Wie die ZEIT Vertrauen schafft

„Wer vertraut uns noch?“ fragt die ZEIT in ihrer Serie „Wahrheit und Propaganda“ und Götz Hamann schreibt: „Viele wichtige Zeitungen und Sender haben in den letzten Jahren in Qualität investiert, trotz der Anzeigen- und Auflagenkrise. Es werden heute mehr investigative Reporter beschäftigt denn je, und viele Reportagen verbinden mittlerweile faktenreichen Journalismus mit einer wunderbaren Sprache. “

Es fällt etwas schwer, aber setzen wir halt einfach mal voraus, dass sich Investitionen in journalistische Qualität und deren Ergebnis anhand der Zahl investigativer Reporter messen lässt. Das Ergebnis der Qualitätsoffensive ist jedenfalls „mittlerweile faktenreiche[r] Journalismus mit einer wunderbaren Sprache“. Faktenreich sollte der Journalismus eigentlich auch schon vorher gewesen sein, aber wenn heute mehr Fakten im Artikel stecken – bitte schön. Objektiv überprüfen lässt sich das natürlich ebensowenig wie die „wunderbare Sprache“ (gehört „Codes of Ethics“ auch dazu?), die sich der Journalist von heute einfach selbst attestiert. Egal.

Dieses eine Argument reicht Hamann jedenfalls schon für die Schlussfolgerung: „Wer also den Journalismus pauschal schlechtredet oder nur noch Untergang sieht, der liegt falsch.“ Basta!

Wir haben Fehler gemacht, aber schuld sind andere

Erlaubt ist also nur Kritik an Details und bitte nicht zu viel davon. Mit den Fehlern hält sich der Artikel also nicht allzu lange auf. Erster Fehler: Der journalistische Umgang mit dem US-Einmarsch im Irak unter Bush junior, aber da lagen „vor allem amerikanische Medien“ falsch.¹ Die Amis waren schuld. Zweiter Fehler: Die Berichterstattung zur Finanzkrise und ihren Vorboten, aber damals hätten eben „die neoliberalen Stimmen dominiert[]“. Heutzutage schlafen ja Medien und Neoliberalismus bekanntlich in getrennten Betten und erstere „schärften ihren Blick für das Treiben von Banken, überdachten ihre politische Berichterstattung“. Blick geschärft, überdacht – von „geändert“ steht da übrigens nichts.² Der Fehler war dem Zeitgeist geschuldet, heute ist alles anders und damit ist alles wieder gut. Fazit: zwei Fehler, keine Schuld.

Skandalisierung: Schuld ist das Publikum

Es folgt ein Absatz über Skandalisierung und spekulative, voyeuristische Berichterstattung am Beispiel des Absturzes der Germanwingsmaschine im März 2015, in der auch die ZEIT sich nicht mit Ruhm bekleckert hat.

Hamann verteidigt seine Redaktion, die getan habe, „was man als Journalist gelernt hat“. „Ungeschehen machen konnte die ZEIT ihre Titelgeschichte nicht.“ Tja, dumm gelaufen halt, aber irgendwie hat man ja gar nichts falsch gemacht. Das wirklich Bemerkenswerte an diesem Absatz ist erstens, dass die Verantwortung für die Skandalisierung dem Publikum untergejubelt wird und zwar u.a. so: „Dass das Publikum von nun an genug hatte vom Skandal. Und, dass Journalisten wieder Erfolg damit hatten, sich zurückzuhalten.“ Wer sich nicht zurück hielt, hatte keinen Erfolg und daran ist natürlich das Publikum schuld, wer sonst?

Zweitens bedauert Hamann die Skandalisierung in den Medien und merkt nicht, dass sein Artikel leider keine glorreiche Ausnahme ist: Er sucht sich die widerwärtigsten und brutalsten Äußerungen zusammen, beginnt mit einer Botschaft, die „vom ‚Islamischen Staat‘ stammen“ könnte und vermeidet damit ganz bequem die sachliche Kritik, mit der die ja auch Medien konfrontiert werden und die weit, weit über die nicht mal halbherzig eingestandenen Einzelfallfehlerchen hinausgeht (Irak, Finanzkrise, Germanwings). Wie könnte man das nennen? Zum Beispiel Skandalisierung.

Satire löst Journalismus ab und schuld ist die Gesellschaft

Es folgt eine ellenlange Abrechnung mit der „Heute-Show“ und anderen mehr oder minder satirischen Formaten, die man so stehenlassen kann (den Teil mit der „Anstalt“ ausgenommen). Am Schluss nennt Hamann wieder Ross und Reiter, Trend und Schuldige: „Satire darf alles, klar, sie darf böse sein, einseitig, zynisch. Aber wenn sie vom Rand der Debatte in deren Mitte rückt, sagt das viel über die Gesellschaft.“ Richtig, aber es sagt auch (zumindest ein ganz klein wenig) über die Medien.

So, und wie lässt sich jetzt die Vertrauenskrise des Journalismus beilegen? Ganz einfach: Journalisten müssten nicht mehr skandalisieren, weil das ja sowieso geschehe und sollten eher „für Stabilität im öffentlichen Diskurs sorgen“. Im Gegenzug sollten Kritiker der „fünften Gewalt“ (also das Publikum) sich zu erkennen geben und nicht anonym rumpöbeln. Das ist tatsächlich alles. Die drei genannten Fehler, an denen man nie selbst Schuld hatte, sind hier sowieso schon vergessen, mögliche Kritik an der mehrfach erwähnten Ukraine-Berichterstattung oder sonst irgendeine inhaltliche oder sogar strukturelle Problematik gibt es nicht und die Kritik an den Medien stammt ausnahmslos von Spaßvögeln sowie anonymen Krawallmachern und ist entweder zu pauschal und/oder nicht ernst zu nehmen. Problem gelöst. Wenn der Rest der Artikelserie ähnlich selbstkritisch ausfällt, dürfte die Vertrauenskrise in Nullkommanix gemeistert sein.

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¹ Das Märchen der „chirurgischen“ Bombenangriffe fand sich übrigens auch schon im Irakkrieg Bush seniors und wurde seinerzeit nicht nur von US-Medien undifferenziert weiterverbreitet.

² Richtig unterhaltsam wird es, wenn man im selben Blatt das Interview mit dem Soziologieprofessor Brunkhorst liest: „Wer will von den Massenmedien und ‚kritischen Journalisten‘ anderes erwarten als Konformismus gegenüber den ökonomischen Eliten und Machtspiele gegen jene, die sie fallen lassen?“ Weiter heißt es zu Journalisten: „Freie Mitarbeiterinnen, die in den 1970er Jahren mit ihren Honoraren noch Familien ernähren konnten, versinken heute fast in Armut.“ An anderer Stelle wurde Brunkhorst noch deutlicher und sprach über die enormen Gehaltsunterschiede in den Massenmedien, eine zu große Nähe der „Alpha-Journalisten“ zu den Machteliten etc. pp. Kurz: „In den Medien muss sich fast alles ändern.“

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