So mancher schwächelt, aber die FAZ liefert

So, der linke Revoluzzer, Brandstifter, Rattenfänger hat die Wahl gewonnen. Die Koalition mit den rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen ist sicher unschön, aber im Verteidigungsressort ist ein Blindgänger doch hoffentlich gut aufgehoben. Zuerst sollte Europa mal froh und dankbar sein, dass die Griechen trotz der schlimmen Situation im Land nicht völlig den Kopf verloren haben. Ja, sie haben mit Syriza ein Bündnis linker und sehr linker Parteien gewählt, aber die scheinen es gar nicht so eilig zu haben, die Volksrepublik Griechenland auszurufen. Angesichts der Parteienauswahl hätte mich sowieso mal interessiert, welche (ernstgemeinte und ernstzunehmende) Wahlempfehlung all die Syriza-Kritiker den Griechen ins Stammbuch hätte schreiben wollen. Auf die Faschisten entfielen übrigens gerade mal gut 6% der Stimmen. Mir fällt spontan mindestens ein europäisches Land ein, das in ähnlicher wirtschaftlicher Desolation ganz anders gewählt hat. Nebenbei dasselbe Land, dem 1952/53 ein Schuldenschnitt gewährt wurde. 

Einige überraschen, manche enttäuschen

Seltsam, jetzt liege ich schon mit Theo Sommer von der ZEIT auf einer Linie. Außerdem hat es die ZEIT geschafft, zwei Leitartikel auf die erste Seite der aktuellen Druckausgabe zu setzen, mit denen ich einverstanden bin. Das ist an sich schon bemerkenswert, aber überdies stammt einer der beiden aus Josef Joffes Feder und eigentlich dachte ich, dass so etwas erst passiert, wenn die Hölle zufriert und das Jüngste Gericht bevorsteht. Aber man kann sich ja auch mal täuschen.

Wenn man sich getäuscht hat, muss man natürlich in der Lage sein, die eigene Meinung zu ändern. Dies gelingt sogar bei SPIEGEL-Online, wo einem „Katastrophenszenario“ inzwischen auch ein positives hinzugefügt wird, was vor einem Monat aus demselben Munde noch ganz anders klang. (Den Hinweis habe ich übrigens von den Nachdenkseiten geklaut.) Journalisten, die ihre Ansichten nötigenfalls auch mal veränderten Bedingungen (oder der Realität) anpassen können, sind ja irgendwie glaubwürdiger als die ganz Sturen, aber die sind natürlich unterhaltsamer. Wobei ich mir um die Redakteure der BILD-Zeitung, die doch sonst beim Thema Griechenland so verlässlich sind, ehrlich Sorgen mache. Die waren gestern schon nicht in Form und heute war tatsächlich außer Schmollen nichts drin. Schwach.

Auf die FAZ ist Verlass

Wesentlich verlässlicher ist man da bei der FAZ. Billiger Populismus gehört natürlich nicht zum Markenkern der Frankfurter und deswegen soll nicht irgendwer, sondern der griechische Soziologe Michael Kelpanides, seines Zeichens „einer der scharfsinnigsten Denker Griechenlands“, die griechische Parlamentswahl und deren Folgen erklären. Man sollte diese Sternstunde des abendländischen Premiumjournalismus nicht verpassen, bevor der Artikel hinter der Bezahlschranke verschwindet. Überschrift: „Syriza steht für die Rückkehr zur Korruption.“ Heißt: Die Korruption in Griechenland war zwischendurch beseitigt, obwohl sich am politischen Personal nichts geändert hat und jetzt, wo nach Jahrzehnten eine neue Kraft die Regierung übernimmt, hält sie wieder Einzug. Klingt logisch.

Marxisten-Zombies zerschlagen Porzellan

Als nächstes hinterfragt Kelpanides die Heterogenität Syrizas und äußert durchaus zurecht Kritik an einigen Gruppierungen des Bündnisses. Dann geht das Licht aber auch schon ganz schnell wieder aus: Die Wahlsieger fühlten sich „wie die Bolschewiki nach der Oktoberrevolution“. Nicht schlecht. Außerdem seien „sie versucht […], die längst toten Marxschen Dogmen, die sie in ihren linken Seminaren studiert haben, wieder zum Leben zu erwecken. Da sie dies in der Wirtschaftspolitik nicht tun können, werden sie sich im Bildungssystem und in der Kulturpolitik austoben und dort viel Porzellan zerschlagen.“ Untote Ideologien – das geht ja gar nicht! Ob Syriza dieser angeblichen Versuchung nachgibt, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Ach so, die „linken Seminare“, die z.B. der neue Finanzminister besucht hat, fanden nicht an der Uni Pjöngjang oder der maoistischen Abendschule statt, sondern in Essex, Norwich und Cambridge. 

Syriza stehe für die Rückkehr zu dem System der Korruption, des Nepotismus und des Klientelismus, das Griechenland ruiniert hat.“ Den Griechen geht es wirtschaftlich schlecht, das hat Kelpanides scheinbar auch schon festgestellt, weiß aber auch zu berichten: Pasok und Nea Dimokratia, die in drei Jahrzehnten die Staatsschuld auf 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts trieben, waren ja nicht etwa eine Junta, die mit einem Putsch die Macht ergriffen hätte. Sie wurden gewählt.“ Aha. Was genau das heißt, erfährt der FAZ-Leser nicht. Wenn Pasok und Nea Dimokratia das Land zu Grunde gerichtet haben, ist das in Ordnung, weil sie ja gewählt wurden? Wenn die Mehrheit Syriza den Regierungsauftrag gibt und die das Land (noch weiter) zu Grunde richten sollte, ist das nicht in Ordnung, weil das nun mal nicht jeder darf? 

Respekt und Glaubwürdigkeit

Es folgt noch brav das Mantra der europäischen Stabilitätsregeln, die zur Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit in der Währungsunion unerlässlich sind“. Andere behaupten das genaue Gegenteil. Und zu guter Letzt fürchtet Kelpanides, dass Griechenland mit einer Syriza-Regierung den letzten Rest von Respekt und Glaubwürdigkeit im Westen verlieren wird“. Faszinierend. Des Westens Respekt und Glaubwürdigkeit kann man leider nicht essen und sie bezahlen auch weder die Miete noch den Arzt, das könnten Kelpanides so einige Landsleute bestätigen. Wieso eigentlichim Westen“? Weil Griechenland jetzt zum Ostblock gehört oder weil es dann nur noch im Osten respektiert wird? Wenn die FAZ seine Aussagen nicht völlig verhunzt hat, dann hat ein Grieche meinen Respekt jedenfalls schon mal verloren.       

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