Monthly Archives: June 2015

Hybris, Karthasis, aus is’

So verläuft die klassische griechische Tragödie nach Uli Keuler, den wahrscheinlich keiner kennt, aber das ist mir egal. „Aus is’“ bzw. „game over“ soll ja auch Donald Tusk ganz charmant in Richtung Alexis Tsipras gesagt haben. Die griechische Regierung lehnte ein „außerordentlich großzügiges Angebot“ (Merkel) nach dem anderen ab, Juncker fühlt sich sogar „ein bisschen verraten“, Tsipras hingegen „[entlarvt] sich als Feigling“ (WELT-online) und stiehlt sich mit einem Referendum, das dazu dient, „die restliche Eurozone quasi zu erpressen“ (ZEIT-online), aus den Verhandlungen und seiner Verantwortung.

Vor gut einem Monat, als Schäuble einen uralten Vorschlag der griechischen Regierung aufgriff, fand die WELT das übrigens noch ganz okay:
WELT-online_2015-05-15

Aber wir wollen uns ja nicht mit Peitetessen aufhalten oder so tun, als finde bei der WELT so etwas wie Journalismus statt. Continue reading Hybris, Karthasis, aus is’

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Wie die ZEIT Vertrauen schafft

„Wer vertraut uns noch?“ fragt die ZEIT in ihrer Serie „Wahrheit und Propaganda“ und Götz Hamann schreibt: „Viele wichtige Zeitungen und Sender haben in den letzten Jahren in Qualität investiert, trotz der Anzeigen- und Auflagenkrise. Es werden heute mehr investigative Reporter beschäftigt denn je, und viele Reportagen verbinden mittlerweile faktenreichen Journalismus mit einer wunderbaren Sprache. “

Es fällt etwas schwer, aber setzen wir halt einfach mal voraus, dass sich Investitionen in journalistische Qualität und deren Ergebnis anhand der Zahl investigativer Reporter messen lässt. Das Ergebnis der Qualitätsoffensive ist jedenfalls „mittlerweile faktenreiche[r] Journalismus mit einer wunderbaren Sprache“. Faktenreich sollte der Journalismus eigentlich auch schon vorher gewesen sein, aber wenn heute mehr Fakten im Artikel stecken – bitte schön. Objektiv überprüfen lässt sich das natürlich ebensowenig wie die „wunderbare Sprache“ (gehört „Codes of Ethics“ auch dazu?), die sich der Journalist von heute einfach selbst attestiert. Egal. Continue reading Wie die ZEIT Vertrauen schafft

Halbstarkes Stück

Heute bei ZEIT-online über diesen Artikel gestolpert und gedacht, dass mir dieses Kinder-Gedöns doch irgendwie bekannt vorkommt. Hier eine ebenso willkürliche wie unvollständige Zusammenstellung einer halbstarken Griechenland-Berichterstattung im Verlauf des letzten halben Jahres:

Also nicht nur gefährlich ist der Grieche, sondern vor allen Dingen nicht erwachsen und deshalb natürlich auch rationalen Handelns nicht fähig, wenn der Hormonhaushalt wieder Sirtaki tanzt. Vielleicht bilde ich mir das alles ja auch nur ein, aber dieses Muster hat nach meinem Eindruck Methode und man könnte sicherlich noch Dutzende Artikel mit ähnlichen Zuschreibungen auflisten. Zu guter Letzt noch das schrillste Quaken im Adoleszenz-Unkenchor, nämlich Varoufakis als „Radikalo-Naked-Bike-Rider“ eines ehemaligen rot-grünen Regierungssprechers, der übrigens erwachsen ist und inzwischen als stellvertretender Chefredakteur der Bild-Zeitung arbeitet.

Arm ist der Schwarz-Weiß-Fernseher

Erinnert sich noch jemand an den Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands? Hui, waren das damals Reaktionen auf den Bericht. Auf Platz zwei landete die FAZ mit ihrer berührenden Empathie für „die Sorgen und Nöte der wirklich Armen“ und der Warnung, dass ein inflationär benutzter Armutsbegriff sich selbst entwerte. Also lieber nicht drüber reden, denn dafür sei Armut „eine zu ernste Angelegenheit“. Die Redaktion hat wahrscheinlich Tränen gelacht.

Gefühlte Wahrheiten

Mein Favorit war aber dieser SZ-Artikel mit dem denkwürdigen Satz: „Die Zahlen des Paritätischen widersprechen jeder gefühlten Realität.“ Zugegebenermaßen ist Armut recht schwer zu messen und eine relative Armutsdefinition hat ihre Tücken, aber bei der SZ machte man es sich ähnlich einfach wie bei der FAZ: „Angenommen, alle Menschen in Deutschland würden auf einen Schlag 100 Mal so viel verdienen wie bisher. […] Noch immer läge die rechnerische Armutsquote bei 15,5 Prozent.“

Sicher. Aber mal angenommen, 15,5% der Journalisten wären unterbelichtet und plötzlich gäbe es ein kostenloses IQ-Upgrade mit dem Faktor Hundert, dann wären 15,5,% im Vergleich mit den anderen immer noch unterbelichtet. Passiert ist beides bisher nicht. Continue reading Arm ist der Schwarz-Weiß-Fernseher

Neues aus Absurdistan

Wenn ein Blogger aus Russisch-Absurdistan, der nach eigenen Angaben sein militärisches Wissen vor allem aus Actionfilmen gewonnen hat, mit viel Getöse in russischen Medien eine angebliche westliche Manipulation von Satellitenbildern „nachweisen“ würde – was wäre das für ein Hallo bei uns in Europa! Wenn ein britischer, sagen wir mal, Hobby-Experte eine solche Katze (Bellingcat, Katze, verstehste?) aus dem Sack lässt, wird daraus die „Analyse von unabhängigen Investigativjournalisten“, die dem Kreml zweifelsfrei eine Manipulation mit Photoshop nachweist (und ich dachte immer, Geheimdienste benutzen Instagram). Soviel zur Form, inhaltlich ist zu diesem Witz wahrscheinlich hier alles gesagt. Continue reading Neues aus Absurdistan