Platte der Woche (12)

RappersWillDieOfNaturalCauses

 

Open Mike Eagle: Rappers Will Die Of Natural Causes [Hellfyre Club]

Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, die nach jedem Auftritt ihre Stimmbänder erstmal in Kamillentee legen müssen, rappt Open Mike Eagle sehr leise, was wohl schon manchen Schlauberger zu guten Ratschlägen ermuntert hat: „Somebody told me I should rap in a louder voice / And that’s the only way to capture a crowd of choice“ (Career Advice, Another Roadside Attraction, 2010).

Mikes eigentliche Besonderheit liegt allerdings darin, technisch und textlich auf allerhöchstem Niveau zu rappen und das immer völlig mühelos und oft wie einen beiläufig aufgenommenen Monolog wirken zu lassen, der an seinen Gedanken teilhaben lässt. Alles reimt sich mindestens zweisilbig, ohne dass man je den Eindruck hat, da habe jemand krampfhaft irgendwelche sinnlosen Doppelreime zusammensuchen müssen, um die Zeilen fertigzukriegen. Im Gegenteil, es wirkt eher, als wisse der Gute gar nicht wohin mit all den Ideen, Wortspielen und Verweisen.

Zum Ausflippen auf der Tanzfläche oder Angeben im Auto verlangt Rappers Will Die Of Natural Causes zu viel eigenes Denken: „Party people, do you feel me? / And if you disgree, you should feel free“ (The Processional). Wenn man an die üblichen Aerobic-Ansagen bei Rap-Konzerten denkt (Hände heben und dies oder jenes nachbrüllen), kann man bei so viel Freiheit schon mal durcheinander kommen. Der Party-, Battle- und Selbstdarstellungskram kann natürlich auch sehr unterhaltsam sein, aber Mike konzentriert sich eben lieber auf anderes. So rappt er bspw. ganz selbstverständlich und mit der passenden Mischung aus Ernst und Ironie von seinem Abwasch und den Gedanken zum Rap-Game, die ihm dabei so durch den Kopf gehen. Statt um bustin’ slugs geht es bei ihm aber um „you know, bustin suds / that’s what a househusband does“ (Dishes). Klingt wenig aufregend, macht aber mit einem Minimum an Aufmerksamkeit mehr Spaß, als der millionste hood-Rapper, der doch wieder nur von seinem Auto und seinen Klamotten erzählt.

Wenn Mike mal von hood oder projects spricht, hört sich das irgendwie anders an: „I grew up in the crack years / And I hope they never come back here / In my class kids overdosed / But I was in the back reading Blackbeard“ (Right Next To You). Seine Qualität liegt darin, auch die ganz großen Themen über authentische persönliche Betrachtungen abzubilden und im Vorbeigehen quasi-mythische* Begriffe wie hood, project etc. zu dekonstruieren: „All types of bullshit surrounded me / But that’s not a parallel universe / This shit is just down the street“ (ebd.).

Wer Lust hat, Open Mike Eagle zuzuhören, kriegt in zwei Zeilen mehr gute Reime, Sprachwitz und interessante Denkanstöße auf die Ohren als bei den meisten Rappern in zwei vollen Alben. „When your new shit’s procedural / It’s cause the old shit’s unrepeatable“ (No Body Nose). Na, na, Mike, der erste Teil dürfte mehr ironische Bescheidenheit als tatsächliche poetologische Einschätzung sein. Den zweiten Teil könnte sich allerdings jeder Rapper getrost auf sein Küchenhandtuch sticken.

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* Tolles Wort, oder? Allerdings nicht verwandt oder verschwägert mit Quasimodo.

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