Warum nur der Unmut?

Immer interessant, die Kolumnen des ZEIT-Herausgebers Josef Joffe zu lesen. Nicht nur, weil sie gerne mal unfreiwillig komisch sind, sondern weil sie manchmal exemplarisch aufzeigen, woran der Qualitätsjournalismus so krankt.

Diese Woche schreibt Joffe zum Thema Kapitalismus und wundert sich, wie dieser laut einer Umfrage in Deutschland so unpopulär sein kann (Auftritt Merkel: „Deutschland geht es gut.“ – Merkel ab). Joffe lobt nachvollziehbare Vorzüge des Kapitalismus gegenüber dem Sozialismus, blendet aber jegliche Probleme des ersteren aus. Finanz- und Wirtschaftskrise, Heere von Arbeitslosen in Europa, die Verteilung von Vermögen und Steuerlasten, Einflussnahme durch Lobbyisten – man kann’s ja kaum noch hören, aber solche Mängel einfach zu verschweigen, passt eher zu einem Gebrauchtwagenverkäufer als zu einem Journalisten. Der gesamte Kommentar baut auf dem erstaunlich einfältigen Schluss auf, der Sozialismus habe versagt, der Kapitalismus sei als Sieger übrig geblieben und deshalb nicht in Frage zu stellen: „Warum der Unmut? Das Gegenmodell DDR ist total gescheitert“. Um beim Bild des Gebrauchtwagenhändlers zu bleiben: Wie kannst du dich über die Pannen deines BMW beschweren, wenn Nachbars Trabant ein Totalschaden ist? Das überzeugt.

Mal abgesehen vom „Unmut“ vieler Deutscher über einen Kapitalismus, der vielleicht den Erzfeind Sozialismus besiegt hat, aber auf seiner Seite eben nicht nur Sieger kennt – die Unfähigkeit sogenannter Meinungsführer, über Holzklotz-Kategorien wie „völlig falsch“ oder „völlig richtig“ hinauszudenken, kann auch ganz schön nervtötend sein. Diese Differenzierungsverweigerung wird in Joffes Suggestion fortgeführt, der deutsche Kapitalismus habe sich seit den fünfziger Jahren nicht verändert. Der ganze Kommentar ist ein sehr anschauliches Beispiel für die Reflektionsunfähigkeit und Ideologieanfälligkeit eines Journalismus, der u.a. „die entscheidende Frage, die immer die ist, wer was besitzt und warum, nie oder nur ausnahmsweise stellt, […] deshalb, weil Journalismus nicht darin besteht, sich eigene Gedanken zu machen, sondern die zu nehmen, die schon da sind und als gültig erkannt.“

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