Feindbilder II

Hui, der Bahnstreik! So aufregend, aber so wenig Neues. Eigentlich könnte ich dasselbe schreiben, wie vor einem halben Jahr – es hat sich sowieso kaum etwas verändert. Die GDL besteht in weiten Teilen der öffentlichen Darstellung sowieso nur aus Weselsky (oder Putin oder Varoufakis, sind doch eh alle gleich), der natürlich keine Gewerkschaftsmitglieder und deren Interessen, sondern ausschließlich sein übergroßes Ego vertritt. Und der Schaden! Und dieser Bart! Darf der das? Der Gag mit dem Karussellbremser war übrigens vor fünfzehn Jahren bei Kalkofe mal lustig.

So brutal!

Damals die ZEIT, letzte Woche die FAZ, die taz schwenkt, zumindest in den Kommentarspalten, auch schon um und schreibt von der Ellbogen-Gewerkschaft (witzig, witzig). Heute dann SPIEGEL-online. Wer es schafft, nach der selten dämlichen Überschrift weiterzulesen, bekommt den üblichen Sermon: Jetzt habe Weselsky seinen Kredit aber endgültig bei allen verspielt (was der Autor natürlich weiß, schließlich hat er ja Flurfunk und alle Kollegen sind seiner Meinung). „So brutal kämpfen heutzutage in Europa sonst nur französische Arbeiter, die schon mal Fernstraßen blockieren oder gar Geschäftsführer festsetzen, um ihren Zielen Nachdruck zu verleihen.“ Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass die Lokführer halt keine Fernstraßen blockieren oder Geschäftsführer festsetzen, sondern schlicht und ergreifend streiken. Das muss einem nicht gefallen, aber es ist legal.

Kommunikationsstrategie Bahn vs. GDL 1:0

Letztes Jahr hat die Bahn ja mal versucht, die Streiks der GDL gerichtlich als unverhältnismäßig unterbinden zu lassen. Hat nicht ganz geklappt, aber in punkto Kommunikation scheint die Bahn dafür erfolgreicher zu sein. Die Öffentlichkeit diskutiert mit Dauer-Schnappatmung, wie nervtötend der Streik doch sei, wie durchgeknallt der Weselsky, wie überzogen die Forderungen der GDL und überhaupt und sowieso. Was das alles kostet!

Kritik an der Rolle der Arbeitsministerin, die schnell mal ein passendes Gesetz im Sinne der Bahn aus dem Hut gezaubert hat, das vom Bundesverfassungsgericht wahrscheinlich inklusive Backpfeife zurück nach Berlin geschickt werden dürfte, liest man eher selten. Kritik an der Rolle der Bahn, die offensichtlich auf Zeit spielt und wartet, bis dieses Gesetz zur Tarifeinheit in Kraft tritt, begegnet man auch weniger häufig. Und eine Diskussion über die Arbeitsbedingungen der streikenden Lokführer findet nicht statt.

„‚Silence, silence,‘ whispered a loud-speaker“ (Huxley: Brave New World)

Wie formuliert es der SPIEGEL-Artikel? „Man muss in der Geschichte der Bundesrepublik schon weit zurückblättern, um vergleichbar hitzig geführte Arbeitskämpfe zu finden.“ Richtig, aber was sagt uns das? Nicht etwa, dass dieser Streik besonders heftig ist (und natürlich nur von der Arbeitnehmerseite bzw. Weselsky allein geführt wird), sondern im Gegenteil, dass man wirklich „weit zurückblättern“ muss, um überhaupt etwas zu finden, das die Bezeichnung „Arbeitskampf“ verdient hätte.

Gestreikt wird bitte nur Sonntagnacht im Keller

Im Deutschland des „Deutschland-Prinzips“ ist alles super, „Deutschland geht es gut“ (Merkel), Gewerkschaften üben sich ruhig und vernünftig in Lohnzurückhaltung und wer verrückterweise Verbesserungen fordert, geht zum Streiken bitte leise in den Keller. Dann bleibt es zwar angenehm still, aber man muss sich halt auch nicht wundern, wenn Arbeitsbedingungen und vor allem Löhne nicht besser werden. Wenn man dem Volk aufs Maul schaut, scheint das leider völlig egal zu sein, weil man doch selbst so wenig verdient und so viel arbeiten muss – aber anstatt die eigene Situation infrage zu stellen, werden lieber die Forderungen und der Streik der Lokführer für überzogen gehalten. Schade.

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*Nachtrag: Sehe gerade, dass auf ZEIT-online ein französischer Gewerkschafter interviewt worden ist. Der sagt erstens, dass er vom deutschen Bahnstreik keine Ahnung hat, rät aber zweitens der GDL wieder zu verhandeln. Nach erstens hätte man das Interview auch beenden und Passanten in der Fußgängerzone, die Bäckersfrau oder gleich Franz Beckenbauer, den alten Arbeitsrechtler und Sklavereiexperten, fragen können.

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