Fred verbockt das Heute-Journal von gestern

Der ein oder andere hat ja vielleicht gestern das Halbfinalspiel zwischen Brasilien und Deutschland gesehen. Wer in der Halbzeit nicht rauchen, pinkeln oder Bier holen war, konnte ein Heute-Journal im ZDF bewundern, das ebenfalls ziemlich bemerkenswert war.

Aufhänger des Abends war natürlich die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten. Claus Kleber erzählte dieses und jenes und sprach dann in einer Live-Schalte mit dem dortigen Korrespondenten. Dieser berichtete über Gewalt, Raketen, zivile Opfer – kurz: „Das ist Nahost-Wahnsinn pur.” Ich weiß nicht, ob diese bescheuerte Boulevardsprache mit ihren mittels Bindestrichen zusammengepappten Komposita die angemessene Form ist, um über eine derartige Situation zu berichten. Und bei „Wahnsinn pur” denke ich an Wolle Petry, aber nicht an politische Krisen. Gut, das kann in einem Live-Gespräch schon mal passieren und darum soll es hier auch nur am Rande gehen. Viel interessanter ist, was danach passierte.

Von Tel Aviv nach Belo Horizonte

Nach knapp dreieinhalb Minuten zum Nahen Osten folgt direkt die nächste Live-Schalte vor das Stadion in Belo Horizonte. Dort interviewt Kleber dann beinahe ebenso lang den dortigen ZDF-Korrespondenten zu den Reaktionen der Brasilianer zur ersten Halbzeit im Spiel zwischen Deutschland und Brasilien. Dieser analysiert: „Das ist Schockstarre pur.” Mal abgesehen davon, wie sinnvoll es ist, im Voraus über mögliche Reaktionen der Brasilianer nach dem Spiel zu spekulieren und auch mal abgesehen davon, dass außer dem Korrespondenten sowieso ein beinahe durchgängig weißes und vor allem privilegiertes Publikum im Stadion sitzt, das vielleicht den brasilianischen Stürmer Fred als Sündenbock ausbuht, aber mit Sicherheit nicht wegen sozialer Missstände auf die Straßen gehen wird – fällt im ZDF niemanden auf, dass hier zwei Ereignisse gleichranging präsentiert wurden, die nicht mal ansatzweise dasselbe Gewicht haben? Natürlich gehört es zu den Eigenarten der Fernsehnachrichten, dass teilweise übergangslos von der ganz großen Weltpolitik zu eher mäßig interessanten Themen gewechselt wird. Aber von einem hoch brisanten Konflikt mit Toten und Verletzten zum Halbzeitstand eines Fußballspiels zu wechseln und beide in einem Parallelismus von Ablauf, Länge, Optik, Intensität und Sprache auf eine Stufe zu stellen, das ist schon mehr als eigenartig. Eins könnte das ZDF vom brasilianischen Publikum schon mal lernen: Wenn etwas schief läuft, kann man es immer noch auf Fred schieben.

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