Theatergruppe CDU2017 inszeniert den Faust

Die Gruppe „CDU2017“ hat für ihren großen Auftritt unter anderem Friedrich Merz aus der Requisite hervorgezaubert und will jetzt mächtig Eindruck schinden. Bühne frei für Jens Spahn, den Initiator des Ganzen: „Die Gretchenfrage ist, ob wir endlich mal die Kraft zu Reformen haben, während es uns noch gut geht.“ Lexikalisch gesehen ist das natürlich keine Gretchenfrage und schon gar nicht die Gretchenfrage; das wäre nämlich die nach der Religion. Aber vielleicht ergibt Spahns Frage trotzdem mehr und einen anderen Sinn, als er so denkt.

Bravourös: Jens Spahn als Gretchen

Hintergrund ist die eingetrübte Konjunkturaussicht der Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsinstitute („Wirtschafsweise“ sagt wohl keiner mehr, scheinbar hat sich doch langsam die Erkenntnis durchgesetzt, dass Weise mit ihren Einschätzungen zumindest hin und wieder Recht haben sollten.) „CDU2017“ macht nun wenig überraschend auf Mittelstands- und Wirtschaftsversteher. Leider wird ihr Initiator Spahn dann auch mit dieser Aussage zitiert: „Unsere Industrie hat zu wenig Gründergeist. Es wäre wünschenswert, wenn die großen Autofirmen einen Teil der Summe, die sie einmal über die Abwrackprämie vom Staat erhalten haben, heute in Start-ups stecken würden.” Applaus.

Ich denke, unsere Industrie hat vor allem Unternehmergeist – wenn ihr der Staat massenhaft Geld in den Rachen wirft, schluckt sie es gerne und steckt es hin, wo sie will. Die Autoindustrie gehört, glaube ich, auch nicht zum Mittelstand. Also könnte Spahn die Abwrackprämie an sich als überflüssiges Geschenk kritisieren. Stattdessen wundert er sich, dass die Industrie das Geld nicht in crazy innovative Start-ups gesteckt hat, wie er das gerne hätte.

Neben PR-Geblubber wie dem „Mittelstands-TÜV“ für den Koalitionsvertrag fordert „CDU2017“ eine „Agenda 2020“ mit den üblichen Maßnahmen: Haushaltskonsolidierung, irgendwas mit Ausländern, nebulöses Digitales, Investitionen in die Infrastruktur (ich tippe auf Straßenbau) und natürlich keinesfalls neue Sozialgeschenke! Denn die sind schlecht (im Unterschied zu Geschenken an die Industrie) und wurden von den Wirtschaftsinstituten eindeutig als heimische Ursache für das verschlechterte Konjunkturhoroskop ausgemacht, was die üblichen Verdächtigen von FAZ über WELT bis CDU natürlich gerne nachplappern.

Gewagt: Vier Wirtschaftsinstitute in der Rolle des Mephistopheles

Was dabei keinem der Beteiligten aufzufallen scheint: Das Rentenpaket ist vor gerade mal drei Monaten in Kraft getreten und es wird noch eine Weile dauern, bis da irgendwelche messbaren Effekte eintreten. Noch besser: Der Mindestlohn wird (mit 17000 Ausnahmen) erst 2015 in Kraft treten – aber beide hemmen jetzt schon das Wachstum! An dieser Stelle geht ein Raunen durchs Publikum; derartig plump hat Goethes Mephistopheles nie gelogen.

Aber so kann man schön den Bogen zurück von der Wirtschaftspolitik zum Glauben schlagen. Wer nur fest genug glaubt, hinterfragt eher selten. Gretchen ist sehr gläubig und leider auch ziemlich naiv. Der Adressat ihrer Frage (bei Goethe Faust, bei „CDU2017“„wir“, also wahrscheinlich die Deutschen oder zumindest ihre Politiker) ist eigentlich ein anständiger Christenmensch, hat sich aber dummerweise auf einen Pakt mit dem leibhaftigen Gottseibeiuns eingelassen. Diese feinsinnige Pointe ist den Nachwuchsschauspielern um Jens Spahn dann doch gut gelungen. Vorhang, Schwefelgeruch aus der Konserve und lauwarmer Applaus im Saal. Die Zugabe bitte stecken lassen.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s