Monthly Archives: July 2015

Austerität schlürfen mit Joffe

Huhu Joffe, lange nichts gehört von Ihnen. Anscheinend war der Herausgeber der ZEIT im Urlaub und landete als überzeugter Europäer in Portugal. Welche Erkenntnisse er wohl mitgebracht hat? Muscheln und Fisch sind teuer da unten, aber dem Land geht es immer besser, weil es so brav alle Sparauflagen der Troika durchgesetzt hat – anders als dieses aufsässige Griechenland.

Und woran erkennt Joffe das? Portugals Exporte wachsen momentan schneller als die Griechenlands (was auch immer der Vergleich soll) und das Land habe mehr getan, „um den Staatssektor zu verkleinern, die Arbeitsgesetze aufzulockern und Wettbewerbsbarrieren abzusenken.“ Deshalb stehe Portugal jetzt im Weltbank-Ranking der Unternehmerfreundlichkeit auf einem ganz tollen Platz. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Wiederholen, bis es stimmt

Weitere Argumente? „Portugals Arbeitslosigkeit fällt (von 17% auf 14 %) und: „Nach drei Jahren Minuswachstum registriert Portugal ein Plus von fast einem Prozent.“ Sagenhaft. Das war’s dann aber schon. Und das ist auch die Kurzversion der Schönfärberei, die der deutsche Pressekonsument tagtäglich aufs Auge gedrückt bekommt: Spanien, Irland, Portugal? Alles gut da, die haben ja gespart und reformiert. Wir wiederholen das solange, bis es stimmt! Continue reading Austerität schlürfen mit Joffe

Assessment-Center Mittelmeer

Die deutsche Regierungschefin hat ja inzwischen klargestellt, wie das mit der Politik im Allgemeinen und dem Asylrecht im Besonderen so funktioniert. Wer Pech hat, hat halt Pech gehabt. Die Politik kann da leider auch nichts machen, weil sie ja das große Ganze im Blick behalten muss und sich nicht um ein paar Millionen Einzelfälle kümmern kann.

Fehlt noch das deutsche Staatsoberhaupt. Der Bundespräsident hat seine Sicht auf die Flüchtlingsproblematik bereits im April auf Malta in die Fernsehkameras gehustet: „Das stellt uns dann die Frage: Wollen wir die alle zurückschicken oder brauchen wir nicht einen Teil dieser, äh, Menschen, die eine ganz große Energie haben? Sonst hätten sie’s nicht bis hierher geschafft. Brauchen wir die nicht trotzdem? Obwohl sie nicht, äh, nach unserem Grundgesetz asylberechtigt sind? So. Und ich glaube, viele brauchen wir.“

Gaucks Darstellung wirkt ja erst mal pragmatisch und human, aber dann fragt man sich doch, was er eigentlich sagen will: Soll für Menschen, die wir brauchen (dreimal „brauchen“, damit hat er’s irgendwie) das Asylrecht anders ausgelegt werden? Seltsame Rechtsauffassung. Und was ist denn mit den, „äh, Menschen“, die nicht „eine ganz große Energie“ (oder Geld oder Glück) haben und es nicht „bis hierher“ schaffen, sondern auf dem Weg verrecken?

Die Antwort flickt sich der Tagesthemen-Zuschauer per Implikatur zusammen: Loser brauchen wir schlicht und ergreifend nicht und die EU-Außengrenze ist eine Art ausgelagertes Assessment-Center, in dem die Einzelfälle schon mal für den europäischen Arbeitsmarkt vorsortiert werden. Bleibt noch eine lahme rhetorische Frage: Kann man den Bundespräsidenten anders verstehen? Und eine wirkliche: Warum widerspricht ihm niemand? Wahrscheinlich, weil Gauck nichts anderes propagiert als ein Einwanderungsgesetz mit Punktesystem, das die Kandidaten nach Nützlichkeit für den Arbeitsmarkt filtert. Und genau ein solches Gesetz zeichnet sich in Deutschland inzwischen auch ab.

#streichelnstattstreiten

Zu #merkelstreichelt schreiben sich ja momentan alle die Finger wund und weil Kuno auch ein Herdentier ist, macht er mit. Kurz zusammengefasst: Angela Merkel sprach ganz volksnah mit Schülern, die erzählen dieses und jenes, aber dann wird’s etwas zu volksnah, weil eine Schülerin (Reem heißt sie) mit palästinensischen Wurzeln (in perfektem Deutsch) davon erzählt, dass ihre Zukunftsplanung (Studium und so) eigentlich ziemlich für den Arsch ist, weil ihre Familie abgeschoben werden soll.

Na ja, Einzelfall halt und man könne ja nicht alle (v.a. „alle aus Afrika“) reinlassen etc. pp. Merkel schafft es beinahe, das novellierte Asylrecht zu verteidigen und routiniert wegzumoderieren dass „das Bleiberecht für ‚gut integrierte und rechtstreue Ausländer‘, das Bundesinnenminister Thomas de Maizière verspricht, der gut integrierten und gesetzestreuen Reem offensichtlich nicht nützt“ – aber dann fängt der Einzelfall an zu weinen.

Quelle: cdu.de
Quelle: cdu.de

Ob Merkels Versuch, das Mädchen zu trösten und dabei zu streicheln PR-Kalkül oder authentische Empathie ist, kann ja jeder selbst entscheiden. Was sie dabei sagt, ist zumindest unglücklich: „… weil du ganz toll dargestellt hast – für viele, viele andere – in welche Situation man kommen kann. Ja?“ Okay, was soll sie auch sagen? Continue reading #streichelnstattstreiten

Warum mag uns bloß keiner?

Die deutsche Regierung drückt Griechenland ein ökonomisch völlig irrsinniges Programm aufs Auge und nimmt die Demokratie in den Schwitzkasten, deutsche Politker und Zeitungen pöbeln seit Monaten in einem Ton, wie man ihn seit ’45 in Deutschland nicht mehr erleben musste – und dann wird gejammert und gemeckert, dass uns keiner mag und alle #ThisIsACoup twittern. Wo wir doch so sympathisch sind! Und unser Sinn für Humor erst! Hallo?
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Nachdem die Europäische Union unter deutscher Federführung am 13. Juli 2015 endgültig alle Ideale beerdigt hat, für die sie vielleicht einmal stand, geht genau das Spielchen los, das ich gestern schon befürchtet habe. Es gibt einige sehr kritische Stimmen in Politik und Medien, aber so langsam wird schon wieder zur Tagesordnung übergegangen und neben den üblichen Widerwärtigkeiten geht auch die subtile Schönfarberei munter weiter wie gewohnt. Beispiele gefällig? Continue reading Warum mag uns bloß keiner?

Isch over?

So, Griechenland-Krise vom Tisch und Deutschland feiert nach Export- und Fußballweltmeisterschaft nun auch den Sieg über die gierigen Griechen. Ergebnis: Eins zu minus eine Fantastilliarde (im Elfmeterschießen). Sind aber auch Luschen.

Nur, wie schrieb sogar SPIEGEL-Online gestern erstaunt zu den Forderungen der europäischen Finanzminister? „[D]as Papier liest sich, als wollten sie eine Einigung um jeden Preis verhindern.“ Ja, da schau her! Beim britischen Guardian nennt man das Kind beim Namen und bezeichnet die Euro-Zone unverblümt als „a loan-sharking conglomerate that cares nothing for democracy“. Aber Kredithaie sind natürlich nur pragmatisch und keine verblendeten Ideologen – das sind immer die Griechen, wir erinnern uns. Echte Pragmatiker wie Wolle Schäuble hingegen erreichen ihre Ziele und wer trifft, hat Recht. Continue reading Isch over?

Guten Tag, ich bin Deutscher, wir kriegen das schon hin

Ich schreibe ja öfter über die ZEIT. „Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen…“ – nein, ich tue das, weil die ZEIT eines der einflussreichsten deutschen Medien ist und ich es eigenartig, aber leider symptomatisch, finde, was sich in diesem Flaggschiff des deutschen Journalismus so tut. Zugegeben, die ZEIT ist pluralistisch genug, verschiedene Meinungen zuzulassen, aber die von der Blattlinie abweichende Sicht findet sich dann doch meist als Gastartikel hinten im Feuilleton, während Politikteil und vor allem Leitartikel eher einseitig ausfallen. Den aktuellen Leitartikel findet man passenderweise auch auf ZEIT-online, die beiden Gegenpositionen aus dem Feuilleton (noch) nicht. Also, wer wissen möchte, wie in diesem Artikel stellvertretend für so viele andere bewusst oder unbewusst manipuliert wird, der folge mir in meiner kleinen Textexegese. Zur Entspannung erst ein Bild, aber dann kommen ziemlich viele Buchstaben. Sorry, aber es lohnt sich.

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Lassen Sie mich durch, ich bin Deutscher

„Am liebsten würde man [zu den Griechen] hingehen und sagen: Guten Tag, ich bin Deutscher, wir kriegen das schon hin.“ Klingt ja erst mal aufmunternd. Weiter heißt es: „Rührend und historisch beispiellos ist aber auch die kühle Fürsorge, mit der sich achtzehn andere Staaten der EU seit fünf Jahren immer wieder und seit fünf Monaten unentwegt mit dem Schicksal der elf Millionen Griechen befassen.“ Das wirkt jetzt schon deutlich paternalistischer, oder? Schließlich: Merkel, die „zu Beginn der Krise wohl einige Vorurteile hegte“ (dank NSA und Wikileaks wissen wir, dass Merkel keine Vorurteile, sondern schlicht keine Ahnung hatte) sei nun so drin in der Materie, dass „sie in Athen jederzeit mitregieren könnte.“ Ulrich ist natürlich intelligent genug, sich nicht offen zu wünschen, dass Mutti in Athen aufräumt, aber seine Folgerung ist auch nicht ganz ohne. Für ihn ist durch Fürsorge und Merkel-Kompetenz bewiesen: „Enger, intensiver, ja solidarischer kann Europa kaum sein.“ Kurz: „Guten Tag, ich bin Deutscher, wir kriegen das schon hin“, klingt dann doch eher nach jovialer Herablassung als nach Solidaritätsbekundung, aber vielleicht bin ich auch zu misstrauisch.
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So ein Otto! Voll der Lappen!

Nachtrag, 6. Januar 2015: Kuno ist hier leider einem Aprilscherz aufgesessen und trägt schwer an dem Bären, den der WDR ihm aufgebunden hat (vgl. Kommentar unten).

„Heute brauchen wir die Eiserne Kanzlerin“ titelte die BILD-Zeitung gestern.

Quelle: Bildblog
Quelle: Bildblog

Inhalt: geschenkt. Referenz: interessant. Ich frage mich, wie lange es dauert, bis der Bismarck-Groupie an sich folgende Anekdote mitbekommen hat (historisch-dramatische Guido-Knopp-Musik setzt ein).

Der Bismarck-Otto lieferte sich am 1. April des Jahres 1860 ein Duell mit dem späteren SPD-Gründer Ferdinand Lasalle. Hergang: Duell mit Pistolen auf 20 Schritt, Bismarck schießt zuerst und verfehlt. Bevor Lasalle schießen kann, geht dem Landjunker der Arsch auf Grundeis und er verschwindet elegant im Gebüsch. Nach dem damaligen Ehrbegriff wäre Bismarcks Karriere damit lange vor seiner „eisernen“ Kanzlerschaft beendet gewesen (Knopp: epic fail). Aber der Fuchs ließ die Polizeiakten zum Duell verschwinden und Lasalle wiederum begnügte sich damit, seinem Intimfeind ganz lässig jedes Jahr einen Waschlappen zur Erinnerung zu schicken. So hat über 150 Jahre lang keiner was davon mitbekommen (steht auch nix bei Wikipedia) und die Deutschen konnten fleißig am Mythos Bismarck stricken, der bis heute als Inbegriff des schneidigen Preußen mit Potenz-Pickelhaube gelten dürfte.

Also BILD, die richtige Schlagzeile hätte gelautet: „Heute brauchen wir die Lappen-Kanzlerin“.