Deutsche Rentner, sammelt keine Flaschen beim Griechen!

Auch die Tage Nachrichten gelesen und gedacht: Mann, diese faulen Pleite-Griechen haben sogar höhere Renten als wir! Dürfen die das? Deswegen nochmal der altbekannte Witz, bis ihn alle verstanden haben. Heute in folgender Variante: Sitzen ein Bänker, ein Vertreter der Troika, ein deutscher Journalist und ein griechischer Rentner an einem Tisch. Auf dem Tisch liegen zehn Kekse. Der Bänker nimmt sich neun davon, der Vertreter der Troika tippt den deutschen Journalisten an, zeigt auf den griechischen Rentner und sagt: „Der will deinen Keks!“

Immer wieder der gleiche schlechte Witz

Wer sich vom Lachen erholt hat, wird feststellen, dass dieser uralte Gag gerade wieder durch die deutschen Medien geistert, weil ein bestimmter Teil der deutschen Journaille verlässlich trainierte Reflexe besitzt. Kaum lancieren also „die Institutionen“ (formerly known as Troika), dass die griechischen Renten zu teuer seien, setzt beim Pawlowschen Hasso in der deutschen Redaktionsstube der Speichelfluss ein (FAZ, Welt, wohl auch beim Handelsblatt, im Boulevard will ich gar ich erst nachsehen). Die Tatsache, dass bisher knapp 90% der bisherigen Hilfskredite nicht in den griechischen Haushalt, sondern an die Gläubiger (also Banken) geflossen sind und das in Zukunft nicht unbedingt anders sein muss, interessiert dabei in Deutschland weiter kein Aas.

Athens Rentenwunder

Selbst Spiegel-online bremst lobenswerterweise und schränkt ein, dass die Bruttoersatzquote (Höhe der Rentenbezüge im Verhältnis zur Höhe des Verdiensts während der Erwerbstätigkeit wieder) vor der Krise in Griechenland bei etwa 95% lag und vier Jahre später bei 64%. Soviel zu „Athens Rentenwunder“, das die FAZ in die mediale Landschaft blökt.

Man kann von Teilen der deutschen Presse wohl nicht mehr erwarten, dass sie solche hingeworfenen Brocken vor dem Wiederkäuen hinterfragt. Müssen griechische Rentner vielleicht mit ihren Luxusrenten öfter ganze Großfamilien durchbringen, weil der Rest vom Fest arbeitslos ist? Sind die deutschen Pensionäre mit eingerechnet? Solche und mögliche weitere Differenzierungen könnte man als Berufsjournalist mal in Betracht ziehen. Egal.

Griechische Renten zu hoch?

Wenn man diese Rentenzahlen also einfach mal hinnimmt – weil man sie glaubt oder weil sie einem gut in den Kram passen – dann bleiben genau zwei Schlussfolgerungen übrig: Entweder sind die griechischen Renten zu hoch. Dann muss der Pleite-Grieche natürlich kräftig weiter reformieren, bis seine Rente kürzer, kleiner und dünner ist als unsere.

Oder aber die deutschen Renten sind zu niedrig. Das kann einem natürlich nicht auffallen, wenn man die Rentenhöhe wieder nur im eigenen Rentenbescheid recherchiert hat und damit ganz zufrieden ist. Genausowenig kann es einem auffallen, wenn man Merkels Mantra „Deutschland geht es gut“ vorbildlich verinnerlicht hat. Deutschland ist halt Klassenbester.

Deutsche Renten zu niedrig

Die Zahlen, mit denen WELT und Konsorten hantieren, weisen allerdings deutsche Durchschnittsrenten knapp oberhalb der Grundsicherung aus – Betonung auf „Durchschnittsrenten“, das heißt, der eine oder andere hat noch weniger. Die deutsche Bruttoersatzquote liegt bei jämmerlichen 42% und damit weit, weit unter dem OECD-Durchschnitt von 54%. *

Bei der WELT hätte man einfach mal im eigenen Archiv nachsehen können und wäre über diesen Artikel von 2012 gestolpert, in dem die damalige Arbeitsministerin von der Leyen warnte, dass jeder mit einem aktuellen Bruttoeinkommen von 2500€ schon mal den Gang zum Sozialamt antreten könne, weil ihm Alterarmut drohe. Und das Problem löst sich gerade in Deutschland mit Sicherheit nicht von alleine.

Schuld ist immer, wer den letzten Keks will (auch wenn er ihn gar nicht bekommt)

Aber da am deutschen Wesen ja die Welt genesen soll, muss der Fehler natürlich immer bei den anderen liegen. Also werden nicht etwa unsere Renten (oder der Verbleib der Hilfszahlungen an Griechenland) in Frage gestellt, sondern die Pleite-Griechen sind halt wieder zu faul und zu raffgierig.** Denn wie das Satiremagazin Focus im Februar verlautbarte, gibt es im besten aller Länder praktisch keine Altersarmut und den Opa, der Flaschen aus dem Müll fischt, bildest du dir ein.

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* Jetzt kann man natürlich einwenden, dass in Deutschland ja privat vorgesort wird, nur ist das halt schwer, wenn man schlicht kein Geld übrig hat. Laut von der Leyen (siehe obiger WELT-Artikel) hat schon 2012 knapp die Hälfte der Geringverdiener keine private Altersvorsorge betrieben. Wie auch?

** Und nein, WELT, die Griechen gehen nicht sechs Jahre früher in Rente als der fleißige Michel, sondern ziemlich genau im gleichen Alter.

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