Die Troika: Drei Gäule, kein Kutscher?

Als Ersatz für den Stunt der Woche ein fauler Witz: Sitzen ein Bänker, ein deutscher Zeitungsleser und ein Grieche an einem Tisch, auf dem 20 Kekse liegen. Nimmt sich der Bänker 19 Kekse, tippt den (natürlich Steuer zahlenden) deutschen Zeitungsleser an, deutet auf den Griechen und sagt: „Pass auf, der will deinen Keks!“

Machtohnekontrolle
Quelle: arte.tv

Brüller, oder? Zumindest gut genug, um tagtäglich in der deutschen Presse erzählt zu werden, obwohl ihn wahrscheinlich die meisten nicht kapieren. In dem Fall sollte man mehr Zeit auf diesem Blog verbringen oder sich zumindest die mit dem Bild verlinkte Arte-Dokumentation „Macht ohne Kontrolle“ ansehen, in der das Tun und Treiben der sogenannten Troika in Griechenland näher beleuchtet wird (alternativ hier).

Gags, Gags, Gags

Darin kommen nicht nur andere populäre Running Gags der gängigen Berichterstattung zum Zuge: Deutschland als leuchtendes Beispiel für Europa, die angebliche Erfolgsstory Irlands und Portugals, in denen Troika-Auflagen (Lohnsenkungen und Privatisierungen) mustergültig umgesetzt worden sind und die Folgen besichtigt werden können: Massenarbeitslosigkeit, Dumping-Löhne oder gleich die Abschaffung von Tarifverträgen, Verschleuderung des öffentlichen Eigentums, Kahlschlag im Sozialwesen, massenhafte Auswanderung* usw. usf.

Es wird sogar noch besser: Die Troika aus IWF, EU-Kommission und EZB regiert faktisch ganze Länder und agiert dabei ökonomisch unsinnig, sozial und politisch unverantwortlich sowie juristisch mindestens fragwürdig. Das alles geschieht ohne jegliche demokratische Legitimation oder Kontrolle, was auch dem EU-Parlament irgendwann mal aufgefallen ist. Viel ausrichten kann es allerdings nicht. Unerwartete Pointe: Am Ende gewinnt die Bank in jedem Fall, die Demokratie nicht unbedingt.

Randbemerkung: Falls jemand Varoufakis (oder Krugman) als überpräsente Reizfiguren empfinden sollte, sei tröstend erwähnt, dass deren Interviews nur einen sehr geringen Teil der Dokumentation in Anspruch nehmen. in der Dokumentation kommen die kritischen Stimmen interessanterweise nicht nur von den üblichen, sagen wir mal, linken Identifikationsfiguren, sondern auch von Arbeitgebervertretern, Mitgliedern der abgewählten griechischen Regierung und hochrangigen IWF-Mitarbeitern.

Schwacher Witz, starke Doku

Richtig bemerkenswert wird es, wenn die Apologeten der Troika-Politik auf den Plan treten. Es sind zwar deren nur vier und sicherlich kann man Interviews durch geschicktes Schneiden in die gewünschte Richtung lenken, aber lediglich Othmar Karas von den europäischen Christdemokraten sowie der ehemalige griechische Finanzminister Stournaras schaffen es, sich durch rhetorische Winkelzüge respektive PR-Blendgranaten halbwegs unbeschadet aus der Affäre zu ziehen.

Wie erschreckend unbeholfen allerdings der Koordinator der Euro-Finanzminister und der Vertreter des IWF in Portugal auf zwar kritische, aber vorhersehbare Nachfragen versuchen, die Maßnahmen der Troika zu rechtfertigen oder gleich vollends in Schockstarre verfallen, ist ein weiterer Witz. Allerdings ein ganz schwacher. Wer beim Thema Griechenland mitreden will und sich mal ein, zwei Gedanken über europäische Politik und Demokratiedefizite machen will, sollte „Macht ohne Kontrolle“ auf keinen Fall verpassen.

Der Allerletzte

Eine semi-intellektuelle Pointe sei am Schluss noch hinterher geworfen. Keine Ahnung, wer den Begriff Troika geprägt hat, aber es ist oft unterhaltsam, sich die Bedeutung solcher Polit-Metaphorik zu vergegenwärtigen: Troika bezeichnet eine dreispännige Kutsche. Heißt, drei Pferde und ein Kutscher; erstere laufen, letzterer gibt mit Peitsche und Zügeln Tempo und Richtung vor. Die Zossen sind bekanntlich IWF, EU-Kommission und EZB. Nur, wer ist der Kutscher? (Dramatische Pause, Schock allenthalben, irgendwas mit Edgar Wallace)

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* Praktischerweise senkt die massenhafte Auswanderung die Arbeitslosigkeit (wie z.B. auch in Irland). Ist halt langfristig nicht ganz so ideal, wenn v.a. die junge Bevölkerung emigriert; für Portugal werden in der Doku bis zu vier Mio. Auswanderer prognostiziert (bei gerade mal zehn Mio. Einwohnern).

PS: Omar Sharif taucht in der Doku auch auf. Er nennt sich zwar anders und behauptet hartnäckig, Grieche zu sein, aber das kann ja jeder sagen. Wenn mit diesem lustigen Suchspiel nicht genügend Gründe vorliegen, sich das Ganze anzusehen, weiß ich auch nicht mehr weiter.

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