#streichelnstattstreiten

Zu #merkelstreichelt schreiben sich ja momentan alle die Finger wund und weil Kuno auch ein Herdentier ist, macht er mit. Kurz zusammengefasst: Angela Merkel sprach ganz volksnah mit Schülern, die erzählen dieses und jenes, aber dann wird’s etwas zu volksnah, weil eine Schülerin (Reem heißt sie) mit palästinensischen Wurzeln (in perfektem Deutsch) davon erzählt, dass ihre Zukunftsplanung (Studium und so) eigentlich ziemlich für den Arsch ist, weil ihre Familie abgeschoben werden soll.

Na ja, Einzelfall halt und man könne ja nicht alle (v.a. „alle aus Afrika“) reinlassen etc. pp. Merkel schafft es beinahe, das novellierte Asylrecht zu verteidigen und routiniert wegzumoderieren dass „das Bleiberecht für ‚gut integrierte und rechtstreue Ausländer‘, das Bundesinnenminister Thomas de Maizière verspricht, der gut integrierten und gesetzestreuen Reem offensichtlich nicht nützt“ – aber dann fängt der Einzelfall an zu weinen.

Quelle: cdu.de
Quelle: cdu.de

Ob Merkels Versuch, das Mädchen zu trösten und dabei zu streicheln PR-Kalkül oder authentische Empathie ist, kann ja jeder selbst entscheiden. Was sie dabei sagt, ist zumindest unglücklich: „… weil du ganz toll dargestellt hast – für viele, viele andere – in welche Situation man kommen kann. Ja?“ Okay, was soll sie auch sagen?

#merkelstreicheltkeinesachsen

Ich würde ja gerne mal Merkel (oder Schäuble) im selben Format mit einer griechischen Schulklasse erleben (#schäublestreichelt, das wär’s). Oder im Gespräch mit deutschen Bürgern, die ihnen von der Realität in unserer schönen Jobwunder-Arbeitswelt erzählen. Letzteres ist im Bundestagswahlkampf 2013 passiert, aber natürlich nicht „viral gegangen“, weil der Betroffene kein hübsches, junges Mädchen ist, sondern ein ganz normaler Malocher. Außerdem ist er Sachse und weint auch nicht (vielleicht, weil er ahnt, dass er sonst getreichelt wird).

Auch damals geriet Merkel etwas aus dem Konzept, als sie erfuhr, dass ThyssenKrupp den Mann zehn Jahre ununterbrochen in Leiharbeit beschäftigte und in seinem Betrieb auf 500 Leiharbeiter etwa 30-40 regulär Beschäftigte kamen. Die Kanzlerin schien ernsthaft überrascht zu sein und versprach sogar, sie wolle sich den „sehr krassen Fall […] schon noch mal gerne angucken“. Ich bin mir sicher, dass unter den Millionen atypisch Beschäftigter in Deutschland der eine oder andere noch krassere Fälle hätte schildern können, aber man will Merkel ja auch nicht überfordern.

#streichelnstattstreiten

Nach beiden Erlebnissen hat die Kanzlerin sich später von den Einzelfällen abgrenzen und schlicht und ergreifend vergessen müssen, dass die deutsche Politik nicht nur für einzelne, sondern eben auch für „viele, viele andere“ eher unbefriedigende Ergebnisse hat. Das scheint ganz gut geklappt zu haben, jedenfalls kanzlert sie ja tapfer weiter.

Bevor man jetzt der Person Merkel Vorwürfe macht, sollte man sich aber lieber überlegen, was es eigentlich über unsere Politik im Allgemeinen aussagt, wenn solche Einzelfälle – die ja in Wirklichkeit Ausprägungen von Massenphänomenen sind – so gar nicht mit den politischen Wahrheiten zusammenpassen wollen, die man täglich in der Zeitung liest und an die Merkel und andere auch fest zu glauben scheinen. Wird da nicht auch des Öfteren statt einer wirklichen Auseinandersetzung mit sogenannten Sachzwängen und Einzelschicksalen nur ein lauwarmes Streicheln angeboten?

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