Wie ich lernte, die Drohne zu lieben

Vielleicht sollte ich diese Seite langsam in ZEIT-Blog umbenennen. Um es mal klar zu sagen; ich halte die ZEIT für ein relevantes Organ, die durchaus guten Journalismus zu bieten hat. Gerade deshalb irritieren mich die penetranten Forderungen nach mehr Aufrüstung und mehr militärischer „Verantwortung“. Wenn ein Leitmedium anfängt, in solchen Fragen die Politiker von Gauck über Steinmeier bis von der Leyen nachzubeten, mache ich mir Sorgen um die vierte Gewalt.

Mein liebster Dampfplauderer Josef Joffe darf mal wieder in seiner Zeitgeist-Kolumne ran: „Syrien, Irak, Ukraine: Die Einschläge kommen näher.“ Chronologisch müsste es eigentlich „Syrien, Ukraine, Irak“ heißen, aber dann würden sich in Joffes schiefem Bild die Einschläge entfernen. Das kann ja keiner wollen. „Wie sich das Gerüst der europäischen Stabilität vor unseren Augen zu verbiegen beginnt“, sehen wir laut Joffe. Seit 1968 habe es das nicht gegeben. Wenn man den Einsatz der NATO im Kosovo ohne UN-Mandat vergisst, stimmt das sogar fast. Und wenn die Ukraine, Georgien und Moldau mitsamt ihren Konflikten neuerdings auch irgendwie Europa sind, verbiegt sich da tatsächlich etwas. Zum Thema Ukraine, EU und Russland wurde hier allerdings schon genug gesagt.

Joffes Zeitgeist von 1897

Teils im Zusammenhang mit dem Thema, teils losgelöst davon, werden die Rufe nach Aufrüstung und militärischem Engagement in der ZEIT ja immer lauter. Interessant ist Joffes Grundhaltung, fast drei Viertel der deutschen Bevölkerung weltfremden Pazifismus zu unterstellen, wo doch der Iwan vor der Tür steht. (Das funktioniert natürlich auch ganz subtil über das Foto des Panzers, den wohl irgendwelche Hippies mit buntem Quilt verhüllt haben. Spinner.) Einigermaßen sicher ist eigentlich, dass die Atommächte Russland und NATO sich nicht angreifen werden. Falls doch, brauchen wir uns über Aufrüstung sowieso keine Gedanken mehr machen und dann helfen auch keine „300.000 US-Soldaten in Europa“, denen Joffe heiße Tränen nachweint. Strategisch hinkt Joffe mit seiner Einschätzung, deren Anwesenheit hätte am Lauf der Krimkrise etwas geändert, sowieso gut hundert Jahre hinterher.

Was Joffe und einigen seiner Kollegen bei ihren Profilierungsversuchen als Welterklärer abgeht, ist eine Betrachtungsweise, die über den Status Quo hinausgeht und mehr als nur den Moment sehen will: „Isis ist die Quittung für den Truppenabzug 2011.“ Diesen Zusammenhang kann man herstellen. Aber warum waren die US-Truppen nochmal genau im Irak? Und wie lange hätten sie denn bleiben sollen – oder können, wenn man sich die Kosten ansieht und bedenkt, dass die Iraker sie nicht mehr sehen wollten? Wie konnte im Nachbarland Syrien ein despotisches Regime im Westen jahrelang als guter Partner durchgehen? Und was treibt die schiitische Regierung al-Maliki im Irak seit Jahren denn so? Könnte alles zum Verständnis beitragen. Wenn Joffe dann noch Staaten (China, Russland, Iran) und ISIS-Milizen in einen Topf wirft und ausgerechnet die Situation im Irak als gutes Beispiel für mehr militärisches Engagement anführen will, sollte man spätestens gemerkt haben, dass da jemand den eigenen Tellerrand vermutlich nie erblicken wird.

Joffe und Bittner im Tag-Team

Da bei der ZEIT ja scheinbar gerne im Tag-Team gearbeitet wird, lohnt es sich, auch den zweiten Kommentar zum Thema lesen. Jochen Bittner interessiert sich nicht wie Joffe für Panzer und Soldaten, sondern befürwortet ganz modern die Anschaffung von Drohnen. Er ist dabei schlau genug, den Missbrauch dieser Waffensysteme durch die USA nicht zu verschweigen. Eine mögliche Konsequenz wäre natürlich, dann grundsätzlich über Drohnen nachzudenken. Mit Sicherheit gibt es Argumente, die für und eben auch welche, die gegen den Kauf und den Einsatz dieser Geräte sprechen. Bittner stellt mit Blick auf den US-amerikanischen Einsatz von Drohnen aber nur treuherzig fest: „Die Bundesregierung hat glücklicherweise nichts von all dem je getan, noch will oder dürfte sie es plötzlich.“ Damit ist die Diskussion gelaufen.

Weiter unten spricht er Hubschrauber- und Jetpiloten wegen „erlebter Todesangst“ allzu viel Rationalität ab und außerdem gerieten diese auch schon mal in einen Blutrausch. Mag sein. Wie er mit solchen Feststellungen das Argument entkräftet haben will, dass räumliche Distanz womöglich die Hemmschwelle absenke, weiß wohl nur er selbst. Am Schluss wendet Bittner noch Trick 17 der Rhetorik an und überzeichnet die Äußerungen der Gegenseite, um sie ins Lächerliche zu ziehen: „Killerroboter, die biometrische Steckbriefe abarbeiten, könnten demnächst über die Welt schweben, warnen Kritiker.“ So klingt Kritik natürlich recht albern und könnte tatsächlich von Leuten stammen, die Panzer in bunte Quilts hüllen (s.o.). Dagegen wirkt doch dann die folgende Stellungnahme aus dem deutschen Verteidigungsministeriums wohltuend rational, welche „jeden Waffengebrauch alleine aufgrund einer Computer- oder Maschinenlogik” kategorisch ausschließt. Oder? Sorgen macht in diesem Zitat natürlich das Wörtchen „alleine“, denn es scheint schon heute so zu sein, dass ein Teil der Entscheidungen sehr wohl Computern überlassen wird. Wer dann noch denkt, dass solche Automatisierungsprozesse in ihrer Entwicklung einfach stehen bleiben, weil irgendein Politiker mal irgendwann irgendetwas „kategorisch“ ausgeschlossen hat, der glaubt auch an den Weihnachtsmann.

Bittners Blendgranate

Richtig absurd wird es, wenn Bittner auf von der Leyens Verharmlosungslinie einschwenkt und fabuliert, das Völkerrecht gebiete es, Drohnen ins Arsenal aufzunehmen, weil man dadurch die sogenannten Kollateralschäden minimiere. Also Waffen, um den Krieg „weniger inhuman“ zu machen, wie es im Titel heißt. Spätestens da denkt man doch an das Märchen der chirurgischen Präzisionswaffen, das seit dem zweiten Golfkrieg wohl hoffentlich keiner mehr glaubt. Der offizielle Bericht des UN-Sonderberichterstatters zum Drohnenkrieg der USA im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet weist gut ein Viertel ziviler Opfer aus (und diese Zahlen sind sicher eher moderat). Präzisionswaffen scheinen das nicht wirklich zu sein. Also, wenn man schon den Pazifisten Weltfremdheit unterstellen will, sollte man doch selber mal ausnahmsweise die Realität berücksichtigen: „Weniger inhumane“ Waffensysteme sind rhetorische Blendgranaten (Pulitzer-Preis, here I come) und im Namen der Menschenrechte mal eben mit der (bemannten oder unbemannten) Luftwaffe rüber bringt nicht immer das gewünschte Ergebnis (siehe Libyen).

Enttäuschend an diesen ganzen Unkenrufen ist, dass immer so getan wird, als ob Konflikte unvorhersehbar wie Naturgewalten auftreten, westliche Akteure mit den Ursachen nie etwas zu tun hätten und jetzt aber ganz schnell, ganz sauber militärisch ran müssen, weil Diplomatie ja nichts mehr bringt. ISIS ist nicht „die Quittung für den Truppenabzug 2011“, sondern – wie schon so oft – die Quittung für eine über Jahre und Jahrzehnte verbockte Politik in der gesamten Region, in der alle Beteiligten ihr Süppchen kochen und in der sich auch der Westen für alles Mögliche, aber garantiert nicht für Frieden und Menschenrechte eingesetzt hat. Was Joffe und Konsorten nicht verstehen wollen, ist, dass der Pazifismus der Deutschen nicht unbedingt mit Indifferenz zu tun haben muss. Auch wenn Joffe („Zeitenwende”) wie Präsident Gauck den gegenteiligen Eindruck erwecken wollen – Militäreinsätze und Aufrüstung sollten für Deutschland auch knapp siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht selbstverständlich sein. Außerdem scheint das Volk nicht völlig blind und amnesisch zu sein und erinnert sich daran, dass nicht wirklich jede militärische Konfrontation oder Intervention Konflikte gelöst, geschweige denn deren Ursachen beseitigt hat.

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