Schisma? Schieß ma’!

Die Welt ist ja so unübersichtlich, lassen wir sie uns doch mal von Theologen erklären, die haben meist einfache Erklärungsmuster. Der Papst äußert dieser Tage erneut harsche Kritik an der herrschenden Form des Kapitalismus: „Der Kapitalismus braucht den Krieg.“

Passenderweise hat man auch dem Theologen Joachim Gauck wieder mal ein Mikrofon vor die Nase gehalten und das deutsche Staatsoberhaupt erneuerte prompt seine Forderung nach mehr außenpolitischer und militärischer Verantwortung Deutschlands, denn „für das Überleben unschuldiger Menschen ist es manchmal erforderlich, auch zu den Waffen zu greifen“. So wird das schwierig mit der Ökumene.

Vor etwa zehn Tagen habe ich ja anhand dreier ZEIT-Artikel über den immer lauter werdenden Ruf nach Aufrüstung und militärischer Verantwortung in Deutschland geschrieben. Mal sehen, was man da jetzt so sagt. „Weltpolizist oder Mahner?“ betitelt Karsten Pohle-Majewski seinen Artikel zu Gaucks neuerlicher Forderung.

Die Kritik an Gauck ganz bequem „links“ zu verorten, lasse ich einfach mal als Trick 17 durchgehen. Interessanter finde ich, dass er mit seiner Überschrift dem Bundespräsidenten schon auf den ersten Holzweg folgt, weil er ebenso wie der Pfarrer aus der ehemaligen DDR nicht zu begreifen scheint, dass Polizei und Militär grundsätzlich verschiedene Aufgaben übernehmen. Deshalb wird die Bundeswehr auch nicht im Landesinneren eingesetzt und das ist auch gut so. Gauck: „So wie wir eine Polizei haben und nicht nur Richter und Lehrer, so brauchen wir international auch Kräfte, die Verbrecher oder Despoten, die gegen ihr eigenes Volk oder gegen ein anderes mörderisch vorgehen, zu stoppen.“ So kann man Außenpolitik meinetwegen im Kinderkanal erklären, aber für ein Interview im Deutschlandfunk ist das doch reichlich simpel. Ja, die Polizei kann einen Verbrecher aus dem Verkehr ziehen und damit die staatliche Ordnung normalerweise wieder herstellen – das Vorgehen einer Militärallianz gegen einen Despoten in dessen Land ist aber keine Wirtshauskeilerei, bei der man den Aggressor abführt und danach automatisch Ruhe einkehrt. Damit wären wir auch schon beim zweiten wichtigen Punkt, den sowohl Gauck als auch Pohle-Majewski ignorieren: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Bilanz bisheriger militärischer Einsätze. Irak, Syrien, Afghanistan – alles nach Wunsch gelaufen? „Verbrecher oder Despoten“ entfernt; Freiheit, Sicherheit und Demokratie installiert?

Am Einsatz im Irak hat sich Deutschland ja bekanntlich nicht beteiligt, er findet sich aber trotzdem in dieser kurzem Liste, weil er das Stichwort zum dritten Problem der Forderung Gaucks liefert: Legitimation. „Es ist im Verbund mit denen, die in der Europäischen Union oder in der NATO mit uns zusammengehen, ein Ja zu einer aktiven Teilnahme an Konfliktlösungen im größeren Rahmen.“ Der Bundespräsident spricht von EU und NATO – aber nicht von den Vereinten Nationen. Pohle-Majewski folgt seinem Staatsoberhaupt Gewehr bei Fuß: „Ebenfalls nahmen die Kritiker offenbar nicht wahr, dass Gauck keineswegs schnelles militärisches Eingreifen forderte. Vielmehr ist es ihm ein letztes Mittel, das auch nur im Rahmen von EU oder Nato denkbar ist.“ Als einer dieser Kritiker wundere ich mich eher darüber, dass weder Gauck noch sein Adjutant in der ZEIT die Vereinten Nationen mit keinem Wort erwähnen. Stattdessen erwecken sie den Anschein, als seien Militäreinsätze mit dem Placet von EU und NATO ausreichend legitimiert.

Papst Franziskus: „Das System braucht den Krieg, um zu überleben.“
Pastor Gauck: „Und dann ist als letztes Mittel manchmal auch gemeinsam mit anderen eine Abwehr von Aggression erforderlich. Deshalb gehört letztlich als letztes Mittel auch dazu, den Einsatz militärischer Mittel nicht von vornherein zu verwerfen.“

Gaucks Formulierung klingt reichlich gewunden und leider erklärt er auch nicht näher, was denn diese „anderen“ Mittel so sein könnten, die man ja irgendwie auch einsetzen kann. Wäre doch mal interessant. Man gewinnt bei Gauck und manchen journalistischen Wasserträgern ja den Eindruck, die Welt leide an einem akuten Mangel an Militäreinsätzen, weil überall Peaceniks den Ton angeben. Die hyperbolische Darstellung Franziskus’ ist mit Sicherheit auch nicht besonders geglückt, aber wenn ich schon Theologen glauben soll, scheint sie mir doch immer noch näher an der Wahrheit zu sein als die Kindergarten-Euphemismen und die Scheinheiligkeit, mit denen Gauck eine Militarisierung vorantreibt: „[Deutschland] steht an der Seite der Unterdrückten.“ Amen.

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Ergänzung: Eine ausführlichere und wesentlich tiefer gehende Analyse des deutschen Bundespräsidenten und seiner Agenda lieferten die Blätter für deutsche und internationale Politik schon im März, hier.

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