Trost Neujahr

Eigentlich war einer meiner Vorsätze für das neue Jahr, mich weniger mit der ZEIT auseinanderzusetzen, aber nachdem ich kürzlich das großartige taz-Titelbild zum hiesigen Umgang mit dem Thema Griechenland geteilt habe, passt der aktuelle Leitartikel im Wirtschaftsteil der ZEIT einfach zu gut in mein Beuteschema: „Gerät Griechenland in die Hand der linken Reformgegner?“ Großartig! Nach einer derart formulierten Frage im Vorspann ist der Inhalt des Artikels eigentlich auch egal, weil sowieso schon alles gesagt ist. Das Land gerät den Reformgegnern also in die Hände. Klingt nach einem brutalen Schicksalsschlag, ist aber nicht etwa das Ergebnis eines Staatsstreichs mit Geiselnahmen und allen Extras als vielmehr das (mögliche) Ergebnis einer demokratischen Wahl.

Reformen gut und Reformgegner schlecht, weil Reformen gut

Außerdem gilt im Artikel natürlich: Reformen gut und Reformgegner schlecht, weil Reformen gut. Diese in Alternativlosigkeiten verhaftete Denkweise, die den Artikel wie so viele andere beherrscht, ist dermaßen hermetisch, dass man den Unterdruck fast schon auf den eigenen Ohren spürt. Die Autoren geben zwar schüchtern zu, dass „die harten Sparauflagen mitverantwortlich für die ökonomische Schrumpfung des Landes sind“, sehen aber pflichtschuldig Licht am Ende des Tunnels und stellen die Austeritätspolitik und deren Reformen natürlich in keinster Weise in Frage. Die optimistischeren Zahlen aus Griechenland glauben dabei nicht mal die Kollegen aus der eigenen Redaktion und einen interessanten Unterschied zwischen der Arbeitsmarktenwicklung in Europa und den USA seit Beginn der sogenannten Strukturreformen kann man z.B. hier bewundern.

Zur Not holt man den Russen aus dem Schrank

Die eigentliche Gefahr scheint für die Autoren aber sowieso nicht die wirtschaftliche und soziale Problematik zu sein. Vielleicht noch nicht mal Tsipras und seine Reformgegner. Denn wenn die EU auf ihrer Position beharrt (ist ja alternativlos) und Tsipras einen Austritt aus dem Euro anstrebt (was sowieso nicht der Fall ist), dann – so wird ein „hochrangiger Regierungsberater“ Berlins zitiert – könnte der Grieche sich in die haarigen Arme des Russen flüchten. Das sei „das Horrorszenario“ und scheint leider sogar ernst gemeint zu sein. Die Lesart hingegen, das Wahlergebnis auch als Chance zu betrachten, über Alternativen oder zumindest eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Austeritätspolitik und ihren Folgen nachzudenken, findet sich in den gängigen deutschen Medien eher selten.

Im ZEIT-Artikel bleibt man auch lieber dogmatisch statt pragmatisch. So sind sämtliche Gegner der Austeritätspolitik in Südeuropa natürlich „radikale Kräfte“; ganz im Gegensatz zu den gemäßigten Ökonomiecracks von Pasok und Nea Dimokratia, die Griechenland seit Jahrzehnten regieren, dem Land erst alles eingebrockt und dann die Sparprogramme durchgeprügelt haben, mit denen das Wahlvolk die Suppe seit Jahren auslöffeln darf: 26% Arbeitslose (unter jungen Menschen ist die Quote etwa doppelt so hoch), eine zusammengebrochene Gesundheitsversorgung, die Einkommen um ein Drittel gesunken, 37% der Bevölkerung leben an der Armutsgrenze. Und jetzt wählen die Griechen tatsächlich „radikale Kräfte“ und „Reformgegegner“?

Trost Neujahr

Aber Trost und Hilfe für alle Beteiligten nahen von unerwarteter Seite. Mein guter Vorsatz fürs das Jahr 2015 schloss außerdem ein, mich nicht mehr über den ZEIT-Herausgeber Josef Joffe und sein Geschreibsel zu ärgern. Diesen Vorsatz setze ich jetzt gnadenlos um und genieße Joffes aktuelle Wohlfühlkolumne mit ihren positiven vibrations. Aufhänger ist die Silvesternacht und eine Freundin, die wohl angesichts all des Leids in der Welt nicht so recht an ein gutes neues Jahr glauben mochte. Aber der Lichtarbeiter Joffe hatte natürlich (tongue-in-cheek-mäßig, versteht sich) passenden Zuspruch parat, um die Finsternis der Welt oder zumindest des Penthouse-Flurs etwas aufzuhellen. Und zwar billiges Öl, was sonst? Warum kann der Ölpreis eigentlich so plötzlich so sehr sinken? Atmen! Was passiert jetzt mit Staaten, deren Wirtschaft überwiegend vom Ölexport abhängt? Lächeln! Und was ist jetzt mit Ressourcenschonung, Weltklima und dem ganzen Gedöns? Ega-hal! Und wenn schon der Ölpreis nicht genügend gute Laune ins neue Jahr emittiert, dann hat Joffe ja noch einen Stimmungsaufheller in petto: Trüffel sind auch billiger! Weiße Trüffel natürlich. So kostet die Trüffelpasta in New York aktuell nicht mehr 100, sondern nur noch 50 Dollar! Also, Griechen, sonstige Arbeitslose, Reformgegner, Flüchtlinge, Kriegsopfer und alle anderen Meckerfritzen – lasst euch doch einfach mal für ‘nen Fuffi ordentlich Trüffel über die Nudel reiben und genießt das Leben!

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