It’s the Kohle, stupid!

Nochmal Griechenland; ist ja ein ganz heißes Thema. Es ist schon bemerkenswert, wie die deutsche Presse mit dem Thema umgeht. Ich habe im letzten Eintrag ja diesen Artikel verlinkt und moniert, dass er im Meinungsteil versteckt wird. Es gibt hier und da natürlich auch differenziertere Stimmen, die auch mal die griechische Perspektive einbeziehen, aber das Gros der Berichterstattung sieht, vor allem in den Schlagzeilen, leider eher so aus:

Quelle: meedia.de
Quelle: meedia.de

Bei allen berechtigten Fragen, die Griechenlands neue Regierung aufwirft, irritiert die hiesige Kritik in ihrer Pauschalität und mit ihren teils subtil herabwürdigenden, teils auch offen chauvinistischen und rassistischen Untertönen. Die Geschlossenheit der Medienfront und die Härte ihres Urteils scheinen außerdem ja nur in Deutschland derart ausgeprägt zu sein. Woran könnte das wohl liegen?

Ideale?

Geht es um bedrohte Ideale? Die Ausrichtung des Syriza-Programms ist zwar eindeutig links, aber die Verstaatlichung der Banken und ehemals öffentlicher Infrastruktur klingt schon mal weniger nordkoreanisch, wenn man das Ergebnis (ebenso „radikaler“) Privatisierung bilanziert (wie etwa hier am Musterbeispiel Großbritannien). Interessanterweise findet man den 40-Punkte-Plan (wenigstens das klingt schön sozialistisch) nur auf linken Websites.*

Das Gros des Syriza-Programms würde auch einer sozialdemokratischen Partei, die ihren Namen halbwegs ernst nimmt, ganz gut zu Gesicht stehen. Und wenn es beim Thema Griechenland tatsächlich um Ideale gehen soll, dann wohl kaum um solch merkwürdige, wie sie Jochen Bittner bei ZEIT-online eingefallen sind, nämlich meinungsuniforme Geschlossenheit gegenüber einem äußeren Feind. Es geht aus deutscher Sicht wohl eher um die Frage, ob Syriza es vielleicht schafft, eine Alternative zu Berlins Austeritätspolitik aufzuzeigen. Diese ist ja immer noch Schäubles und Merkels Baby, obwohl inzwischen ja auch die Prominenz der Wirtschaftswissenschaftler auf einen kritischen Kurs gegenüber Sparprogrammen eingeschwenkt ist und Merkel letzten Sommer ordentlich die Leviten gelesen hat, was sich sogar bis zur WELT herumgesprochen hat. Konsequenzen: keine. Ist ja nur Theorie und so. Falls es allerdings einer linken Regierung gelingen sollte, in der Praxis ohne Austeritätspolitik erfolgreich zu sein, wäre der Gesichtsverlust für Merkel und Schäuble sicherlich groß und Schäuble könnte nicht als schwarze Null des Jahrhunderts in die Geschichtsbücher eingehen, was sein großes (und einziges) Ziel zu sein scheint. Die Sturheit, mit der Berlin an seiner Politik festhält, kann man je nach Sichtweise als idealistisch oder dogmatisch bezeichnen. Ich frage mich nur, warum die deutsche Presse sich bei bestimmten Themen (Griechenland, Ukraine) so gern auf Linie bringen lässt.

It’s the Kohle, stupid!

Aber vielleicht geht es ja in der Politik mal ausnahmsweise gar nicht um Ideale? Was hat nochmal dieser Clinton-Berater seinerzeit im Wahlkampf gesagt? It’s the ideals, stupid? Ja, ich glaube, das war’s. Also, mal abgesehen vom Fall Griechenland, die Tatsache, dass Deutschlands Erfolg als Exportgott ganz erheblich auf Verschuldung des Auslands beruht, erwähnt unsere Regierung natürlich eher ungern. Gleiches gilt für die Presse. Irgendwer muss den ganzen billig produzierten Krempel ja kaufen und deren Bilanz sieht dann beim Außenbeitrag eben genau umgekehrt aus. Sprich, wenn sich das Ausland nicht verschuldet, können wir nicht so viel exportieren. Aber wenn sich das Ausland überschuldet, helfen wir natürlich auch gerne und exportieren unser Know-how im Sparen. Zusätzlich zu den verheerenden sozialen Auswirkungen gibt es das schulmeisternde Gehabe deutscher Politiker und sonstiger Meinungsführer gratis obendrauf.

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*Kurze Randnotiz zu zwei Syriza-Forderungen: Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass linke US-Amerikaner einen Spitzensteursatz von 75% auf Einkommen über 500 000 Euro für „radikal“ halten. In dem Punkt waren die USA schon deutlich sozialistischer.

Falls sich einer der Älteren noch an die Finanztransaktionssteuer erinnert, die auch Deutschland mal einführen wollte, und sich fragt, was daraus eigentlich geworden ist, dem sei dieser Artikel ans Herz gelegt.

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