Hybris, Karthasis, aus is’

So verläuft die klassische griechische Tragödie nach Uli Keuler, den wahrscheinlich keiner kennt, aber das ist mir egal. „Aus is’“ bzw. „game over“ soll ja auch Donald Tusk ganz charmant in Richtung Alexis Tsipras gesagt haben. Die griechische Regierung lehnte ein „außerordentlich großzügiges Angebot“ (Merkel) nach dem anderen ab, Juncker fühlt sich sogar „ein bisschen verraten“, Tsipras hingegen „[entlarvt] sich als Feigling“ (WELT-online) und stiehlt sich mit einem Referendum, das dazu dient, „die restliche Eurozone quasi zu erpressen“ (ZEIT-online), aus den Verhandlungen und seiner Verantwortung.

Vor gut einem Monat, als Schäuble einen uralten Vorschlag der griechischen Regierung aufgriff, fand die WELT das übrigens noch ganz okay:
WELT-online_2015-05-15

Aber wir wollen uns ja nicht mit Peitetessen aufhalten oder so tun, als finde bei der WELT so etwas wie Journalismus statt.

Hybrisantrieb

Die mediale Inszenierung der griechischen Katastrophe, der wir beiwohnen dürfen, hat leider auch seltsam burleske Aspekte, wie etwa die Auftritte Schulz’ und Gabriels, die im ZDF unwidersprochen weiterverbreiten, was alle so gerne glauben: Man sei den Griechen doch so sehr entgegengekommen und verstehe einfach nicht, wie die sich derartig verhalten könnten. Gabriel zumindest wird heute auf SZ-online Lügen gestraft und aus dem Märchen vom Entgegenkommen der Institutionen und der griechischen Sturheit dürfte umgekehrt ein Schuh werden, wofür man schon etwas mehr stöbern muss. Hier kann man sich anschauen, wie das letzte, „großzügige“ Entgegenkommen der Institutionen genau aussah. Es gab schlicht und ergreifend keins.¹

Die Institutionen beharrten und beharren u.a. auf Kürzungen im sozialen Bereich, Erhöhungen der Mehrwertsteuer und unumkehrbaren Privatisierungen wie z.B. dem Verkauf griechischer Regionalflughäfen an die Fraport AG (geschmackvollerweise ein deutsches Staatsunternehmen). IWF, EZB und EU-Kommission, die keinerlei (im Fall der Kommission nur eine zweifelhafte) demokratische Legitimation besitzen, diktieren also nach wie vor dieselben Bedingungen, die seit Beginn der „Reformen“ die griechische Wirtschaft um ein Drittel haben schrumpfen lassen. „Auf diese Kürzungen kann sich Tsipras nicht einlassen, wenn er sein Land nicht ruinieren will.“ Und, könnte man ergänzen, wenn er tatsächlich vorhat, seine Wahlversprechen auch nur halbwegs ernst zu nehmen, was natürlich völlig durchgeknallt klingt.

Gerade eben mischen sich Deutschland und EU nach der Wahl in Griechenland schon wieder ein und beschwören die Griechen (mit erpresserischem Unterton), sich mit einem „Ja“ im anstehenden Referendum doch bitte endgültig von ihrer Souveränität zu verabschieden und es sich im Elend behaglich einzurichten. Dafür dürften sie dann halt den Euro behalten.

Herdentrieb

Vor allem wiederholen sich in den Medien immer wieder zwei fragwürdige Narrative. Erstens: Die griechische Regierung ist schuld, weil sie zu stur war, während die Gegenseite sich doch so kompromissbereit zeigte. Zweitens: Die Erfolgsgeschichte der vermeintlichen Musterländer Irland, Spanien und Portugal, die, wie man hierzulande gerne sagt „ihre Hausaufgaben“ gemacht haben bzw. sich „im Eiltempo reformiert“ (Le Figaro) und ihre „Lektion gelernt“ (NZZ) haben.² Das plappern alle einfach so lange nach, bis es stimmt.

Und aus

Die Lektion, die alle lernen sollen, ist, dass die Austeritätspolitik alternativlos und erfolgreich ist. Das Gros der Journalisten hat seine Hausaufgaben gemacht und stimmt freudig ein, aber man wird und wird doch das Gefühl nicht los, dass die eine oder andere grundsätzliche Frage zu Europa, Marktwirtschaft und Demokratie in unseren Medien zwar überfällig ist, aber entweder gar nicht gestellt oder geräuscharm ins Feuilleton abgeschoben wird. Bei der FAZ hat man die Tränen schon wieder getrocknet und stellt achselzuckend fest, dass Griechenland „nicht mehr systemrelevant“ und „abgeschrieben“ sei. Also: Gute Nacht Griechenland, der Partybus zieht weiter und Ihr könnt ja der Afrikanischen Union beitreten.
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¹ In dem Dokument sieht man auch, dass sich die Differenzen auf ganze 0,4 Mrd. Euro im Jahr 2015 und 1 Mrd. Euro im Jahr 2016 summieren. Für die Vertreter der Institutionen sind das Peanuts, z.B. für Rentner mit wenig Geld kann es aber ein spürbarer Unterschied sein, ob ihre Krankenkassenbeiträge auf 5% oder 6% steigen.
² Zur Lage Portugals und Irlands kann man sich z.B. hier informieren. Ansonsten mal suchen, ist alles nicht schwer zu finden.

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