Monthly Archives: March 2015

Stunt der Woche (22)

Shlalom, der [ˈʃlaːlɔm]

Wortart: Substantiv, maskulin

Gebrauch: Politik, Sport

Bedeutung: Hebräische Bezeichnung einer beliebten, traditionell von Politikern des Nahen Ostens betriebene Sportart, bei der die Athleten versuchen, einem drohenden Frieden in technisch anspruchsvollen Manövern auszuweichen.

Advertisements

Steiler Sinkflug, steile These

 

Hui, ZEIT, das ging aber flott. Eine Maschine der Lufthansa-Tochter Germanwings stürzt aus ungeklärter Ursache ab und zwei Tage später knallt ihr diesen Titel raus.

Zeit_3-25-2015

Es sieht zwar in eurer eigenen Gerüchteküche momentan nicht danach aus, als sei ein technisches Problem der Grund für den Absturz gewesen, aber egal – schließlich erkennt ihr in der Tragfläche Tragweite des Unglücks Folgen für das „Selbstverständnis der Nation“. Für euer eigenes Selbstverständnis hat das Ganze offenbar keine Folgen, es muss (zur Not halt ohne Fakten) mindestens irgendwas Historisches herbeigeschrieben werden.

Katastrophenverhalten im ZDF: Satire nein, Softporno ja.

Nur mal eine kurze Frage, ZDF: Nachdem gestern ein deutsches Flugzeug abgestürzt ist, verzichtet ihr auf die Ausstrahlung der Satire-Sendung „Die Anstalt“ (so wie ProSieben auf eine der täglich 200 Sendungen mit Stefan Raab).

Über den Tag verteilt knallt ihr dem Zuschauer erstmal sieben Sondersendungen zum Unglück vor den Latz, abends um 20:15h läuft ganz regulär die Irgendwas-mit-Hitler-Doku („Die Suche nach Hitlers Volk“) und Lanz’ Plapperrunde darf natürlich auch nicht fehlen. Nach Mitternacht sendet man aus lauter Pietät und frei nach dem Motto „Lachen verboten, Wichsen erlaubt“ den Softporno „Lady Chatterley“.

Ist dieses Tagesprogramm als satirischer, am Ende gar medienkritischer Kommentar gedacht oder fallen solche Entscheidungen ohne lästiges Nachdenken?

Deutsche Rentner, sammelt keine Flaschen beim Griechen!

Auch die Tage Nachrichten gelesen und gedacht: Mann, diese faulen Pleite-Griechen haben sogar höhere Renten als wir! Dürfen die das? Deswegen nochmal der altbekannte Witz, bis ihn alle verstanden haben. Heute in folgender Variante: Sitzen ein Bänker, ein Vertreter der Troika, ein deutscher Journalist und ein griechischer Rentner an einem Tisch. Auf dem Tisch liegen zehn Kekse. Der Bänker nimmt sich neun davon, der Vertreter der Troika tippt den deutschen Journalisten an, zeigt auf den griechischen Rentner und sagt: „Der will deinen Keks!“

Immer wieder der gleiche schlechte Witz

Wer sich vom Lachen erholt hat, wird feststellen, dass dieser uralte Gag gerade wieder durch die deutschen Medien geistert, weil ein bestimmter Teil der deutschen Journaille verlässlich trainierte Reflexe besitzt. Kaum lancieren also „die Institutionen“ (formerly known as Troika), dass die griechischen Renten zu teuer seien, setzt beim Pawlowschen Hasso in der deutschen Redaktionsstube der Speichelfluss ein (FAZ, Welt, wohl auch beim Handelsblatt, im Boulevard will ich gar ich erst nachsehen). Die Tatsache, dass bisher knapp 90% der bisherigen Hilfskredite nicht in den griechischen Haushalt, sondern an die Gläubiger (also Banken) geflossen sind und das in Zukunft nicht unbedingt anders sein muss, interessiert dabei in Deutschland weiter kein Aas. Continue reading Deutsche Rentner, sammelt keine Flaschen beim Griechen!

Zu wenig Panzer – so 2013!

Noch keinen Panzer in der Garage? Oder wenigstens im Safe (Panzerschrank, verstehste)? Dann wird’s aber Zeit, denn Panzer sind der Dernier Cri! Doch der Reihe nach. Superminister Gabriel hat sich auf die arabische Halbinsel begeben und musste in Katar erstmal irgendetwas mit Fußball sagen. Im Prinzip hat Siggi den Beckenbauer gemacht, sich eine Baustelle zeigen lassen und keine Sklaven gesehen. In Saudi-Arabien wollte er die Menschenrechte mal ansprechen, aber doch lieber hinter verschlossenen Türen, wie sich das gehört. War sicher eine (Achtung, Kalauer) geharnischte Gardinenpredigt. Aber die Saudis können auch kritisch sein und monierten, dass man Deutschland zur Zeit „als schwierigen Rüstungspartner“ empfinde. Hier kommen endlich Panzer ins Spiel, aber dazu erst gleich mehr.

Waffenmesse

Ebenfalls auf der arabischen Halbinsel hat sich ja letztens der ukrainische Präsident Poroschenko herumgetrieben und in den Emiraten eine Waffenmesse besucht. SPIEGEL-online kombiniert messerscharf, dahinter könne der „Versuch der Ukraine stecken, sich auf dem Waffenmarkt aufzurüsten.“ Möglich, aber vielleicht wollten die Herren Generäle auch nur mal den Kameltreibern mit ihren Schlabbergewändern fesche Uniformen mit ordentlich Lametta dran präsentieren? Continue reading Zu wenig Panzer – so 2013!

SZ – Rechner der Enterbten

Die Süddeutsche scheint ja letztens in punkto Sozialpolitik wieder etwas kritischer zu werden, vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein. Jedenfalls findet man im Rahmen eines aktuellen Dossiers bspw. einen Artikel zum Thema Erwerbsarmut in der letzten Wochenendausgabe und heute einen Beitrag zu den Arbeitslosenzahlen.

Einfache Subtraktion – altbekannt

Wie auch hier schon erwähnt, sind die offiziellen Arbeitslosenzahlen der Agentur für Arbeit schlicht und ergreifend manipuliert. Allerdings geschieht das nicht durch mathematisch anspruchsvolle Taschenspielertricks, sondern die Arbeitsagentur rechnet ganz offen und transparent einen großen Teil der Arbeitslosen aus der Statistik heraus. Einfache Subtraktion und längst bekannt.

Wenn jetzt die SZ auf den Plan tritt und diese Manipulation kritisiert, bin ich einerseits dankbar, dass sich überhaupt eine Zeitung dieses Kalibers darum kümmert. Für diese knallharte Recherche braucht man zwar nur fünf Minuten und ein paar Mausklicks auf der Seite der Arbeitsagentur, aber immerhin. Andererseits stelle ich mir natürlich folgende Frage: Wenn die Agentur für Arbeit auf politischen Druck über viele Jahre hinweg die Statistiken geschönt hat, obwohl die eigentlichen Zahlen für alle sichtbar deutlich höher sind, warum kritisiert die SZ dann bitte nur Arbeitsagentur und Politik? Fehlt da nicht noch jemand?

Unkritische Medien – ebenfalls altbekannt

Keine Sorge, SZ, dann übernehme ich das. Nicht erwähnt werden natürlich die deutschen Medien, die seit Jahr und Tag die Arbeitslosenzahlen aus Nürnberg unkommentiert in die Welt hinausblöken. Und dazu gehört leider auch die SZ, die sogar in kritischeren Artikeln naiv das Märchen vom „Jobwunder“ erzählt.

Sicher ist es anstrengend, in wirklich jedem Bericht und jedem Artikel darauf hinzuweisen, dass die Arbeitslosenzahlen ja eigentlich viel höher usw. usf. – aber wenn die maßgeblichen Medien der Fernseh- und Zeitungslandschaft ihrem Auftrag als vierte Gewalt des Staates nachkommen wollen, sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, gerade derart dreiste Manipulationen nicht stillschweigend zu dulden. Und wenn man damit nicht jahrelang wartet, bis sich alle an schöne, aber leider falsche Zahlen gewöhnt haben, sondern von Anfang an sagt, was Sache ist, dürfte es gar nicht so schwer sein, solche Märchen wieder loszuwerden.

Platte der Woche (13)

Plantain

 

Djrum: Plantain [Samurai Red Seal]

Wer früher mal die Musik gehört hat, die später Drum and Bass heißen sollte, aber sich dann ab Ende der Neunziger eher gelangweilt abgewandt hat, kann seit einigen Jahren wieder Hoffnung schöpfen. Samurai Music ist eines der Label, das – spätestens seit den ersten FIS-Erscheinungen vor etwa vier Jahren – für etwas Licht im Dunkel sorgt. So auch bei Djrums gerade veröffentlichter Maxi Plantain. Wie bei Samurai üblich, ist das limitierte Vinyl koloriert, in diesem Fall entweder weiß oder grün marmoriert. Schick.

Das Titelstück beginnt mit einem *AR-Sample, womit es bei mir sowieso schon gewonnen hat, aber zaubert noch eine ganze Reihe, teilweise auch sehr überraschende, Soundschnipsel aus dem Hut. Die B-Seite ist dagegen düsterer und deutlich schneller, womit sie schon eher nach Drum and Bass klingt. Djrum schert sich aber sowieso nicht groß um Genre-, Radio- oder Clubkonventionen und nimmt sich bei beiden Titeln über acht Minuten Zeit, um seine Beat- und Soundlandschaft zu entwerfen, die mit „advanced beat science“ (Hardwax) sicher kurz und treffend beschrieben ist. Gekauft.

Platte der Woche (12)

RappersWillDieOfNaturalCauses

 

Open Mike Eagle: Rappers Will Die Of Natural Causes [Hellfyre Club]

Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, die nach jedem Auftritt ihre Stimmbänder erstmal in Kamillentee legen müssen, rappt Open Mike Eagle sehr leise, was wohl schon manchen Schlauberger zu guten Ratschlägen ermuntert hat: „Somebody told me I should rap in a louder voice / And that’s the only way to capture a crowd of choice“ (Career Advice, Another Roadside Attraction, 2010).

Mikes eigentliche Besonderheit liegt allerdings darin, technisch und textlich auf allerhöchstem Niveau zu rappen und das immer völlig mühelos und oft wie einen beiläufig aufgenommenen Monolog wirken zu lassen, der an seinen Gedanken teilhaben lässt. Alles reimt sich mindestens zweisilbig, ohne dass man je den Eindruck hat, da habe jemand krampfhaft irgendwelche sinnlosen Doppelreime zusammensuchen müssen, um die Zeilen fertigzukriegen. Im Gegenteil, es wirkt eher, als wisse der Gute gar nicht wohin mit all den Ideen, Wortspielen und Verweisen. Continue reading Platte der Woche (12)