Monthly Archives: April 2015

Er hat einen knallrotes Gummiboot

Lösungsvorschläge für die Flüchtlingsproblematik im Mittelmeer sind ja derzeit heiß begehrt. Der mit Abstand beste ist der von Ulrich Reitz, seines Zeichens Chefredakteur des Focus, im ARD-Presseclub am vergangenen Sonntag (zu bewundern hier, von 32:50-33:45). Die Fabriken, in denen Schlauchboote für Flüchtlinge hergestellt werden, müssen mit Drohnen bombardiert werden.

Vielleicht sollte ich doch öfter mal den Focus lesen, man verpasst da scheinbar einiges.

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Die FAZ-Redaktion im Doppelpass

Nachdem sein Kollege Müller vor einigen Tagen vorgelegt hat, übt Jasper von Altenbockum nun zwar weniger risikoreich, aber solide den Doppelpass im Spiel gegen die linke Gefahr in der Asylpolitik.

Achtung, Balkan!

Auf dem afrikanischen Flüchtling an sich kann man derzeit wohl eher weniger herumhacken. Merksatz für angehende Journalisten: 400 ertrunkene Flüchtlinge sind keine Nachricht, 800 ertrunkene Flüchtlinge sind eine. Zum Glück bleibt ja noch der Balkanese, wobei das Stichwort „Balkan“ bei deutschen Lesern auch die Assoziation „Huch, Zigeuner!“ hervorrufen dürfte, aber vielleicht täusche ich mich da. Continue reading Die FAZ-Redaktion im Doppelpass

Gib ab, gib doch ab!

Kuno könnte sich an dieser Stelle darüber aufregen, dass die EU die geradezu lächerlich billige Operation Mare Nostrum zur Rettung in Seenot geratener Flüchtlinge eingestampft hat und sich jetzt ganz betroffen zeigt, weil letztere massenweise im Mittelmeer verrecken. Er könnte sich auch darüber ärgern, wie hierzulande gerne so getan wird, als seien vor allem Schlepper das Problem und nicht die Situation in den jeweiligen Herkunftsländern, an denen „unsere“ Wirtschaftspolitik ja auch nicht immer völlig unschuldig ist. (Hat z.B jemand etwas vom leckeren Freihandelsabkommen EPA mitbekommen?) Und sowieso Schlepper; in der aktuellen SZ am Wochenende werden den Jüngsten auf den zwei Kinderseiten die Gründe für Flüchtlingsnot erklärt und der längste Artikel befasst sich natürlich mit den Schleppern, die also scheinbar die Hauptursache darstellen. Das SZ-Kind erfährt natürlich auch noch, dass Deutschland schon total viel tut, um den armen Afrikanern zu helfen usw. usf.

Kuno schüttelt aber exemplarisch über die FAZ den Kopf, bei der man manchmal wirklich nicht mehr weiß, ob man jetzt einen konservativen Zeitungsartikel oder dessen schlechte Parodie liest. Dieser wahrscheinlich polemisch gedachte aber leider völlig hirnlos geratene Kommentar Reinhard Müllers lässt einen dann doch ziemlich ratlos zurück.

„Gebt Euren Pass ab!“

Grüne, welche die deutsche Staatsbürgerschaft für hier Geborene fordern, sollen laut Müller im Gegenzug ihren Pass abgeben, weil sie das Gemeinwesen kompostierten. Seinerzeit hätte man das wohl Zersetzung der völkischen Gemeinschaft oder so ähnlich genannt. Außerdem sind die Grünen in Müllers Vorstellung irgendwie Stasi, aber wie und warum genau bleibt unklar und ist wohl auch völlig egal. Nebenbei ignoriert Müller in seiner, na ja, „Argumentation“ fröhlich, dass die USA auch die Kinder illegaler Einwanderer als Staatsbürger anerkennen und von der Drittstaatenregelung hat er offensichtlich auch noch nie gehört, wenn er fabuliert, zu Deutschland habe jeder Zugang.

Klar, man kann den Artikel auch als launige Einzelmeinung abtun, aber leider erscheint er in einer der renommiertesten Tageszeitungen Deutschlands, in der regelmäßig so oder ähnlich vom Leder gezogen wird. Die latent völkische Rhetorik, die blinden Ressentiments und die sture Ignoranz eines solchen Artikels sind ziemlich besorgniserregend und leider auch kein Einzelfall. Wenn man sich dann noch die positiven Kommentare des bildungsbürgerlichen FAZ-Publikums darunter ansieht, läuft es einem kalt den Rücken herunter.

Ich bin jedenfalls dafür, dass Schreiberlinge wie Müller statt solcher Kommentare lieber ihre Presseausweise abgeben. Die Staatsbürgerschaft können sie meinetwegen behalten. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!

Kurz zu Langhammer

Kuno hat nicht so viel Zeit zum Bloggen, aber bei seinen Lieblingsthemen, Freihandel und freilaufenden Wirtschaftsprofessoren, kommt er doch kurz hinterm Ofen vor.

Es ist ja immer erhellend, wenn echte Experten in politische Debatten eingreifen. Letzte Woche tat dies Rolf Langhammer, seines Zeichens Wirtschaftsprofessor, auf ZEIT-online. Prof. Langhammer will, dass Europa aus der lateinamerikanischen Krise der 1980er Jahre lernt. Und zwar soll Europa neben diesem und jenem folgendes lernen: „Ende der achtziger Jahre boten die USA Mexiko die weitere Öffnung des US-Marktes durch die Gründung der Nordamerikanischen Freihandelszone an.“ Von den USA lernen, heißt siegen lernen oder so ähnlich. Dufte Idee, denkt man sich jedenfalls – und so originell!

Ah, Freihandel. Handelshemmnisse abbauen, Wachstum und Wohlstand schaffen! Dumm nur, Prof. Langhammer, dass der nordamerikanische Freihandel nach dem NAFTA-Abkommen offenbar das genaue Gegenteil dessen bewirkt hat, was seine Befürworter versprochen haben: Millionen Arbeitsplätze gingen verloren, Lohne sanken, die Umwelt litt und profitiert haben wenige auf Kosten vieler. Sachen gibt’s. Der demokratische Senator Sanders beschreit im Zusammenhang mit NAFTA und dem geplanten TPP von einem „Krieg gegen arbeitende Amerikaner“. Wer es gerne weniger links und etwas ruhiger mag, kann sich auch nochmal diese Bilanz im Deutschlandfunk zu Gemüte führen. Danach hält man Langhammers Vorschlag vielleicht doch für keine allzu gute Idee.

Aber Prof. Langhammer ist ja noch nicht fertig: „In Deutschland sind etwa noch immer weite Bereiche des Dienstleistungssektors hoch reguliert und in den Händen nationaler, oft öffentlicher, Anbieter.“ Geht gar nicht! Aber aus dieser sozialistischen Finsternis können uns ja glücklicherweise Freihandel und TISA erlösen. Ein Hoch also auf die Wirtschaftswissenschaften und auf Prof. Langhammer, den ich hiermit für die Aufnahme in den Sachverständigenrat der „Wirtschaftsweisen“ vorschlage. Die nötige Betriebsblindheit dazu hat er allemal.