Der Klimagipfel, die Systemkritik und du

Heute werden mal ganz dicke Bretter gebohrt. Weltklima! Nach dem Klimagipfel in Lima ist irgendwie alles wie immer, nur mit mehr Kalauern zu „Lima” und „Klima”. Alle wissen, worum es geht, aber keiner ist in der Lage, seine kurzfristigen Partikularinteressen zugunsten eines langfristigen, allgemeinen Interesses zurückzustellen. So weit, so bekannt.

Alles Blockierer außer Deutschland 

Mich interressiert eher die Einordnung des Klimagifels am Beispiel eines Artikels auf ZEIT-online. Zwei Dinge sind dabei meiner Meinung nach typisch. Erstens die implizite Botschaft, dass andere blockieren, aber wir Deutschen (Weltmeister!) irgendwie zu den Guten gehören. Wir verfehlen zwar unsere Klimaziele meilenweit und die „Energiewende“ bedeutet so einiges, aber mit Sicherheit keinen „Abschied von Kohle“ – wohl eher das Gegenteil. Der Strom wird zwar an den Börsen immer billiger und für die Verbraucher immer teurer, aber Schuld sind natürlich die Müslis mit ihrer Energiewende und der EEG-Umlage, die keiner versteht und sich genau deshalb so großartig als Sündenbock eignet.*
Deutschland (Klassenbester!) zahlt also fleißig in den Klimafonds ein, fördert aber gleichzeitig hierzulande in mehr als 50-fachem Umfang klimaschädliche Maßnahmen. Auftritt der Präsidentin des Umweltbundesamtes: „Es ist keine nachhaltige Politik, wenn umweltschädliche Produktionsweisen erst mit Milliarden gefördert werden und dann weitere Milliarden bereitgestellt werden müssen, um Schaden an Umwelt und Gesundheit wieder halbwegs zu kompensieren.“ Kann man so stehen lassen.

Alles Blockierer außer mir

Was ich zweitens an der medialen Aufarbeitung des Klimagipfels so bezeichnend finde, ist die Einschätzung der ZEIT-Redakteurin, mit der sie den Artikel aufmacht und beendet: „Selbst wenn es um die Weltrettung geht, kämpft jeder nur für sich. Den Bürgern ist das kaum noch zu vermitteln.“ Ernsthaft? Ich glaube, dem Bürger ist „das“ sehr wohl zu vermitteln, weil es genau seinem Verhalten entspricht. Konkurrenzdenken und kurzfristige Profitmaximierung sind ihm doch nicht völlig unbekannt. Über die ethisch-moralische Schiene lässt sich das Problem also wohl kaum lösen. Wahrscheinlich funktioniert das Ganze wie immer nur über den Geldbeutel, aber bisher entsprechen ja die Kosten bestimmter Produkte und Dienstleistungen eben nicht den Kosten der klimatischen Folgen, die sie verursachen. Deshalb dürfte es im nächsten Frühjahr interessant werden zu sehen, ob Zusammenhänge zwischen CO2-Emissionen und klimatischen Folgen juristisch verwertbar nachgewiesen werden können. Dann könnte umweltschädigendes Verhalten für Unternehmen (und damit auch für die Verbraucher) teuer werden und dann könnte sich tatsächlich etwas ändern. Sonst eher nicht. Warum?

Darum: Wie wohlfeil und widersprüchlich das bisschen „Systemkritik“ ist, das Journalisten, Blogger oder besorgte Bürger so üben, führte Matthias Egersdörfer (in etwas anderem Zusammenhang, aber durchaus passend) in der letzten „Anstalt“ aus. Nach der Hälfte seines Solos hat er das Publikum auf die Leimrute einer schönen Utopie gelockt und dekonstruiert diese Vorstellung eines Lagerfeuersozialismus gleich wieder. „Die Anstalt“ hat ja so ihre Höhen und Tiefen; zuerst dachte ich Egerdörfer gehöre zu Letzterem und seine Komik erschöpfe sich schon in „lustiger“ Mundart, aber sein Solo-Auftritt war dann doch überzeugend. Wenn das Studiopublikum aufhört zu lachen, muss man wohl ins Schwarze getroffen haben.

Inzwischen sollte doch wirklich jeder kapiert haben, dass allen Sonntagsreden zum Trotz weder Staaten, noch Unternehmen, noch Individuen ihr Verhalten ohne entsprechende Anreize verändern. Diese positiven oder negativen Anreize muss man schaffen, sonst trifft sich die Klimagipfelkarawane weiter alle paar Jahre, um ihre eigene Ohnmacht festzustellen und die Journalisten schreiben weiter, das sei den Bürgern nicht mehr zu vermitteln, obwohl diese doch an der Wahlurne (und an der Kasse) immer wieder das Gegenteil bestätigen.

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* Ein kleines Lehrstück zum EEG. Die Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie ist natürlich eine Lobbygruppe, aber lesenswert ist der Artikel auch dann, wenn man nur die Hälfte glaubt.

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