „Auch in Großbritannien elektrisiert ein Linker die Menschen. Doch der ärgste Gegner bleibt die Realität.“ Tenor: Sind ja ganz nette Ideen, aber leider völlig realitätsfremd. Was ist das eigentlich für eine „Realität“, die für Linke wie den Briten Corbyn, den US-Amerikaner Bernie Sanders, den Spanier Pablo Iglesias oder den Griechen Alexis Tsipras (der inzwischen „gezähmt“ ist, wie ich weiter hinten in der Zeitung lese) ein solch hartnäckiger Gegner zu sein scheint?

Linke Spinner
Corbyn beispielsweise gilt ja „nicht nur Konservativen als linker Spinner“ wie das Heute-Journal letzte Woche zu blöken wusste (hier, ab 9:50min) – den Beweis blieb es leider schuldig und zeigte eben nur einen Konservativen, der erwartungsgemäß erklärte, wie irre der Corbyn mit seiner „Alice im Wunderland“-Politik (Tony Blair) eigentlich sei.¹ Den Ton kennt man ja. Gegen welche „Realität“ wendet sich Corbyn also? Hält er die Schwerkraft für eine Verschwörung und will neue Naturgesetze erfinden? Will er Großbritannien zu einer Sowjetunion umgestalten, weil das so gut funktioniert hat? Nicht ganz. Er möchte u.a. die Austeritätspolitik beenden, offensichtlich gescheiterte Privatisierungen rückgängig machen sowie in die öffentliche Infrastruktur investieren und dafür mehr Steuern bei Vermögenden und Unternehmen eintreiben („Steuern hochjagen“ wie Josef Joffe es in seiner Stammtischkolumne weiter hinten im Blatt nennt).

Wer will schon widersprechen?
Wenn man Außenpolitik und basisdemokratische Ideen Corbyns außen vor lässt, über die man durchaus streiten könnte (z.B. NATO-Austritt) und sich auf die Wirtschaftspolitik konzentriert, die den größten Teil der Kritik auf sich zieht, so stellt sich heraus, dass der Labour-Vorsitzende Forderungen stellt, die man vor nicht allzu langer Zeit nicht als realitätsfern, sondern schlicht als sozialdemokratisch bezeichnet hätte. Im Leitartikel der ZEIT werden sie mit zwei Argumenten beiseite gewischt: Erstens gingen Corbyns Vorstellungen an der „Realität“ vorbei. Damit ist natürlich nur ein Status Quo gemeint, der gemeinhin als quasi-Naturgesetz angesehen wird, so dass Kritik daran nicht diskutiert werden muss, sondern leicht abgetan werden kann. In dem Punkt ist sogar die WELT schon weiter (und ‚linker‘) als die ZEIT und konzediert, dass Corbyns Forderungen angesichts der britischen Verhältnisse zumindest diskussionswürdig seien. Diese Forderungen sind aber, zweitens, laut ZEIT alt und alt bedeutet natürlich schlecht. Das war’s.

Schon vor einigen Tagen konnte man in der ZEIT lesen, wie gefährlich Corbyns wirtschaftspolitische Ideen seien. Dabei fragte man natürlich keine Wissenschaftler, sondern ließ einen Arbeitgebervertreter zu Wort kommen, der Corbyns Pläne für „abstrus“ hält, dafür aber die gängigen Rezepte von Corbyns innerparteilichen Kokurrenten für „vertrauenswürdige Politik“. Für  ihn klänge das „nach Mitte, nach Wachstum.“ „Wer sollte dieser Idee widersprechen?“, fragt der Artikel treuherzig. Ja, wer eigentlich? Vielleicht 41 britische Wirtschaftswissenschaftler, die Corbyns Ideen offenbar ziemlich vernünftig finden wie ich der linken Kampfpresse entnehme?

Wer macht eigentlich Meinung?
Überhaupt, diese Wissenschaftler. Da wundert sich Pham in ihrem Leitartikel, dass die ganze Debatte um die Austeritätspolitik so abgekühlt sei. Bis vor kurzem hätte sich noch ein Nobelpreisträger nach dem anderen (gemeint sind wahrscheinlich genau zwei, nämlich Krugman und Stiglitz) in die europäische Wirtschaftspolitik eingemischt (und vor allem Deutschlands Rolle heftig kritisiert), aber jetzt sei ja alles so ruhig. Das könnte natürlich daran liegen, dass Wissenschaftler nicht mehr tun können, als ihre Meinung immer wieder in Interviews oder Zeitungsartikeln zum Besten zu geben. Inwiefern ihre Meinung zu einer breiten Diskussion in den Medien (v.a. denen anderer Länder) führt, können sie nicht bestimmen. Wenn also einflussreiche Blätter wie, sagen wir mal die ZEIT, eine grundsätzliche Diskussion über Wirtschafts- und Finanzpolitik gerne in vereinzelten Feuilleton- oder Gastartikeln verstecken und in den Leitartikeln lieber fröhlich am Mythos realitätsferner Linker mit ihrer Hippie-Wirtschaftspolitik stricken, wenn sie sich nicht nachdrücklich damit befassen, warum deren Ideen eigentlich so populär sind und lieber Kindergarten-Erklärungen liefern à la „Die Menschen wollen an Versprechen glauben, die utopisch sind.“ – dann ist das kein Problem der Kritiker, die sich zu wenig Gehör verschaffen. Es ist eines der Medien, die nicht zuhören und nötige Debatten anstoßen.

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¹ Zum Ausgleich – wir sind ja schließlich beim Heute-Journal – darf nach dem Tory in Anzug und Krawatte (Typ seriöser Politiker) eine junge Demonstrantin (Typ unseriöser Hippie) mit deutlich weniger Eloquenz erklären, warum sie Corbyn gut findet.

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