„Wofür wir kämpfen müssen“ – und wofür nicht

In der aktuellen ZEIT findet sich eine ganze Serie von Artikeln zum Thema „Wofür wir kämpfen müssen“. Zwei davon („Für einen modernen Islam“ von Bernd Ulrich und „Für Lieben und Lachen und für die Freiheit der Frauen“ von Sabine Rückert) erscheinen mir in dem Zusammenhang einigermaßen merkwürdig, weil sie doch eigentlich eher unter das Thema „Wofür die kämpfen müssen“ fallen. Egal, es finden sich jedenfalls in allen fünf Leitartikeln gute Gedanken und vor allem moderate Töne, die der liberalen ZEIT angesichts der typischen law-and-order-Hysterie nach einem Terroranschlag ganz gut zu Gesicht stehen. Yassin Musharbash fordert mehr Prävention statt Repression, die sich vor allem in mehr Unterstützung für Lehrer, Sozialarbeiter und andere niederschlagen soll, die tagtäglich mit potentiell gefährdeten jungen Menschen zu tun haben und dabei wesentlich mehr ausrichten können als jeder Sicherheitsapparat. Heinrich Wefing wendet sich „Gegen neue Gesetze“ und vor allem gegen die scheinbar nicht totzukriegende Vorratsdatenspeicherung, die ja sowohl das Bundesverfassungsgericht als auch der Europäische Gerichtshof schon mal gekippt haben. Das klingt alles in allem ganz gut.

Warum radikalisieren sich junge Muslime eigentlich?

Wenn ich mich richtig erinnere, stellt allerdings kein einziger dieser Artikel die Frage, warum junge Männer eigentlich dem radikalen Islamismus auf den Leim gehen? Und wenn doch, dann bemerkt etwa Sabine Rückert lapidar: „Es sind Männer, die die europäische Lebensweise für ihr Versagen verantwortlich machen“ und die deshalb eine Gesellschaft anstrebten, in der sie allein aufgrund ihres Mannseins Privilegien hätten. In einer solchen Gesellschaft leben sie zwar schon, aber das nur am Rande. Diese Männer sind also Versager. Aha. Der israelische Schriftsteller Amos Oz darf weiter hinten im Feuilleton warnen: „Gebt nicht dem Islam die Schuld!“ Leider folgt auch er nicht ganz seinem eigenen Appell und macht ebenfalls muslimische Männer als Wurzel allen Übels aus, „die ihre Frauen zwingen, ungebildet, isoliert und zurückgezogen zu bleiben.“ Das ist sicher nicht ganz falsch, aber beantwortet das, wo jenes enorme Ausmaß an Frustration in der islamischen Welt herkommt, welches Oz selbst feststellt?

Sind „die“ einfach gewalttätiger als „wir“?

Am einfachsten macht es sich natürlich der Chefintellektuelle der ZEIT, Josef Joffe, der sich im Politikteil zu der Behauptung versteigt, dass nicht ein „Kampf der Kulturen“ (wenig verwunderlich, dass Joffe ausgerechnet Huntington zitiert), sondern in der islamischen Welt eine „Kultur des Kampfes“ herrsche. Der Chiasmus ist rhetorisch ja ganz fluffig, aber inhaltlich ist er doch mehr als fragwürdig. Joffe schafft es dann auch noch, all die blutigen Konflikte der letzten Jahrzehnte vom Bürgerkrieg in Algerien bis zu den Golfkriegen aufzuzählen und so zu tun, als habe der christliche Westen mit diesen nie auch nur das Allergeringste zu tun gehabt. Das ganze Blutvergießen scheint vielmehr in der islamischen Kultur liegen. So sind sie halt, die Moslems. Doch halt, Joffe erwähnt noch ganz nebenbei den westlichen Kolonialismus, verwirft ihn aber als Faktor in irgendeinem der blutigen Konflikte im Nahen Osten oder im Maghreb, weil dieser Kolonialismus ja im Vergleich zum vierhundertjährigen osmanischen „ein Klacks“ gewesen sei. Den Dreh muss ihm erst mal einer nachmachen: Der Westen hat in all diesen vergangenen und aktuellen Auseinandersetzungen nie eine Rolle gespielt und wenn schon ein fremder Akteur Mitschuld haben soll, dann halt der Türke. Der ist ja auch Muselmann – passt also. Ach so, zur hiesigen Problemlösung fordert Joffe einfach mehr Sicherheitspersonal (ein paar Zehntausend) und fertig ist die Laube.

Eine bestimmte Antwort fehlt immer

Aber auch in den weniger einfältigen Artikeln der ZEIT (zumindest in denen, die ich gelesen habe) fehlt typischerweise entweder eine Antwort auf die Frage, warum junge muslimische Männer ein solches Ausmaß an Frust und Hass empfinden, dass sie sich dermaßen radikalisieren, oder die Frage wird gar nicht erst gestellt und das Ganze als gegeben hingenommen. Islamistische Terroristen müssen natürlich nicht immer sozial benachteiligt sein (Mohammed Atta und Konsorten waren immerhin Studenten) und man sollte nicht die einfache Gleichung „Armut führt zu Terrorismus“ aufstellen. Aber es verwundert doch sehr, wie hartnäckig sich die ZEIT-Redakteure in all den Artikeln weigern, islamistischen Terrorismus zumindest auch als Folge einer sozialen Problematik zu sehen, die über den Islam sowie ein selbst verschuldetes „Versagen“ der Männer hinausgeht und die sehr viel mit realer oder zumindest empfundener Ausgrenzung zu tun hat.

Sind es nur genuin muslimische Probleme, die Frustration und Radikalisierung erst ermöglichen?

Wer wohnt denn in den Banlieues oder in den städtischen Hochhaussiedlungen? Wer hat denn hierzulande (nicht nur selbst verschuldete) Schwierigkeiten, eine anständige Ausbildung oder einen Arbeitsplatz zu bekommen? Wer muss sich denn tagtäglich und nicht nur in BILD, BaMS, Glotze eine latent oder offen islamophobe Berichterstattung  gefallen lassen? Etwas weniger polemisch gesagt: „Wir“ müssen sicher für alles Mögliche kämpfen, aber wenn „wir“ bei der Analyse des Terrorismus und der Gründe für die Radikalisierung junger Menschen nicht weiter kommen, als selbst verschuldetes Versagen zu attestieren und es einfach als gegeben hinnehmen, dass der radikale Islamismus für junge muslimische Männer attraktiv ist, dann können „wir“ es auch gleich lassen. Ja, der Islam spielt in der Gemengelage seine besondere Rolle und die wird in den Medien auch beleuchtet. Aber der radikale Islam kann natürlich vor allem da erfolgreich sein, wo Ausgrenzung, Perspektiv- und Orientierungslosigkeit so groß sind oder zumindest so stark empfunden werden, dass eine radikale Ideologie, die sich aggressiv gegen die „Anderen“ wendet und darüber hinaus Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Ziele vorgaukelt, auf fruchtbaren Boden fällt. Wenn „wir“ dem islamistischen Terrorismus diesen Boden entziehen wollen, müssen „wir“ auch eine Debatte über Gerechtigkeit führen und auch für einige, vor allem soziale, Veränderungen kämpfen, damit sich junge muslimische Männer eben nicht so oft als „Versager“ fühlen und islamistischen Rattenfängern auf den Leim gehen. Leider fehlt dieses Thema gänzlich und wohl kaum zufällig in der Liste der Ziele, für die man bei der ZEIT kämpfen will.

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