Austerität schlürfen mit Joffe

Huhu Joffe, lange nichts gehört von Ihnen. Anscheinend war der Herausgeber der ZEIT im Urlaub und landete als überzeugter Europäer in Portugal. Welche Erkenntnisse er wohl mitgebracht hat? Muscheln und Fisch sind teuer da unten, aber dem Land geht es immer besser, weil es so brav alle Sparauflagen der Troika durchgesetzt hat – anders als dieses aufsässige Griechenland.

Und woran erkennt Joffe das? Portugals Exporte wachsen momentan schneller als die Griechenlands (was auch immer der Vergleich soll) und das Land habe mehr getan, „um den Staatssektor zu verkleinern, die Arbeitsgesetze aufzulockern und Wettbewerbsbarrieren abzusenken.“ Deshalb stehe Portugal jetzt im Weltbank-Ranking der Unternehmerfreundlichkeit auf einem ganz tollen Platz. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Wiederholen, bis es stimmt

Weitere Argumente? „Portugals Arbeitslosigkeit fällt (von 17% auf 14 %) und: „Nach drei Jahren Minuswachstum registriert Portugal ein Plus von fast einem Prozent.“ Sagenhaft. Das war’s dann aber schon. Und das ist auch die Kurzversion der Schönfärberei, die der deutsche Pressekonsument tagtäglich aufs Auge gedrückt bekommt: Spanien, Irland, Portugal? Alles gut da, die haben ja gespart und reformiert. Wir wiederholen das solange, bis es stimmt!

Weil’s so schön was, zitiere ich nochmal die Le Monde Diplomatique vom Mai diesen Jahres: „Der Wirtschaftswissenschaftler Ricardo Paes Mamede ist da anderer Meinung: ‚Innerhalb weniger Jahre ist unser Land stark in Rückstand geraten. Unser Bruttoinlandsprodukt ist auf das Niveau von vor zehn Jahren gefallen. Die Beschäftigung ist heute auf dem Stand von vor zwanzig Jahren. Und was die Investitionen betrifft, die das Fundament für zukünftiges Wachstum bilden, wurden wir um dreißig Jahre zurückgeworfen.‘ Das zeigt sich auch in der aktuellen Emigrationswelle, die Paes Mamede mit der vor vier, fünf Jahrzehnten vergleicht, als in Portugal noch die Salazar-Diktatur (1933 bis 1974) herrschte.“

I smell something fishy, here

Da bringt ein Wachstum von einem Prozent (bzw. doch eher 0,4%) nicht ganz so viel. Die niedrigere Arbeitslosenquote ist natürlich erfreulich, liegt aber immer noch viel zu hoch (Jugendarbeitslosigkeit übrigens: 35%). Außerdem sinkt sie praktischerweise durch die Auswanderung. Das weiß man auch in Irland und in Spanien mogelt man anscheinend schon kräftig bei den Auswanderungsdaten, damit die Statistik nicht ganz so schlechte Laune verbreitet.

Portugals Verschuldungsquote liegt bei ziemlich üblen 131% (Bronze-Medaille hinter Griechenland und Italien) und die sinkt auch nicht, egal wie viel die Regierung Coelho kürzt. 2012 lag laut Le Monde Diplomatique der Anteil der Arbeitnehmer, die den mickrigen Mindestlohn von 3 Euro beziehen bei 15%. Für teuren Fisch reicht das natürlich nicht. Im selben Jahr konnte man im Standard lesen, dass es in Portugal zwei Millionen prekär Beschäftigte gebe – bei ingesamt fünf Millionen Arbeitnehmern. Klingt nicht ganz so gut.

Wie zitiert Joffe abschließend Portugals Premier? „Hätte sein Land die Reformauflagen verweigert, wäre Portugal dort gelandet, wo Griechenland noch immer steht: kurz vor Bankrott und Euro-Exit.“ Jetzt feiert sein Land frenetisch den stärksten Rückgang der Arbeitskosten (also der Löhne) in der EU und wer sich das halbe Pfund Muscheln für 17,50€ noch leisten kann, feiert mit.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s