Guten Tag, ich bin Deutscher, wir kriegen das schon hin

Ich schreibe ja öfter über die ZEIT. „Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen…“ – nein, ich tue das, weil die ZEIT eines der einflussreichsten deutschen Medien ist und ich es eigenartig, aber leider symptomatisch, finde, was sich in diesem Flaggschiff des deutschen Journalismus so tut. Zugegeben, die ZEIT ist pluralistisch genug, verschiedene Meinungen zuzulassen, aber die von der Blattlinie abweichende Sicht findet sich dann doch meist als Gastartikel hinten im Feuilleton, während Politikteil und vor allem Leitartikel eher einseitig ausfallen. Den aktuellen Leitartikel findet man passenderweise auch auf ZEIT-online, die beiden Gegenpositionen aus dem Feuilleton (noch) nicht. Also, wer wissen möchte, wie in diesem Artikel stellvertretend für so viele andere bewusst oder unbewusst manipuliert wird, der folge mir in meiner kleinen Textexegese. Zur Entspannung erst ein Bild, aber dann kommen ziemlich viele Buchstaben. Sorry, aber es lohnt sich.

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Lassen Sie mich durch, ich bin Deutscher

„Am liebsten würde man [zu den Griechen] hingehen und sagen: Guten Tag, ich bin Deutscher, wir kriegen das schon hin.“ Klingt ja erst mal aufmunternd. Weiter heißt es: „Rührend und historisch beispiellos ist aber auch die kühle Fürsorge, mit der sich achtzehn andere Staaten der EU seit fünf Jahren immer wieder und seit fünf Monaten unentwegt mit dem Schicksal der elf Millionen Griechen befassen.“ Das wirkt jetzt schon deutlich paternalistischer, oder? Schließlich: Merkel, die „zu Beginn der Krise wohl einige Vorurteile hegte“ (dank NSA und Wikileaks wissen wir, dass Merkel keine Vorurteile, sondern schlicht keine Ahnung hatte) sei nun so drin in der Materie, dass „sie in Athen jederzeit mitregieren könnte.“ Ulrich ist natürlich intelligent genug, sich nicht offen zu wünschen, dass Mutti in Athen aufräumt, aber seine Folgerung ist auch nicht ganz ohne. Für ihn ist durch Fürsorge und Merkel-Kompetenz bewiesen: „Enger, intensiver, ja solidarischer kann Europa kaum sein.“ Kurz: „Guten Tag, ich bin Deutscher, wir kriegen das schon hin“, klingt dann doch eher nach jovialer Herablassung als nach Solidaritätsbekundung, aber vielleicht bin ich auch zu misstrauisch.

Such den Ideologen!

Danach wird Ulrich richtig sauer und ärgert sich über das Gerede von Versagen und Scheitern der EU sowie die Tatsache, dass Griechenland jetzt als ideologischer Exerzierplatz für linke und rechte Wirtschaftspolitik missbraucht werde. Mit bestechender Logik zählt Ulrich dann auch den ehemaligen griechischen Finanzminister Varoufakis zu den „ideologische[n] Kolonialisten“, die Griechenland instrumentalisierten. Unmittelbar danach das Zwischenfazit: „Am Ende war die Diskussion von Ideologie vergiftet und von Untergangsängsten verpestet.“ Schuld sind diejenigen, die sich grundsätzliche ökonomische Gedanken machen. Leider fällt Ulrich nur ein Name ein und diesen nennt er unmittelbar davor. Wer hat also „vergiftet“ und „verpestet“? Der Ideologe Varoufakis, natürlich. Denn die andere Seite handelt streng unideologisch, weil sie sich ausschließlich an völlig unverrückbare Sachzwänge hält. Im Feuilleton derselben ZEIT-Ausgabe erklärt der Soziologe Prof. Claus Offe, man könne die „Arznei“ für Griechenland als Mischung aus Penizillin und Rattengift bezeichnen und die Mehrheit der Ökonomen ginge davon aus, dass der Anteil an Rattengift überwiege. Das Festhalten an Forderungen (Austerität, keine Schuldenumstrukturierung), die nicht nur Ökonomen¹, sondern inzwischen sogar der IWF als falsch erkennen, kommt mir irgendwie auch ideologisch vor, aber vielleicht bin ich da auch zu kritisch.

Wer vorankommen will, baut einfach den Rückspiegel aus

Beim Stichwort „Untergangsängste“ könnte der Artikel zumindest kurz auf die katastrophale Situation in Griechenland zu sprechen kommen (das übernimmt ein weiterer Gastartikel im Feuilleton), aber dem Leitartikel geht es natürlich um das große Ganze, um Europa. Ulrich empfiehlt, sich doch ein Beispiel an den USA zu nehmen. Die hätten zwar „unfassbares Chaos“ angerichtet, trotzdem heiße es dort: „auf zu neuen Taten – ernüchtert, aber keineswegs zerknirscht. Man mag das unsympathisch finden, politisch aber ist es außerordentlich gesund.“ Wenn ein Land aus vergangenen Fehlern nicht lernt, sollte man das statt „unsympathisch“ doch eher katastrophal nennen und eine unbeschwerte Oops-I-did-it-again-Haltung taugt auch nur als Vorbild für politische Hygiene, solange man die Auswirkungen der vergangenen Fehler konsequent ignoriert. Aber ich bin wieder zu negativ, Ulrich will ja nur, dass man optimistisch bleibt. Wie war das nochmal? Ach, ja: „Guten Tag, ich bin Deutscher, wir kriegen das schon hin.“

Griechenland ist ein Problem, sonst ist alles okay

Jetzt klingt zum ersten Mal an, was man in den Medien so gerne schreibt: Die EU habe die Krise „leidlich in den Griff“ bekommen, nur in Griechenland habe es noch nicht geklappt. Dazu gleich mehr. Erstmal das: „Die neuen Aggressoren heißen Russland, Finanzmärkte, Islamismus, und die neue menschlich-politische Jahrhundertaufgabe heißt: Flüchtlinge. Die historischen Ansprüche, vor die sich die EU nun gestellt sieht, erfordern nicht zuerst – wie man das gewohnt war – eine immer tiefere, sondern eine immer robustere Union.“ Robustheit, nicht Tiefe, ist also das Gebot der Stunde, um (notfalls militärisch) gegen Schlepper oder andere gemeinsame Feinde vorgehen zu können. Claus Offe weist im Interview hinten im Feuilleton zurecht auf strukturelle Probleme hin; es mangele Europa an Tiefe z.B. im Sinne demokratischer Legitimation, wenn das EU-Parlament schlicht und ergreifend nichts zu sagen hat (keine Budgethoheit; keine Möglichkeit, die Exekutive abzuwählen etc.).

Gut gelaufen, oder?

So, und jetzt hau es raus, Bernd. Was ist los mit all den Jammerlappen in der EU? „Die Fixierung auf Finalität bedeutet auch, dass man jetzt nicht gelassen sagen kann: Spanien, Portugal, Irland und Italien sind doch gut gelaufen, nun kümmern wir uns um das schwierige Sonderproblem der Griechen.“ Die Lieblingsgeschichte der deutschen Medien: Alles gut in Spanien, Portugal, Irland und Italien. Warum? Na, weil die brav gespart haben! So wie wir. Wenn man will, kann man auch bei ZEIT-online grundsätzlich Kritisches zu diesen Ländern und zu Europa lesen, die fehlenden Zahlen findet man auch, wenn man will. Hier nur das Beispiel der Arbeitslosenquoten: Spanien 24%, Portugal 14%, Irland 11%, Italien 13%. Jugendarbeitslosigkeit: Spanien 54%, Portugal 35%, Irland 22%, Italien 44%. Nochmal Ulrich, bitte: „Spanien, Portugal, Irland und Italien sind doch gut gelaufen“.

Schuld ist man immer nur selbst

Zum Schluss folgt noch das unvermeidliche Ur-Credo aller Liberalen: Verantwortlich ist man immer selbst. Im Falle Griechenlands heißt das: „Ein traditionell dysfunktionales System ist durch den erschummelten Euro-Beitritt ungesund liquide geworden und hat mit dem billigen Geld genau dieses System gemästet – so lange, bis nichts mehr ging.“ Das ist nicht ganz falsch, aber leider auch nicht ganz richtig und so ist „die Verführung gewaltig, ja unwiderstehlich, Dritte für die eigene Lage verantwortlich zu machen.“ So ist es. Zum Beispiel wussten seinerzeit alle Entscheider um die frisierten Bilanzen Griechenlands und nickten den Euro-Beitritt trotzdem ab. Bei Offe im Feuilleton liest man außerdem davon, wie Ökonomen von links bis rechts (Krugman bis Friedman) damals ganz prinzipiell vor der Einführung des Euro in einer so heterogenen Wirtschaftszone wie der EU gewarnt hätten – man könnte also auch den Euro als „traditionell dysfunktionales System“ bezeichnen. Weiter erscheint die Rolle anderer EU-Staaten, die Ulrich gar nicht erst thematisiert, bei Offe fragwürdig, weil etwa Deutschland (oder zumindest die deutsche Exportwirtschaft) massiv von Austeritätspolitik und Euro-Einführung profitiert hätte. Und im Falle Deutschlands zeige sich, dass Macht bedeute, nicht lernen zu müssen, so Offe.

Lernen verboten!

Wer aber versucht zu lernen und grundsätzliche politische, wirtschaftliche und soziale Fragen aufzuwerfen, der instrumentalisiert laut Ulrichs Leitartikel „Hellas […] für all die Ziele, die man immer schon hatte, daheim bloß nicht durchsetzen konnte.“ Denn außer in Griechenland läuft ja alles in Europa und wir haben keine Zeit uns mit Hirngespinsten um verfehlte politische Strukturen und wirtschaftliche Programmatiken zu beschäftigen, weil die Reihen der Europäischen Union fest geschlossen sein müssen, um die nötige Robustheit gegen äußere Feinde aufzuweisen.

Politisches Kunstwerk

Mich irritiert ganz einfach die Tendenz, dass selbst einigermaßen pluralistische Medien wie die ZEIT abweichende Ansichten deutlich weniger prominent platzieren und gerne Gastautoren oder Interviewpartnern überlassen, während die Silberrücken und Meinungsmacher der großen Medien immer die gleiche Litanei herunterbeten und manche Verdrehungen wahrscheinlich schon selbst gar nicht mehr bemerken. Dissens zum Wohle größerer Geschlossenheit und Robustheit im Angesicht der „neuen Aggressoren“ nicht einfach nur abzulehnen, sondern als prinzipiell überflüssig zu disqualifizieren, halte ich für eine ziemlich besorgniserregende Einstellung. Wenn die EU und allen voran Deutschland es schaffen, Fehlentwicklungen zu erkennen, zu diskutieren und am Ende vielleicht sogar zu korrigieren – das, ZEIT, „wäre das größte politische Kunstwerk dieses jungen Jahrhunderts.“ Und eben nicht, wenn es irgendwie gelingt, „Griechenland im Euro zu halten, ohne den Euro aufzuweichen“.

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¹ Man beachte auch diesen offenen Brief nicht ganz unprominenter Ökonomen an Kanzlerin Merkel.

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