Bilder und blinde Flecken

In einem meiner Gespräche mit Professor Y (Name geändert) waren wir uns wieder mal einig, dass die relevanten Artikel in deutschen Zeitungen und vor allem in der ZEIT sowieso meistens im Feuilleton zu finden sind. Mal sehen, ob das auch für die aktuelle Ausgabe zutrifft.

Bernd Ulrichs Leitartikel nimmt diesmal viermal soviel Platz ein wie üblich und er braucht diesen Platz auch, denn es geht um das große Ganze: Wahrheit, das Flüchtlingsproblem und den Konflikt in der Ukraine, das Verhältnis zwischen EU und USA, einen möglichen EU-Austritt Großbritanniens, Le Pen in Frankreich, den mittleren Osten, Griechenland, Terrorismus, Medienkrise usw. usf.

Gern vergessener Klimawandel

Der „gern vergessene Klimawandel“ (eine passend ambivalente Formulierung) ist Ulrich in seinem ellenlangen Kommentar immerhin einen ganzen Satz wert. Ist der denn weniger wichtig als alle anderen Krisen, fragt sich der ZEIT-Leser mit besorgtem Blick auf sein Bio-Kressebeet? Schauen wir mal ins Feuilleton; dort findet sich die Rezension des Buches „Das 6. Sterben“ von Elizabeth Kolbert, für das die Autorin politisch korrekt den Pulitzer-Preis erhalten hat.* Thema: Der Mensch zerstört seine eigene Lebensgrundlage und es ist alles noch viel schlimmer als gedacht. Rezeption: Allgemeines Gähnen.

Der ZEIT-Leser wendet sich nun etwas irritiert wieder dem Leitartikel zu. In der „ungeschönten Weltbestandsaufnahme“, die Politiker ja vermeiden, aber der ZEIT-Journalist natürlich liefert, gibt es ein weiteres Thema, das „gern vergessen“ wird – und zwar, na? Das Geld, natürlich.

Gern vergessenes Geld

Diesem Punkt widmet Ulrich sogar einen ganzen Nebensatz. Tenor: Den Deutschen „geht es mehrheitlich ungewöhnlich gut“. Mit der Lage der Menschen in anderen europäischen Ländern wird der ZEIT-Leser gar nicht erst belästigt. Als intellektuelles Zuckerli fürs Publikum zitiert Ulrich nicht Angela Merkels „Deutschland geht es gut.“, sondern den Soziologen Heinz Bude mit dem Satz: „Uns geht es beängstigend gut.“ Ah, denkt sich da der ZEIT-Leser, fühlt schon bedeutend besser und nimmt noch einen Schluck Fairtrade-Kaffee.

Nach drei Sekunden Internetrecherche findet man dieses Interview mit dem Zitierten, „beängstigend gut“ gut geht es den Deutschen z.B. im Vergleich mit 33% der Briten, die Angst haben, ihre Häuser im Winter nicht mehr heizen zu können und bisher trotzdem noch weniger radikal wählen. „[B]eängstigend gut“ geht es laut Bude aber eben auch einer deutschen Mittelschicht, die ihren Status durch ein Drittel der eigenen Bevölkerung bedroht sieht, das dem „Dienstleistungsproletariat“ oder dem „prekären Wohlstand“ zugerechnet werden kann. Gott sei Dank bekommt der ZEIT-Leser davon nichts mit.
Während der ZEIT-Leser sich also gerade nicht überlegt, ob solche Verzerrungen in die Reihe der üblichen mittelgroßen Unverschämtheiten des Journalismus einzuordnen sind, weil er sie gar nicht erst bemerkt, stolpert er – wieder im Feuilleton – über den Artikel eines weiteren ZEIT-Silberrückens. Ulrich Greiner, der schon etwas länger im Geschäft ist, kann mit dem, äh, „modernen“ Journalismus, bei dem sich die Autoren selbst zunehmend in den Vordergrund drängen, nicht sonderlich viel anfangen: „[U]ndenkbar wäre es gewesen, den Artikel mit einem Bildnis des Autors zu schmücken.“

Quelle: meedia.de
Quelle: meedia.de

Von dieser kleinen Pointe abgesehen findet der ZEIT-Leser, ohne es zu merken, eine passende Einordnung des Leitartikels im Feuilleton seines Blatts. Im Artikel „Abstieg in Echtzeit“ werden zwei Bücher rezensiert, die sich (man ahnt es bereits) mit dem Thema des sozialen Abstiegs auseinandersetzen. Darin heißt es: „Im Großen und Ganzen aber spielt Geld in der Literatur eher die Rolle eines blinden Flecks.“ Richtig, Genosse, aber diese Rolle spielt das Geld leider nicht nur in der Literatur.

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* Sag bitte jemand mal bei Suhrkamp Bescheid, dass man lieber nicht Al Gore zitieren sollte, wenn das Buch ernst genommen werden soll.

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