Monthly Archives: January 2015

Der nord-südliche Iwan

Faul wie ich bin, verlinke ich einfach mal eine Artikelauswahl zum Thema Griechenland. Wahrscheinlich macht sich sowieso kein Mensch die Mühe, all diese Artikel zu lesen (ich auch nicht), aber allein die Überschriften tragen ja schon zur Meinungsbildung bei und wenn ständig auf allen Kanälen so dermaßen auf den Putz gehauen wird, dann muss die neue Athener Regierung ja wirklich ganz arg schlimm sein. Zur Klarstellung: Wenn der neue Außenminister Kotzias tatsächlich Kontake zum russischen, naja, Philosophen Alexander Dugin unterhalten sollte, müsste er sich zumindest öffentlich erklären. Und wenn der neue Verteidigungsminister Kammenos tatsächlich antisemitischen Schwachsinn verbreitet, muss er gehen. Wenn. Kammenos war früher übrigens Mitglied der Nea Dimokratia und könnte für die hiesigen Medien auch erst als Feindbild interessant geworden sein, seit er dieser Partei nicht mehr angehört. Damit aber genug der Verschwörungstheorien. Continue reading Der nord-südliche Iwan

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So mancher schwächelt, aber die FAZ liefert

So, der linke Revoluzzer, Brandstifter, Rattenfänger hat die Wahl gewonnen. Die Koalition mit den rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen ist sicher unschön, aber im Verteidigungsressort ist ein Blindgänger doch hoffentlich gut aufgehoben. Zuerst sollte Europa mal froh und dankbar sein, dass die Griechen trotz der schlimmen Situation im Land nicht völlig den Kopf verloren haben. Ja, sie haben mit Syriza ein Bündnis linker und sehr linker Parteien gewählt, aber die scheinen es gar nicht so eilig zu haben, die Volksrepublik Griechenland auszurufen. Angesichts der Parteienauswahl hätte mich sowieso mal interessiert, welche (ernstgemeinte und ernstzunehmende) Wahlempfehlung all die Syriza-Kritiker den Griechen ins Stammbuch hätte schreiben wollen. Auf die Faschisten entfielen übrigens gerade mal gut 6% der Stimmen. Mir fällt spontan mindestens ein europäisches Land ein, das in ähnlicher wirtschaftlicher Desolation ganz anders gewählt hat. Nebenbei dasselbe Land, dem 1952/53 ein Schuldenschnitt gewährt wurde.  Continue reading So mancher schwächelt, aber die FAZ liefert

Von Wieseln und Revoluzzern

Zeit-online 2015-01-23Der Artikel gibt sich weit weniger krawallig als der Teaser und nennt als Wähler Tsipras’ Arbeitnehmer, die trotz harter Arbeit kaum überleben können, Rentner, deren Bezüge eingedampft wurden und junge Leute ohne Perspektive. Also griechische Durchschnittsbürger des Jahres 2015, die einen Kandidaten wählen, der nicht zu denjenigen gehört, die ihnen alles eingebrockt haben und der verspricht, ihnen nicht noch mehr Sparprogramme aufzubürden. Irgendwie verständlich.

Abgesehen vom Inhalt des Artikels möchte ich der Redaktion noch zur sprachlichen Gestaltung des Anreißer gratulieren. „Griechenland gehe es etwas besser, dachte man.“ „Dachte man.“ Lange nicht mehr so ein schönes Wiesel in freier Wildbahn gesehen. Denkt man also „im restlichen Europa“ scheinbar nicht mehr. Geht es diesen Griechen dann am Ende gar nicht besser? Und wer könnte solche Gerüchte verbreiten?

Und weiter: „Doch Griechen wie Christanthi oder Dimitrios wollen einen linken Revoluzzer an der Macht sehen.“ Christanthi (im Artikel heißt sie Chrisanti) will „die alte, verschlissene“ Pasok nicht mehr wählen, Dimitrios ist einer der besagten Rentner. Deshalb wollen sie nicht etwa einen sozialdemokratischen oder linken Politiker wählen, nein, sie „wollen einen linken Revoluzzer an der Macht sehen.“ Revoluzzer: Substantiv, abwertend. Synonyme: Aufständischer, Putschist, Rebell, Revolutionär, Terrorist. Ganz klein und schüchtern ist übrigens darunter der Artikel „Keine Angst vor Alexis!“ verlinkt. Schon zu spät, liebe Sprachtüftler bei ZEIT-online, mir schlottern schon die Knie.

„Wofür wir kämpfen müssen“ – und wofür nicht

In der aktuellen ZEIT findet sich eine ganze Serie von Artikeln zum Thema „Wofür wir kämpfen müssen“. Zwei davon („Für einen modernen Islam“ von Bernd Ulrich und „Für Lieben und Lachen und für die Freiheit der Frauen“ von Sabine Rückert) erscheinen mir in dem Zusammenhang einigermaßen merkwürdig, weil sie doch eigentlich eher unter das Thema „Wofür die kämpfen müssen“ fallen. Egal, es finden sich jedenfalls in allen fünf Leitartikeln gute Gedanken und vor allem moderate Töne, die der liberalen ZEIT angesichts der typischen law-and-order-Hysterie nach einem Terroranschlag ganz gut zu Gesicht stehen. Yassin Musharbash fordert mehr Prävention statt Repression, die sich vor allem in mehr Unterstützung für Lehrer, Sozialarbeiter und andere niederschlagen soll, die tagtäglich mit potentiell gefährdeten jungen Menschen zu tun haben und dabei wesentlich mehr ausrichten können als jeder Sicherheitsapparat. Heinrich Wefing wendet sich „Gegen neue Gesetze“ und vor allem gegen die scheinbar nicht totzukriegende Vorratsdatenspeicherung, die ja sowohl das Bundesverfassungsgericht als auch der Europäische Gerichtshof schon mal gekippt haben. Das klingt alles in allem ganz gut. Continue reading „Wofür wir kämpfen müssen“ – und wofür nicht

Ambildvalenz (9)

Web.de 2015-01-16

Es sind zwar nur die Grunznachrichten auf web.de, aber manchmal sind diese aufschlussreicher, als man denkt. Im Unterschied zu den Schreiberlingen des Portals denke und hoffe ich, dass die Behörden aufgrund einer konkreten Gefahr und nicht wegen allgemeiner „Terrorangst“ (also „Angstangst“) Razzien durchgeführt haben. Letzteres wäre in der aktuellen Situation vielleicht erklärlich, aber dann doch leicht besorgniserregend.

 

 

„Egalité“ heißt doch Gleichgültigkeit, oder nicht?

Mal sehen, ob dieser Post zu Charlie Hebdo ähnlich oft wie der letzte gelesen wird. Ein Bild kann da nie schaden:

kimestcharlie

Zwei kurze Anmerkungen im Nachgang: Erstens bestätigt sich natürlich die Einschätzung, dass die meisten nur dann für Satire sind, wenn diese sich gegen die Anderen richtet. Das schönste Beispiel dürfte dabei die spanische Regierung liefern, deren Chef Rajoy am Sonntag in Paris mit gut 40 anderen Staats- und Regierungschefs auch irgendwie Charlie war, während zu Hause gerade aus dem Dunstkreis seiner Partei ein Prozess gegen einen Satiriker angestrengt wird. Gracias, Mariano, für diese Steilvorlage!
Die Preisfrage wäre jetzt, herauszufinden, in wie vielen Ländern, deren Staats- und Regierungschefs in Paris Charlie gewesen sind, gerade in ähnlicher Weise Druck auf Satiriker ausgeübt wird? Ich tippe mal auf mehr als nur eins (Ungarn, die Türkei, der Tschad oder die Ukraine sind wahrscheinlich nur einige der heißen Kandidaten). Am Rande dieses Happenings stellte sich übrigens völlig überraschend heraus, dass ein Bild, welches unter ordentlich Schnappatmung „schon jetzt zu den bedeutsamsten politischen Ikonographien unserer Epoche“ hochgejazzt wird, nicht genau das zeigt, was es vorgibt. Der Süddeutschen macht so leicht keiner was vor. Continue reading „Egalité“ heißt doch Gleichgültigkeit, oder nicht?

Trost Neujahr

Eigentlich war einer meiner Vorsätze für das neue Jahr, mich weniger mit der ZEIT auseinanderzusetzen, aber nachdem ich kürzlich das großartige taz-Titelbild zum hiesigen Umgang mit dem Thema Griechenland geteilt habe, passt der aktuelle Leitartikel im Wirtschaftsteil der ZEIT einfach zu gut in mein Beuteschema: „Gerät Griechenland in die Hand der linken Reformgegner?“ Großartig! Nach einer derart formulierten Frage im Vorspann ist der Inhalt des Artikels eigentlich auch egal, weil sowieso schon alles gesagt ist. Das Land gerät den Reformgegnern also in die Hände. Klingt nach einem brutalen Schicksalsschlag, ist aber nicht etwa das Ergebnis eines Staatsstreichs mit Geiselnahmen und allen Extras als vielmehr das (mögliche) Ergebnis einer demokratischen Wahl. Continue reading Trost Neujahr

Charlie Hebdo

Quelle: titanic-magazin.de
Quelle: titanic-magazin.de (Titanic trifft den Nagel auf den Kopf; Nachtrag vom 9.1.)

Heute solidarisieren sich ja alle mit Charlie Hebdo. Das ist schön. Weniger schön, wenn auch nicht überraschend, ist, dass BILD, Express, BZ und all die anderen Schmierblätter auf den Zug aufspringen, weil Charlie Hebdo sich zurecht (auch) über fanatische Muslime lustig gemacht hat. Aber nein, liebe Boulevardpresse, ihr habt da was falsch verstanden, vous n’êtes pas Charlie. Wart ihr nie und werdet ihr auch nie sein, weil ihr zwischen Satire, die in alle Richtungen austeilt und dem Bedienen der ewig gleichen Ressentiments sowie journalistischen Leitlinien und Pressefreiheit schon von Berufs wegen gar nicht unterscheiden könnt. Diese kleine Behinderung ist ja ebenso Teil eurer Geschäftsgrundlage wie der pathologische Zwang, bei allen emotionalen Trendthemen mitbrüllen zu müssen. Continue reading Charlie Hebdo

Spartakurs

Kürzer und besser kann man Deutschlands Verhalten in Sachen Griechenland wohl kaum kommentieren. Ich versuche es also erst gar nicht, sondern generiere mit fremden Inhalten gigantischen Traffic. Diese revolutionäre Web-Strategie hat mir übrigens dieselbe Agentur verhökert, die die FDP mit ihrem, äh, Relaunch ins dritte Jahrtausend geschossen hat.

Quelle: meedia.de
Quelle: meedia.de