Gute Nachricht: In 20-30 Jahren geht es aufwärts!

Die neue Wachstumsprognose ist da! Und wieder mal lagen die Experten daneben und müssen ihr Konjunkturbingo aus dem Frühjahr deutlich korrigieren. Wie immer halt. Aber natürlich können sie wenig für ihre falschen Prognosen; es kommt einfach immer irgend etwas dazwischen – meistens die Realität. Im aktuellen Fall sind die Russen schuld (geht immer), außerdem die wegbrechende Nachfrage im europäischen Ausland (ohne Kohle lässt sich schlecht einkaufen) und unsere linksradikale Regierung, die mit Geschenken wie Mindestlohn oder Mietpreisbremse die Konjunktur abwürgt. Die empfohlenen Maßnahmen sind altbekannt: Deregulierung und Steuern für Unternehmen senken. Brillant! Machen wir zwar schon längst, aber egal.

Neu hingegen ist die Erkenntnis, dass die Bundesregierung mehr Geld ausgeben soll. Darauf sind sie in Deutschland bisher noch nicht gekommen und schließen sich damit in sehr gemäßigter Form der Linie der Wirtschaftsnobelpreisträger an, die Angela Merkel Ende August für ihre Politik in der Euro-Krise heftigst abgewatscht haben. Das Ohrfeigengewitter, das die deutsche Kanzlerin in Lindau kassierte, fand in in ungewöhnlicher Schärfe auch seinen Weg in das CDU-Fanzine DIE WELT.

Das Pfeifen im Walde, mit dem man bei der WELT noch im Frühjahr versucht hat, eine drohende Deflation zu ignorieren, müsste also etwas leiser geworden zu sein, aber so richtig kapiert haben es die Premium-Mitarbeiter im Wirtschaftsressort der WELT wohl immer noch nicht. (Der kluge WELT-Leser erkennt natürlich sofort: Aha, an den fiesen Umverteilungsgeschenken sind natürlich die Sozen schuld.) Unbeirrt fordert die Chefkorrespondentin für Wirtschaftspolitik die schwarze Null so vehement wie BILD und Konsorten seinerzeit den vierten Stern auf dem DfB-Trikot. Die hirnrissige Fetischisierung dieser PR-Sprechblase nimmt inzwischen schon eigenartige Formen an:

Der baden-württembergische Finanzminister Nils Schmid (SPD) präsentiert seine schwarze Null (rechts).

Man wartet förmlich darauf, dass die sympathische schwarze Null ein eigenes Büro im Finanzministerium erhält und deutsche Politiker zuerst als Maskottchen, dann als Haushaltsexpertin bei Reisen nach Brüssel begleitet.

Schwieriges Wort, alle nachsprechen: [ˈløː]

In all dem Getöse um Wachstum, Konjunktur und Nachfrage fehlt so gut wie immer ein Thema, das flächendeckend ignoriert wird: Löhne. Ich habe im Juli bereits auf einige interessante Stimmen in den USA und Deutschland hingewiesen, die aber im Gros der Berichterstattung völlig untergehen. Im damaligen Artikel stand zu dem Thema auch, dass eben nicht Frankreich „zu teuer“ (Schäuble), sondern Deutschland zu billig sei und (vereinfacht gesagt) mit Billig-Exporten seinen europäischen Nachbarn vor die Wahl gestellt hat, sich immer weiter zu verschulden (und ihm das vorzuwerfen) oder ähnliche Maßnahmen wie die Agenda 2010 zu ergreifen. Nachdem Hollande Ende August seinen Wirtschaftsminister Montebourg abgesägt hatte, der Deutschland zurecht Lohndumping vorgeworfen und – genau wie die Nobelpreisträger in Lindau – statt blinden Sparens Konsumanreize von Berlin gefordert hatte, kündigte Hollande nach seinem letzten Rapport im Kanzleramt Kürzungen im französischen Sozialetat um etwa 20 Milliarden Euro an. Wurde aber auch Zeit! Bei der FAZ stehen die Claqueure schon bereit und bezeichnen diesen Kahlschlag als „erfrischend kaltblütig“. Konservativ und meinungsstark, so lieben wir die FAZ. Dann kann es jetzt in Deutschland, Frankreich und dem ganzen Rest ja nur noch aufwärts gehen, oder?

Fragt doch mal Tokio

FAZ, WELT, DIW, wie sie alle heißen und nicht zuletzt die Bundesregierung könnten ja auch mal schüchtern in Tokio anfragen, wie sich ein Vierteljahrhundert Deflation denn so anfühlt und welche Lehren der aktuelle Gouverneur der Bank of Japan daraus gezogen hat. Natürlich sind die Ausgangssituationen nicht identisch, aber es ist schon bemerkenswert, dass Tokio scheinbar mehr als zwei Jahrzehnte benötigt hat, um auf den Trichter zu kommen, dass die Löhne eine wichtige Rolle bei der Konjunktur spielen. Bleibt zu hoffen, dass Europa, und allen voran Deutschland, nicht ebenso lange brauchen.

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