Arm ist der Schwarz-Weiß-Fernseher

Erinnert sich noch jemand an den Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands? Hui, waren das damals Reaktionen auf den Bericht. Auf Platz zwei landete die FAZ mit ihrer berührenden Empathie für „die Sorgen und Nöte der wirklich Armen“ und der Warnung, dass ein inflationär benutzter Armutsbegriff sich selbst entwerte. Also lieber nicht drüber reden, denn dafür sei Armut „eine zu ernste Angelegenheit“. Die Redaktion hat wahrscheinlich Tränen gelacht.

Gefühlte Wahrheiten

Mein Favorit war aber dieser SZ-Artikel mit dem denkwürdigen Satz: „Die Zahlen des Paritätischen widersprechen jeder gefühlten Realität.“ Zugegebenermaßen ist Armut recht schwer zu messen und eine relative Armutsdefinition hat ihre Tücken, aber bei der SZ machte man es sich ähnlich einfach wie bei der FAZ: „Angenommen, alle Menschen in Deutschland würden auf einen Schlag 100 Mal so viel verdienen wie bisher. […] Noch immer läge die rechnerische Armutsquote bei 15,5 Prozent.“

Sicher. Aber mal angenommen, 15,5% der Journalisten wären unterbelichtet und plötzlich gäbe es ein kostenloses IQ-Upgrade mit dem Faktor Hundert, dann wären 15,5,% im Vergleich mit den anderen immer noch unterbelichtet. Passiert ist beides bisher nicht.

Die Zahlen des Paritätischen waren zwar nicht besonders weit von den Zahlen des Statistischen Bundesamtes entfernt (zwar für 2010, dafür aber mit einer absoluten Armutsdefinition) und der verlinkte ZEIT-Artikel zitierte sogar noch deutlich höhere Zahlen zwischen 20 und 30 Prozent, aber das Spielchen um die Deutungshoheit hatte seinen Lauf genommen.

Halbe Wahrheiten

Monate später steigt das Institut für deutsche Wirtschaft in Ring: „Die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer? Mitnichten, meint das IW Köln.“ Das arbeitgebernahe Institut für deutsche Wirtschaft, wie Tagesspiegel und ZEIT-online vergessen zu erwähnen, aber egal.

Tenor ist, dass Schuldner von den niedrigen Zinsen profitierten, während Reiche Geld verloren hätten, weil sie 40% ihres Vermögens auf dem Festgeldkonto bunkerten. Zählt man die 2,6% in Aktien hinzu, bleibt noch über die Hälfte des Vermögens (57,4%) im argumentatorischen Nirwana. Auch egal. Mittelständische Häuslebauer seien jedenfalls Profiteure der Niedrigzinsen. Merke: Vermögende bauen keine Häuser oder investieren besagte 57,4% sonstwo im Markt, um von niedrigen Zinsen zu profitieren.

Wer es schafft, den Artikel bis zum letzten Abschnitt zu lesen, wird mit folgender Wendung belohnt: „Doch das ist nur die halbe Wahrheit […]. Wer sehr arm ist und sich auch keinen Kredit oder eine Immobilie leisten kann, der verliert – besonders im Bereich der Altersvorsorge.“ Damit steht die andere Hälfte der Wahrheit, also die ersten zwei Drittel des Artikels zuzüglich Überschrift, natürlich eher schlecht da.

Nicht einer gewissen Komik entbehrt es, dass der angeblich methodisch schwachen Studie des Paritätischen hier wieder die Studie des Instituts für deutsche Wirtschaft (wer sonst?) gegenübergestellt wird, das aber mal ganz genau gemessen hat. Fazit: Arm ist, wer einen Schwarz-Weiß-Fernseher hat.¹

Na ja, die FAZ hatte im oben verlinkten Artikel ja bemängelt, dass man Armut und Einkommensunterschiede nicht verwechseln dürfe und so tritt nach den roten Socken des Paritätischen jetzt („jetzt“ im journalistischen Sinne, also eigentlich Ende Mai) die solcher Tendenzen eher unverdächtige OECD auf den Plan und stellt fest, dass die zu große Einkommensungleichheit dem Wachstum schadet.

Vorgekautes

Und weil’s so schön ist, lesen wir doch gleich mal in der WELT, der alten Gewerkschaftspostille, all die interessanten Neuigkeiten in der Zusammenfassung: Der Trickle-Down-Effekt ist tatsächlich ein Märchen und für’s Wirtschaftswachstum braucht man auch Unter- und Mittelschicht (Konsum ankurbeln und so).

Die WELT wäre natürlich nicht die WELT, wenn sie solche Neuigkeiten nicht zielgruppengerecht vorkaut und in nicht allzu beunruhigenden Häppchen ausspuckt. Deshalb empfiehlt die OECD Deutschland angeblich eine Bildungsreform und „wohlhabenden Ländern“ (welche könnten da gemeint sein?) ein progressiveres Steuersystem. Stimmt, aber außerdem noch den Abbau atypischer Beschäftigungsverhältnisse (zumindest für Frauen), die Umgestaltung der Sozialabgabenregelung in atypischen Beschäftigungsverhältnissen – und vor allem ziemlich eindeutig eine höhere (bzw. überhaupt eine) Besteuerung von Kapital in seinen verschiedenen Erscheinungsformen. Diese Details hat die WELT leider verschluckt. Wohl bekomm’s.

Noch mehr Aufgewärmtes

Wobei die OECD mehr oder weniger dasselbe schon 2011 geschrieben hat. Und wohl auch schon 2008, wenn man SPIEGEL-online mal vertrauen will (und zu faul ist, die Studie auch noch herauszusuchen). Und vielleicht noch öfter, weil sie die Entwicklung nach den eigenen Daten eigentlich schon seit 30 Jahren voraussagen könnte.

Das Interessante ist doch, dass sich alle zitierten Beteiligten im Prinzip mehr oder weniger einig sind, weil keiner bezweifelt, dass in Deutschland große Ungleichheit herrscht und diese über einen längeren Zeitraum gesehen stark zugenommen hat. Aber während inzwischen sogar die OECD linker als die SPD seit Jahrzehnten auftritt, scheuen so einige Meinungsmacher und Entscheider Umverteilung wie der Teufel das Weihwasser und tun so, als sei die gestiegene Einkommensungleichheit der letzten Jahrzehnte nicht auch das Ergebnis einer Umverteilungspolitik – nur eben von „unten“ nach „oben“ durch genau die Steuer-, Abgaben-, Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik, deren Revidierung die OECD fordert.²
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¹ Eines der kleinen, aber unfeinen Details ist dieser Absatz: „Dass sich Arm und Reich nicht mehr auseinanderentwickeln, dafür gibt es zwei Gründe, wie Ökonomen der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung schon vor einigen Monaten festgestellt haben. Als in der Finanzkrise Aktien- und Anleihenkurse sanken, haben viele reiche Haushalte Geld verloren. […] In Deutschland aber hat sich gleichzeitig die Lage der Armen verbessert, weil sie nach den Arbeitsmarktreformen von ‚Agenda 2010‘ und ‚Hartz IV‘ leichter Arbeit gefunden haben.“

Die erste Entwicklung bestätigt besagte Studie, wurde aber von der Böckler-Stiftung (teilweise von denselben Autoren) kurz danach wieder revidiert. Die Verbesserung der Lage der Armen durch Agenda 2010 und Hartz IV hat der FAZ-Autor frei erfunden.

² Bspw. durch die 60 Milliarden Euro Steuerersparnis, an die Steinmeier die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände im Bundestagswahlkampf 2013 erinnert hat. Eine Sternstunde der Sozialdemokratie und sogar in Farbe (es reicht die Minute von 16:49 bis 17:49):

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