Neue Studie: Autos kaufen keine Autos! Experten noch uneinig

Ich weiß gar nicht, wie oft ich in den letzten Tagen das angebliche Zitat Henry Fords „Autos kaufen keine Autos“ gelesen habe. Statt Autos können es auch schon weitaus billigere Güter sein, die sich so manch einer nicht leisten kann. Der Spruch mit den Autos soll natürlich illustrieren, dass Konsumenten Geld in der Tasche haben müssen, um Güter kaufen zu können. Zu genau diesem Thema im Zusammenhang mit einer drohenden Deflation habe ich ja im Mai schon mal geschrieben und die Einsicht, dass wenige Vermögende den Binnenkonsum niemals so ankurbeln können wie die breite Bevölkerung, war auch damals schon nicht neu.

In der Zwischenzeit haben sich sogar Leute wie der CEO bei Goldman Sachs öffentlich Gedanken über die Folgen ungerecht verteilter Löhne gemacht und nach OECD und IWF springt man inzwischen auch bei der Bundesbank auf diesen ganz heißen Trend auf. Bemerkenswerterweise hat sich der Chef des Ladens noch vor gut zwei Wochen mit den üblichen Argumenten gegen einen Mindestlohn gestemmt.

Sachverstand optional

Ob und wie das zusammenpasst, mögen Chefvolkswirt und Präsident der Bundesbank untereinander ausknobeln. Nebenbei sei aber daran erinnert, dass die Bundesbank eine Institution ist, die zwischenzeitlich „Experten“ wie Thilo Sarrazin in ihren Vorstand berufen hat. Dieser hatte vorher als Berliner Finanzsenator hauptverantwortlich ein Spekulationsgeschäft der Berliner Verkehrsbetriebe durchgewunken, das die BVG (und damit das notorisch klamme Berlin) mal eben 150 Millionen Euro gekostet hat – und das Sarrazin laut Sitzungsprotokoll des Aufsichtsrats nicht mal verstanden hat. Seinen Vorstandsposten räumen musste Sarrazin bekanntermaßen, nachdem er ein umstrittenes Buch geschrieben hatte – nicht etwa aus Mangel an wirtschaftlichem Sachverstand.

Wahrscheinlich greift ja die Debatte um höhere Reallöhne in den westlichen Volkswirtschaften sowieso noch viel zu kurz, wie diese Kritik an Thomas Piketty illustriert. Ob diese Überlegung jetzt zu weit oder sogar zu weit nach „links“ führt, soll mal jeder schön selbst entscheiden. Den Rahmen dieses Artikels würde sie jedenfalls sprengen, deshalb nur der Hinweis und weiter im Text.

In diesem Beitrag geht es darum, am Beispiel der Bundesbank aufzuzeigen, wie sogenannte Wirtschaftsexperten sich so gar nicht um das eigene Geschwätz von gestern kümmern müssen. Der angesprochene Chefökonom der Bundesbank, Jens Ulbrich, lobt die Gewerkschaften allen Ernstes, sie hätten jahrelang „sehr verantwortungsbewusst Lohnzurückhaltung geübt“. Damit will er sagen, dass die Lohnzurückhaltung, die Bundesbank und Konsorten aus Angst vor Inflation all die Jahre gepredigt haben, bis vor einigen Tagen richtig gewesen sein soll, aber es jetzt nicht mehr ist. Wie jetzt?

Kehrtwende als Kurskorrektur

In Ulbrichs Logik war es also bis vor einigen Tagen richtig, dass die Reallöhne seit 2000 gesunken sind*, knapp ein Viertel der Beschäftigten im Niedriglohnsektor arbeitet usw. usf. – aber ab jetzt sollten die Arbeitnehmer doch lieber mehr Geld verdienen? Der Effekt soll natürlich eine Belebung des Binnenkonsums sein, um eine drohende Deflation abzuwenden, nachdem mit Geldpolitik nichts mehr zu machen ist. Ulbrich erwähnt natürlich nicht, dass genau durch die von der Bundesbank propagierte Niedriglohnpolitik das Problem überhaupt erst entstanden ist, sondern tut so, als habe man alles richtig gemacht und müsse lediglich leicht den Kurs korrigieren. Dabei ist das, was er fordert, nichts anderes als eine völlige Kehrtwende und das Eingeständnis, dass der bisher verfolgte Weg mindestens seit der Agenda 2010 falsch war.

„Verstehen die Kapitalisten den Kapitalismus nicht?“ fragte Heiner Flassbeck vorigen Monat stellvertretend für einen Studenten. Bei der Bundesbank scheint man da immerhin schon mal weiter als im Finanzministerium zu sein, wo Schäuble immer noch die sparsame schwäbische Hausfrau gibt und lieber analysiert, dass Frankreich „zu teuer“ sei, anstatt sich zu fragen, ob nicht Deutschland etwa zu billig ist (Stichwort Exportüberschüsse – weil es schön war, zur Analyse nochmal Flassbeck)

Um obige Frage zu beantworten: Ich habe keine Ahnung, ob „die Kapitalisten den Kapitalismus“ verstehen. Es scheint aber auch völlig egal zu sein. Letzten Endes sind Ökonomen, die ja den Kurs in Politik und Wirtschaft vorgeben, jedenfalls die einzigen „Experten“, die öffentlich solche Kehrtwendungen um 180 Grad vollführen dürfen und damit trotzdem noch als seriöse Vertreter einer wissenschaftlichen Disziplin durchgehen.

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* Ich verweise auf einen etwas älteren Artikel, weil die Löhne z.Z. tatsächlich leicht ansteigen, wie ja auch der verlinkte FAZ-Artikel aufatmend feststellt. Das liegt allerdings an der extrem niedrigen Inflation (bzw. einsetzenden Deflation), ändert nichts an der langfristigen Entwicklung und hilft in der aktuellen Situation leider auch wenig.

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