Charlie Hebdo

Quelle: titanic-magazin.de
Quelle: titanic-magazin.de (Titanic trifft den Nagel auf den Kopf; Nachtrag vom 9.1.)

Heute solidarisieren sich ja alle mit Charlie Hebdo. Das ist schön. Weniger schön, wenn auch nicht überraschend, ist, dass BILD, Express, BZ und all die anderen Schmierblätter auf den Zug aufspringen, weil Charlie Hebdo sich zurecht (auch) über fanatische Muslime lustig gemacht hat. Aber nein, liebe Boulevardpresse, ihr habt da was falsch verstanden, vous n’êtes pas Charlie. Wart ihr nie und werdet ihr auch nie sein, weil ihr zwischen Satire, die in alle Richtungen austeilt und dem Bedienen der ewig gleichen Ressentiments sowie journalistischen Leitlinien und Pressefreiheit schon von Berufs wegen gar nicht unterscheiden könnt. Diese kleine Behinderung ist ja ebenso Teil eurer Geschäftsgrundlage wie der pathologische Zwang, bei allen emotionalen Trendthemen mitbrüllen zu müssen.

So entblödet sich z.B. die Kölner BILD-Ausgabe auch nicht, ihre Facebook-Seite mit einem „Je suis Charlie Hebdo“-Titelbild zu versehen, während weiter unten munter vom „Flüchtlings-Killer“ gesabbert wird oder zu erfahren ist, dass BILD unter gelungener Integration versteht, wenn ein muslimisches Mädchen Sternsingerin wird. Wie reagiert denn die Boulevardpresse, wenn etwa Angela Merkel irgendwo in Europa mal wieder mit Hitler-Bärtchen oder Pickelhaube karikiert wird? Wer bietet denn andererseits immer wieder Premium-Intellektuellen wie Fest, Wagner oder Sarrazin die Bühne, um ihre Gedankenarmut zum Thema Integration mit Millionen Lesern zu teilen? Wer verbreitet denn Begriffe wie „Döner-Morde“ oder „Islam-Rabatt“ und kocht mit mehr oder weniger originellen Märchen zu gewalttätigen Ausländern im Allgemeinen und zum bedrohlichen Muselmann im Besonderen sein ganz eigenes Süppchen?

Ganz genau. Also, wenn eine Satire-Zeitschrift neben allen möglichen anderen Zielen auch mal gegen einen Lieblingsfeindbild der Boulevardpresse austeilt, hat sie immer noch nichts mit ihr gemein. Allenfalls wirken die eifrigen Solidarisierungsbekundungen des Boulevards wie unfreiwillige Satire und so trifft das „Je suis Charlie Hebdo“ dann vielleicht doch auf eine Weise zu, die weder die Einzeller in der Leserschaft verstehen noch die Zweizeller in der Redaktion beabsichtigt haben. Ich habe nicht nachgesehen, aber vielleicht blöken ja auch noch AfD, Pegida, die CSU und am besten noch IS und al-Qaeda „Je suis Charlie Hebdo“ in die Welt hinaus. Und wenn Christian Wulff eines Tages das Zeitliche segnet, titelt die Kölner BILD „Wir sind Wulff“ und meint das wahrscheinlich auch wieder ernst.

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