Feindbilder

Die ZEIT hat nach meinem Blogeintrag und den Recherchen (ausgerechnet) der BZ eigene Nachforschungen angestellt und sich in der aktuellen Ausgabe mit der Finanzierung des IS befasst. Inmitten ebenso gängiger wie unsäglicher Horror-Rhetorik („Herz der Finsternis“), taxiert der Artikel den Verdienst des IS durch Ölverkäufe deutlich geringer und benennt als Endverbraucher u.a. Turkmenistan und die Türkei. Scheinbar endet also die Handelskette vor Europas Haustür, was bedeuten könnte, dass europäische Staaten aufgehört haben, billiges Öl aus IS-Fördergebiet zu kaufen. Muss es aber nicht.

Wenn ich schon die ZEIT lese, komme ich natürlich auch nicht um Josef Joffe herum, der Woche für Woche offenbart, wie in der Chefetage einer einflussreichen deutschen Wochenzeitung gedacht wird. Langsam sollte ich Joffe mal eine privilegierte Partnerschaft anbieten, denn er liefert äußerst verlässlich Steilvorlagen für meinen Blog und bestätigt immer wieder unnachahmlich alle meine liebgewonnenen Vorurteile.

Staatsfeind Nr. 1

Dieses Woche befasst sich der „Zeitgeist“ retrospektivisch mit dem Bahnstreik. Gutes Thema, habe ich noch gar nichts zu geschrieben. Den ersten Teil der Kolumne – die Kritik an der medialen Schmutzkampagne gegen den GDL-Vorsitzenden Claus Weselsky – kann man ebenso getrost ignorieren wie alles, was in einem Satz vor „aber“ genannt wird. Ich bin im Zuge (Brüller) dieser Hatz ohnehin das Gefühl nicht losgeworden, dass die Aufregung um Weselsky ohne dessen Dialekt und seinen Schnäuzer wesentlich geringer ausgefallen wäre. Egal, zurück zu Joffe. Nach dem „aber“ kommt er also zu seiner eigentlichen Aussage und die singt, zwar weniger schrill, aber wohlbekannt, das alte Lied der Erzkonservativen, das von Joe McCarthy bis Maggie Thatcher alle so schön geträllert haben: Teufelszeug Gewerkschaften, rote Gefahr, Kommunisten überall – zwo, drei und alle!

Andrea Nahles hat ja als Reaktion auf den Tarifkonflikt gleich mal das Streikrecht ändern lassen, damit sich eine Gewerkschaft in Zukunft nicht dermaßen daneben benehmen kann und einfach glaubt, die Interessen aller ihrer Mitglieder konsequent vertreten zu müssen. „Waffengleichheit“ braucht es laut Joffe. Natürlich bezieht sich das nur auf die Gewerkschaften untereinander. Schlagkräftige Gewerkschaften, die tatsächlich etwas ausrichten können, sind also unfair. Anders ausgedrückt: Deutschland benötigt zahnlose Gewerkschaften, die sich jahrelang im Interesse der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in „Lohnzurückhaltung“ üben, die mit Streiks sowieso nichts ausrichten können oder die, wie die GDL-Vorgängerin Transnet, gleich vom Kumpel des Konzernchefs geleitet werden. Die alles andere als wehrlosen Arbeitgeber spielen bei Joffes Begriff von „Waffengleichheit“ keine Rolle.

Lohn der Angst

Mein Vergleich mit Kommunistenfressern wie McCarthy und Thatcher ist natürlich leicht überspitzt, aber Joffes Rhetorik ist auch nur auf den ersten Blick moderater: „Das heilige Streikrecht darf nicht zum grenzenlosen Erpressungspotenzial mutieren.“ Wieso grenzenlos? Die GDL kann in der Praxis zwei Drittel des Bahnverkehrs für eine gewisse Zeit lahmlegen. Das ist viel, aber es nicht grenzenlos. Für die Krankheitsmetapher „mutieren“ würde Susan Sontag Joffe hoffentlich eine scheuern, wenn sie noch lebte. „Wer an den Würgepunkten sitzt, hat nicht das Recht, ein ganzes Land zu bestrafen. Die Übermacht strategisch platzierter Gruppen […] beschneiden“ usw. usf.

Worum ging es nochmal? Generalstreik? Diktatur des Proletariats? Lenin wird aus der Tiefkühltruhe geholt? Es geht und ging, um das Recht einer Gewerkschaft, verschiedene Arbeitnehmergruppen eines Unternehmens zu vertreten – und natürlich um das liebe Geld. Im Feuilleton der gleichen ZEIT-Ausgabe ist man scheinbar einen winzigen Schritt weiter. Im Leitartikel des Ressorts zu Deutschlands Sonder- und manchmal sonderbarer Rolle in Europa schreiben die Autoren ganz, ganz schüchtern, dass Deutschlands Sparpolitik (zumindest als Diktat für europäische Krisenstaaten) „von vielen Wirtschaftsexperten“ (also nicht von den Verfassern selbst) als falsch angesehen werde, weil es die Konjunktur abwürge. Wie immer fehlt das schlimme L-Wort: Löhne. Aber immerhin. Joffes „Zeitgeist“ hingegen endet mit ein paar Krokodilstränen im Knopfloch seines Sakkos, da Streiks von Piloten und Lokführern doch „Abermillionen von Unbeteiligten“ träfen. Um zu seiner Krankheitsmetaphorik zurückzukehren, der Bahnstreik ist nur das „Symptom“ mit verschiedenen Ursachen –  eine davon dürfte der Lohn deutscher Lokführer sein, der im europäischen Vergleich etwa so aussieht:

Einkommensvergleich Lokführer

Hoffentlich hat er ein Taschentuch gefunden. Wir sehen uns nächste Woche, Joffe.

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