Brüh’ im Lichte dieses Glückes

WM, WM, WM. Man kann sich über vieles an dieser Weltmeisterschaft freuen und über vieles ärgern. Nein, nicht über das Unentschieden gegen Ghana, das ging klar. Neben all den hässlichen Begleiterscheinungen der FIFA-Veranstaltung in Brasilien ärgere ich mich als deutscher Fernsehzuschauer zur Zeit über die undifferenzierte Berichterstattung aus dem DFB-Quartier, das sinnlos in den Urwald gepflastert wurde und das so idyllisch liegt, dass deutsche Spieler mit Bagatellverletzungen per Hubschrauber ins nächste Krankenhaus geflogen werden müssen. Ebenfalls fliegen muss Katrin Müller-Hohenstein samt Team, wenn sie alle paar Tage beim DFB-Team aufschlägt, um Filmchen mit Poldi am Pool oder dem „coolen“ Jogi Löw zu drehen, der vor den Kameras 20 Meter Strandlauf im Abendlicht absolviert und danach vom Experten eine tolle Fitness bescheinigt bekommt. Da kann man sich schon veralbert vorkommen.

Noch ärgerlicher ist das Harmoniegetue und Wir-Gerede, weil mit Sicherheit auch einige Beitragszahler vor den Geräten sitzen, die nicht für die deutsche Nationalmannschaft sind. Sowas soll’s geben, auch wenn Bitburger schon die Volksfront mit 80 Millionen Fans ausgerufen hat. Oder man ärgert sich über Brazzo Salihamidžićs Interviews, die natürlich ganz sympathisch sind, aber nie über diese Buddy-Nummer hinauskommen, in der zwei große Jungs sich gegenseitig auf die Schulter klopfen und sich unheimlich gut finden. Oder Beckmann.

Abgesehen davon könnte man seitenweise über die unsagbar schlechten deutschen Kommentatoren abledern, die erfolglos versuchen, Emotionen und Kompetenz zu heucheln, anstatt ihren Job zu machen und das Spiel zu kommentieren. Deutsche Kommentatoren ziehen aber gerne 90 Minuten lang ihr Fazit, schweigen einfach mal ausgiebig oder schwadronieren weiter, was der Schwippschwager eines Spielers anno ’86 so getrieben hat, während gerade der Konter läuft.

Andere versuchen, im Stil eines Marcel Reif oder Wolf Fuß zu kommentieren und bemühen sich ebenso krampfhaft wie diese, mit jedem zweiten Satz einen Grimme-Preis für besonders ulkige Formulierungen zu gewinnen. Dabei bleiben oft Sätze halbfertig in der Luft stehen und werden dann nach längerer Pause mit eigenartigen Stilblüten „gerettet“ (z.B. dass die Bosnier „mit Eiswürfeln an den Beinen“ verteidigen – soll heißen, irgendwie cool). Wem das auf die Nerven geht, dem bleibt eigentlich nur das angelsächsische Kommentarmodell, bei dem meist noch irgendein alter Haudegen als Co-Kommentator auftritt und für die nötige Portion Enthusiasmus und Sachverstand sorgt.

Klischee-Kanonen

Wenn deutsche Kommentatoren im Chor mit Moderatoren und Experten ganze Breitseiten an Stereotypen abfeuern, weiß man schon gar nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll: Steffen Simon lästerte ebenso wie Oliver Kahn über „die Südländer“, gute Leistungen „kleinerer“ Mannschaften werden vorzugsweise mit dem Wetter oder zur Not deren Mentalität erklärt. Mehmet Scholl mag den englischen Fußball nicht, attestiert dem Südamerikaner ein Faible für Frustfouls und stellt fest, dass afrikanische Mannschaften „halt so“ spielen. Sehen ja alle gleich aus. Eine Analyse von Experten, die alle Zeit zur Vorbereitung haben, sollte eigentlich ohne eine solche Unmenge an Plattitüden auskommen.

Passend zu dieser Geisteshaltung ist auch der Umgang mit den Schiedsrichtern. Nachdem die Leistungen der Unparteiischen an den ersten beiden Turniertagen für reichlich Gesprächsstoff gesorgt hatten, muss in der ganzen Schland-Besoffenheit natürlich auch der deutsche Schiedsrichter Weltmeister werden. So zog Kommentator Tom Bartels während der Partie Uruguay gegen Costa Rica schon nach wenigen Minuten sein Fazit mehrfach und lobte Felix Brych über den grünen Klee. Leider gab dieser in der 57. Minute ein irreguläres Tor für Costa Rica. Die ARD war allerdings dermaßen erpicht darauf, Brych eine fehlerfrei Partie zu bescheinigen, dass Opdenhövel und Scholl ziemlich weit übers Ziel hinausgeschossen sind. Ersterer betonte, man habe sich die Szene „gefühlte 38-mal“ angesehen und man solle ja im Zweifel für den Angreifer sein. Zum Beleg wird dann ein Standbild gezeigt, bei dem Angreifer und Abwehrspieler zwar etwa auf gleicher Höhe stehen – der Fuß des passgebenden Spielers ist allerdings noch einen „gefühlten“ halben Meter vom Ball entfernt (zu bewundern hier, ab 3:08min)! Wäre das Bild wie immer dann angehalten worden, als der Fuß am Ball war, hätte man ein klares Abseits und eine klare Fehlentscheidung gesehen.

ARD-Mediathek 2014-06-23

Peinlich, dass nach all dem Gemecker über zweitklassige Schiris (Japaner, Kolumbianer und sonstige Ausländer) solche Fehler dann auch „unserem“ teutonischen Unparteiischen passieren. Noch peinlicher ist, was im deutschen Fernsehen daraus gemacht wird (und nicht nur dort: Deutschlands Fachpostille kicker zog nach und gab Brych die Note Eins). Schlimmer als die Manipulation ist die Unverfrorenheit, mit der die ARD ihre Zuschauer für dumm bzw. blind verkauft.

Selektive Wahrnehmung

Gestern passierte es dann wieder, diesmal im ZDF: Im Spiel Russland gegen Belgien entschied Felix Brych in der 26. Minute fälschlicherweise nicht auf Elfmeter, als der Belgier Alderweireld den Russen Kanunnikov im Strafraum zu Fall brachte. Man muss dazu sagen, dass dieses Foul wirklich nicht einfach zu erkennen war. Falsch war die Entscheidung trotzdem, das war spätestens mit der ersten Zeitlupe klar. Kommentator Béla Réthy brauchte drei Wiederholungen, rang hörbar mit sich und musste daraufhin tatsächlich dem deutschen Schiedsrichter einen Fehler attestieren. Dann kam die Halbzeit.

Um ehrlich zu sein, sehe ich mir Halbzeitanalysen gar nicht oder wenn, dann lieber im britischen Fernsehen an, wo drei ehemalige Fußballer sitzen, die tatsächlich über das Spiel sprechen, mehr als eine Situation taktisch analysieren und sich auch tatsächlich mal uneinig sind. Im Unterschied zum Konsensgesülze und den eigenartigen Analysen bei ARD und ZDF kann das sehr erfrischend wirken. Zwischendurch sah ich im deutschen Fernsehen den ehemaligen Schiedsrichter Urs Meier herumgestikulieren. Was er sagte, weiß ich nicht (der Ton war abgeschaltet), aber das Ergebnis war nach Wiederanpfiff zu bewundern: Kommentator Réthy streute Asche auf sein Haupt und rehabilitierte „unseren“ Schiri und dessen Entscheidung – alles richtig gemacht, kein Elfmeter.

Und jetzt? Dass der ach so harmlose Party-Patriotismus im Fußball immer noch viel mit Nationalismus zu tun hat, scheint ja erwiesen und scheinbar muss jetzt nicht nur „Deutschland“ in Form der Nationalmannschaft siegreich sein, sondern auch die deutschen Schiedsrichter müssen „gewinnen“. Komisches Land, dieses Deutschland. Egal, ich schaue jetzt Niederlande gegen Chile. Nicht in Tom Bartels’ Schlaflabor, sondern im englischen Stream.

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2 thoughts on “Brüh’ im Lichte dieses Glückes

  1. Danke für deinen schönen Beitrag! Ich habe mich ein paar mal geärgert, dass wir die Deutschlandspiele nicht mit deutschem Kommentar sehen können. Aber jetzt bin ich auch ein wenig froh! Ich finde die Spiele hier übrigens immer sehr objektiv kommentiert. Auch wenn Belgien selbst spielt. Das ist ja eigentlich gut, aber manchmal wünsche ich mir ein wenig mehr Leidenschaft. Also es muss ja nicht immer so (http://www.youtube.com/watch?v=azUgsIkBGYc) sein, aber auch sachlich gut kommentiert kann ja mitreißend sein!
    Gruß r

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