Der nord-südliche Iwan

Faul wie ich bin, verlinke ich einfach mal eine Artikelauswahl zum Thema Griechenland. Wahrscheinlich macht sich sowieso kein Mensch die Mühe, all diese Artikel zu lesen (ich auch nicht), aber allein die Überschriften tragen ja schon zur Meinungsbildung bei und wenn ständig auf allen Kanälen so dermaßen auf den Putz gehauen wird, dann muss die neue Athener Regierung ja wirklich ganz arg schlimm sein. Zur Klarstellung: Wenn der neue Außenminister Kotzias tatsächlich Kontake zum russischen, naja, Philosophen Alexander Dugin unterhalten sollte, müsste er sich zumindest öffentlich erklären. Und wenn der neue Verteidigungsminister Kammenos tatsächlich antisemitischen Schwachsinn verbreitet, muss er gehen. Wenn. Kammenos war früher übrigens Mitglied der Nea Dimokratia und könnte für die hiesigen Medien auch erst als Feindbild interessant geworden sein, seit er dieser Partei nicht mehr angehört. Damit aber genug der Verschwörungstheorien.

Hysterie hier, Gleichgültigkeit dort

Machen wir uns doch nichts vor. Tsipras’ Wahl des Koalitionspartners ist unschön, aber wer regieren will und die Mehrheit verfehlt hat, sucht sich einen Steigbügelhalter. Weder die Koalition mit Rechtspopulisten (übrigens ein Begriff, den ich – genau wie die meisten Journalisten – einfach benutze, weil alle das tun) noch fragwürdiges Regierungspersonal sind das eigentliche Problem. In Ungarn regiert eine Koalition aus Rechtspopulisten, Neonazis, Grünen und Sozialisten und ich kann mich leider nicht an eine ähnlich massive Kampagne deutscher Medien gegen die Regierung Orban erinnern. Deren Vertreter Tibor Navracsics leitet auch ganz selbstverständlich das EU-Kommissariat im Bereich Bildung, Kultur, Jugend und Bürgerschaft. Juckt keinen.

Die Rolle der Medien beim Thema Griechenland beurteilt dieser Artikel ganz gut, den Spiegel-Online leider im Meinungsteil versteckt. Als Ergänzung eine Grafik, die zeigt, wo „unser Geld“ denn eigentlich gelandet ist. Nur falls wieder einer jammert, dass die faulen Griechen den Hals nicht voll kriegen:

Financial_Times_Where the money went

Als Beispiel für die überwiegende Haltung der deutschen Medien möchte ich zwei der oben verlinkten Artikel kommentieren, die beide in der digitalen Ausgabe der ZEIT (das „Therapeutikum des Justemilieu“ – schöne Formulierung, Herr Diez) erschienen sind.

Zwei Beispiel einer Kampagne

Nummer eins trägt die Überschift: „Tsipras radikale Pläne lassen Finanzmärkte einbrechen.“ Wer jetzt wieder nur die Schlagzeilen gelesen hat, weiß also, dass der Wirtschaftsfeind aus Athen die Märkte ruiniert. Wer den Artikel liest, erfährt: „Der Börsen-Leitindex ASE in Athen brach zeitweise um 7,42 Prozent auf 725,20 Punkte ein.“ Es geht also um genau einen Markt, der zwei Stunden später schon wieder bei 733,62 Punkten lag (aktuell bei 721,63). Ein Börsencrash sieht anders aus, außerdem steigen laut desselben Artikels die Renditen langfristiger Wertpapiere „kräftig“. Weltuntergang leider ausgefallen, aber die ZEIT bleibt dran.

In Nummer zwei darf der Transatlantik-Bittner richtig vom Leder ziehen und seine Leserschaft überzeugen, dass es nicht um Geld geht, sondern (natürlich) um den Russen. Überschrift: „Putins Trojaner“. Das Fragezeichen hinter „Gefahr“ findet sich zwar noch in der URL des Artikels, aber im Artikel ist sich Bittner schon sicherer. Es gehe natürlich auch gar nicht ums Geld, sondern um Ideale. Mir wird schon ganz warm ums Herz, aber warten wir vielleicht noch kurz ab, welche Ideale Bittner eigentlich meint. Die parasitäre Metaphorik im Begriff „Trojaner“ lassen wir einfach mal unbeachtet und unterstellen, dass es dem Autor einzig um den Verweis auf Homer geht (den erkennt der ZEIT-Leser natürlich und freut sich). Er thematisiert jedenfalls auch wieder die Personalien Kammenos und Kotzias, wobei die Beweislage in letzterem Fall ja so dürftig zu sein scheint, dass Bittner schon die ganz obskuren Räuberpistolen hervorkramen muss.

Die Seele Europas

Aber egal, es geht ja nicht um Einzelpersonen, sondern um Ideale und wenn also in Athen Nazikommunisten regieren, stellt sich ja die Frage, welche gefährdeten Ideale die Europäische Union denn vor diesem inneren Feind, dem Trojaner, zu verteidigen hat? Bittner: „Der bei weitem schlimmere Schaden droht ihrem Zusammenhalt, ihrer Integrität. Ja, man kann es so drastisch sagen: der Seele Europas. Eines der ersten Manöver des neuen Links-Rechts-Bündnisses aus Syriza und Anel (“Unabhängige Griechen”) war es, das politisch Wertvollste zu zerstören, das die Europäische Union in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat: den Konsens darüber, dass Russlands Verhalten auf der Krim und in der Ostukraine eine anhaltende Verletzung der Friedens- und Völkerrechtsordnung darstellt und dass all die Beteuerungen Moskaus, die Separatisten nicht zu unterstützen, schlicht lachhaft sind.“

Die „Seele Europas“ ist also ihre Integrität. Meinetwegen, aber wenn mit dieser Integrität nur die Geschlossenheit gegenüber dem Feind gemeint ist und das „politisch Wertvollste“, was die EU in letzter Zeit zustande gebracht hat, allen Ernstes die kollektive Opposition gegen Russland sein soll – dann braucht die EU aber mal ganz dringend eine Seelentransplantation.

Also, man könnte der Regierung Tsipras einfach etwas Zeit geben (hundert wären üblich), verhandeln und sehen, was dabei herauskommt. Vielleicht gelingt ihr eine Verbesserung der untragbaren Situation in Griechenland, vielleicht scheitert sie. Der Versuch, diese Regierung so schnell wie möglich zu demontieren, wirft natürlich die Frage auf, warum deutsche Politiker und Journalisten solche Angst vor einem möglichen, aber längst nicht sicheren Erfolg Syrizas haben? Die Antwort könnte vielleicht doch Bittners Stichwort liefern. Man könnte sich, wenn man schon beim Thema ist, naürlich auch darauf besinnen, welche Ideale man in Europa eigentlich hochhalten will. Das Pflegen von Feindbildern sowie Marktkonformität und Obrigkeitshörigkeit um jeden Preis sollten jedenfalls nicht die „Seele Europas“ sein. Wer das nicht kapiert, ist Russe. Mindestens.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s